Das Pen­del schlägt zu­rück

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

WOLF­GANG VOIGT

Man könn­te es sich leicht ma­chen und schul­ter­zu­ckend sa­gen: Sel­ber schuld. Wer die An­nehm­lich­kei­ten des preis­wer­ten Woh­nens im Grü­nen nicht mis­sen will, sei­nen Ar­beits­platz aber in der Stadt hat, muss eben pen­deln. Er muss Zeit im täg­li­chen Stau ver­geu­den, auf zu­gi­gen Bahn­stei­gen be­triebs­be­ding­te Ver­spä­tun­gen aus­ba­den und abends Zu­hau­se an­kom­men, wenn die Kin­der längst den Nacht­schlaf an­ge­tre­ten ha­ben. Der ty­pi­sche Pend­ler gibt sich als Mit­ver­ur­sa­cher von Kli­ma­wan­del, Flä­chen­fraß und Stadt­ver­ödung zu er­ken­nen, und er hat das Recht ver­wirkt, un­zu­frie­den mit sei­ner Si­tua­ti­on zu sein.

Ganz so ein­fach ist es aber nicht. Denn die We­nigs­ten ge­nie­ßen in vol­len Zü­gen lan­ge täg­li­che An­rei­sen zum Ar­beits­platz als will­kom­me­nes und den Ho­ri­zont er­wei­tern­des Er­leb­nis. Eher ist Pen­deln ein not­wen­di­ges und nicht sel­ten ver­druss­rei­ches Übel – ge­schul­det dem Trend zum Dop­pel­ein­kom­men, dem An­spruch, Kar­rie­re ma­chen zu müs­sen, dem Le­bens­ge­fühl von Dy­na­mik, Leis­tungs­be­reit­schaft und Glo­ba­li­sie­rung.

Doch das Pen­del schlägt zu­rück. In Gestalt von Um­welt­ver­schmut­zung, Stress und Bur­nout. Im wett­be­werbs­zen­trier­ten

Wirt­schafts­le­ben ist Leis­tungs­fä­hig­keit der Schlüs­sel zur Spit­ze der Py­ra­mi­de. Dass Mo­bi­li­tät künf­tig auch für eher schlecht be­zahl­te Ar­beit­neh­mer zum zwin­gen­den Kri­te­ri­um wer­den könn­te, of­fen­bart ein Blick nach Chi­na. Aber­mil­lio­nen Wan­der­ar­bei­ter sind dort stän­dig un­ter­wegs. Vie­le pen­deln von Job zu Job – ei­ne Heim­statt ha­ben sie längst nicht mehr.

Das ist hier­zu­lan­de noch an­ders, doch der Frust­pe­gel steigt. Na­ment­lich jün­ge­re und gut aus­ge­bil­de­te Se­mes­ter rü­cken des­halb die so ge­nann­te Wor­kLi­fe-Ba­lan­ce ins Zen­trum ih­rer Le­bens­ge­stal­tung und ver­sa­gen sich die Teil­nah­me am täg­li­chen Wind­hund­ren­nen in Au­to und Bahn. Man kann sich den Trip zum Ar­beits­platz und die Heim­fahrt acht St­un­den spä­ter so ent­spannt wie mög­lich ge­stal­ten, man kann die stän­dig wie­der­keh­ren­de Rei­se­zeit mit mehr oder min­der Sinn­vol­lem an­fül­len. Doch auch ge­sell­schaft­li­che Vor­den­ker und lang­fris­tig ope­rie­ren­de Po­li­ti­ker sind ge­fragt. Ne­ben zeit­ge­mä­ßen Ver­kehrs­we­gen braucht es für Fa­mi­li­en be­zahl­ba­re Woh­nun­gen, und es braucht mehr Te­le­ar­beit. Doch selbst dann: Die Pen­de­lei wird der Ge­sell­schaft er­hal­ten blei­ben.

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