Die Zi­tro­nen schwes­tern

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Nur Isa­bel­le hat­te sich in der ver­gan­ge­nen Nacht an­ge­bo­ten, ihr zu hel­fen. Ge­mein­sam hat­ten sie Plätz­chen ver­packt und Dut­zen­de Ble­che mit knusp­ri­gen Kräu­ter­bro­ten aus dem Ofen ge­holt, doch als ih­re Freun­din im­mer wie­der von Adrian an­fing, der in den letz­ten Ta­gen un­auf­hör­lich mit Ei­mer und Pin­sel be­waff­net die Lei­ter rauf und run­ter ge­stie­gen war, hat­te Elet­t­ra be­reut, die Hil­fe der Heb­am­me an­ge­nom­men zu ha­ben.

Seit die Äb­tis­sin im Ko­ma lag, hat­te sie kei­ne Ge­le­gen­heit mehr ge­habt, län­ger als ein paar Se­kun­den mit ihm zu­sam­men zu sein, so sehr war sie mit den Vor­be­rei­tun­gen für die Er­öff­nungs­fei­er be­schäf­tigt. Wenn sie al­ler­dings dar­an dach­te, was pas­sie­ren wür­de, wenn der Tag erst vor­bei wä­re und die An­span­nung nach­las­sen wür­de, lief es ihr eis­kalt den Rü­cken her­un­ter.

Tat­säch­lich hat­te sie in all der Auf­re­gung noch nicht an das Da­nach ge­dacht. Soll­te sie fah­ren oder auf der In­sel blei­ben und sich wei­ter­hin das Mär­chen er­zäh­len, dass sie al­le Zeit der Welt hat­te, um über ihr Le­ben zu ent­schei­den? Wel­che Rol­le wür­de Adrian dar­in spie­len? Gab es über­haupt ei­ne Zu­kunft für sie bei­de?

Sie stand an ei­nem Schei­de­weg. Ba­cken war mo­men­tan das Ein­zi­ge, was sie zu be­ru­hi­gen ver­moch­te, da­her hat­te sie vol­ler Ta­ten­drang das Fens­ter ge­öff­net, da­mit die sal­zi­ge Nacht­luft ih­re Wan­gen er­frisch­ten konn­te, und al­le Zu­ta­ten auf dem Tisch be­reit­ge­stellt.

Für das Fest woll­te sie bis zum Mor­gen noch ei­ne gro­ße La­dung Anis­bröt­chen ba­cken. Das war sie Ed­da schul­dig. Die Bröt­chen hat­ten sie erst auf die Spu­ren die­ses ma­gi­schen Or­tes ge­führt und wa­ren da­her ei­ne Art Hom­mage an ih­re Mut­ter und an die Ga­ben der Ver­gan­gen­heit. Für die Schwes­ter, die sie ge­schenkt be­kom­men hat­te, und für die Lie­be, von der sie sich in die­sen Mau­ern um­ge­ben fühl­te.

Die­se Lie­be war re­al und greif­bar. Sie brauch­te nur die Hand an die Wand zu le­gen, um ih­re Wär­me zu spü­ren.

Ei­ne Lie­be, die Elet­t­ra in je­des Krü­mel­chen Teig ein­flie­ßen las­sen woll­te, in je­de Be­we­gung, mit der sie die war­me, nach Al­ko­hol und Ge­wür­zen duf­ten­de Mas­se kne­te­te. Sie hat­te die gan­ze Nacht durch­ge­ar­bei­tet, sich dann auf den Stuhl ge­setzt und ge­war­tet, dass der Teig auf­ging, die Ar­me um die Knie ge­schlun­gen und den Blick in den Ster­nen­him­mel ge­rich­tet. Als sie, nach lan­gen St­un­den, in de­nen ih­re Ge­dan­ken und Hoff­nun­gen sie ge­quält hat­ten, die Bröt­chen in den Ofen ge­scho­ben hat­te, hat­te er­neut der Zau­ber der klei­nen grü­nen Sa­men zu wir­ken be­gon­nen.

Der Duft war förm­lich ex­plo­diert, hat­te sich zwi­schen den Flam­men des Ofens aus­ge­brei­tet, hat­te sich über den Bo­den der Kü­che ge­schlän­gelt und war zum Fens­ter hin­aus­ge­schlüpft, um von dort ei­nen ima­gi­nä­ren Pfad ent­lang­zu­wa­bern, der das Klos­ter mit dem Dorf ver­band. Ein über­di­men­sio­na­les Band zwi­schen die­ser Kü­che und ei­ner Hand­voll zor­ni­ger See­len, de­ren Lie­bes­fä­hig­keit das Meer zwar ver­letzt und ver­stüm­melt, aber nicht un­wie­der­bring­lich zer­stört hat­te.

Der Wind hat­te den sü­ßen, me­lan­cho­li­schen Duft der Bröt­chen mit sich fort­ge­tra­gen, der im Hand­um­dre­hen die Dorf­mit­te er­reich­te, den Kirch­turm er­klomm und die Glo­cke der Er­in­ne­rung für die vie­len See­len läu­te­te, die sich hin­ter den dunk­len Vor­hän­gen der Häu­ser ver­bar­gen. Ein Glo­cken­schlag, dann noch ei­ner, und nach und nach ging in den Häu­sern das Licht an, wie in ei­ner rie­si­gen Weih­nachts­krip­pe, von der Haupt­stra­ße bis in die ent­le­gens­ten Gas­sen, vom Pfar­rer bis in die ent­le­gens­ten, von den Ord­nungs­kräf­ten ver­ges­se­nen Buch­ten. Über­all Lich­ter­glanz, Ko­me­ten ei­ner Ver­gan­gen­heit, die jun­gen Män­nern mit wei­ßen Bär­ten ih­re Sorg­lo­sig­keit zu­rück­ga­ben und ei­ne Zu­kunft ver­spra­chen.

Die gan­ze In­sel samt ih­rer Be­woh­ner war in je­ner Nacht zu ei­nem ein­zi­gen Atem, ei­nem ein­zi­gen Herz­schlag ge­wor­den. Die Zeit war aus­ge­löscht, be­siegt wor­den. Die Zei­ger der Uhr stan­den reg­los auf Mit­ter­nacht, wäh­rend die Ver­gan­gen­heit fröh­lich pfei­fend durch die ver­las­se­nen Stra­ßen zog, streu­nen­de Kat­zen strei­chel­te, die zu­sam­men­ge­rollt in Haus­ein­gän­gen schlie­fen, und mit Er­in­ne­run­gen und Som­mer­düf­ten um sich warf wie mit Kon­fet­ti aus dem Kar­ne­val des Le­bens.

„Ein ma­gi­scher Mo­ment“, flüs­ter­te Elet­t­ra.

End­lich spür­te sie wie­der das Le­ben, in dem Ed­da ein­fach nur ih­re Mut­ter ge­we­sen war, ei­ne Mut­ter, die sie lieb­te und die sie sich in die­ser Nacht mehr denn je an ih­rer Sei­te ge­wünscht hät­te. Sie war ihr ganz nah, mit ih­rer Back­kunst, mit der Ma­gie ih­rer ge­hei­men Zu­ta­ten und all dem, was sie sich nie gesagt hat­ten und das ein­an­der ein­zu­ge­ste­hen sie end­lich den Mut fan­den, weil sie es durch die Cre­mes und Ku­chentei­ge sa­gen konn­ten.

Dar­in lag die Kraft ih­rer Fa­mi­lie, das er­kann­te Elet­t­ra nun ganz deut­lich. Sie lag in dem Zu­cker, dem Mehl und den Hän­den, die in den See­len der Men­schen zu le­sen ver­stan­den. Denn nichts ging über die Ma­gie ei­nes Scho­ko­la­den­plätz­chens.

„Ich hab dich lieb, Mam­ma“, hat­te sie ge­flüs­tert und den Ster­nen ei­ne Kuss­hand zu­ge­wor­fen. „Elet­t­ra?“

Sie hob den Kopf und all­mäh­lich lös­te sich der Zau­ber der Nacht auf. Bei­nah un­merk­lich dreh­te sie sich um, ob­wohl sie ge­nau wuss­te, wem die Stim­me hin­ter ihr ge­hör­te. Über­all um sie her­um stan­den die fri­schen, duf­ten­den Bröt­chen und schie­nen ihr ei­nen Gu­ten Mor­gen zu wün­schen.

Adrian muss­te sie gla­siert ha­ben, wäh­rend sie noch schlief. In das Aro­ma misch­te sich ei­ne frem­de No­te, leicht hol­zig und männ­lich: Adri­ans Duft. Er sah sie be­wun­dernd an, ob­wohl sein Ge­sicht noch im­mer an­ge­spannt wirk­te und noch im­mer der ver­letz­te Zug um sei­nen Mund zu er­ken­nen war.

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