Kriegs­ma­schi­ne­rie zer­malm­te Hun­dert­tau­sen­de

Vor 100 Jah­ren be­gann im Ers­ten Welt­krieg die drit­te Flan­dern­schlacht / Mah­nen­de Wor­te von Sig­mar Ga­b­ri­el

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Am We­ges­rand lie­gen Hun­der­te ver­wit­ter­te Gra­nitstei­ne in Reih und Glied auf ei­ner grü­nen Wie­se. Die Na­men auf den schmuck­lo­sen Vie­r­ecken sind kaum noch zu ent­zif­fern.

Auch wenn es zu­nächst nicht den An­schein hat, be­wegt man sich rund um das flä­mi­sche Städt­chen Ypern auf ge­schichts­träch­ti­gem Bo­den. Hier ist die Er­de blut­ge­tränkt vom hun­dert­tau­send­fa­chen Ster­ben. Hier, ent­lang des Flus­ses Ijzer, wur­de im Herbst 1914 der Vor­marsch der deut­schen In­va­so­ren ge­stoppt. Hier wur­de vier lan­ge Jah­re Schlacht um Schlacht ge­schla­gen, wur­de erst­ma­lig Gift­gas als Waf­fe ein­ge­setzt, wur­de der Zi­vil­be­völ­ke­rung un­vor­stell­ba­res Leid zu­ge­fügt. Ex­akt 100 Jah­re ist es her, da be­gann der sinn­lo­se Tod auf den flä­mi­schen Schlacht­fel­dern; erst im No­vem­ber war es vor­über.

Ypern ist zum Sym­bol ge­wor­den. Heu­te prä­sen­tiert sich das schmu­cke Zen­trum rund um den go­ti­schen Rie­sen­bau der Tuch­hal­le so, als wä­re hier nie ei­ne Bom­be ge­fal­len. Doch wirkt das Städt­chen kei­nes­wegs wie ein Po­tem­kin­sches Dorf; das ganz nor­ma­le Le­ben nimmt hier schon lan­ge wie­der sei­nen Lauf.

Das ganz nor­ma­le Le­ben? Je­den Abend um acht er­tö­nen Fan­fa­ren­stö­ße un­ter dem ge­wal­ti­gen Ge­wöl­be des Men­en­to­res, das wie ein die Di­men­sio­nen der Stadt spren­gen­der Tri­umph­bo­gen an der Stel­le ei­nes mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­to­res auf­ragt. Durch die­ses Tor mar­schier­ten die bri­ti­schen Trup­pen, die Ypern seit Ok­to­ber 1914 ver­tei­dig­ten, zur Front. 54 896 Na­men in den Mau­ern des To­res er­in­nern an je­ne Sol­da­ten des bri­ti­schen Em­pi­re, de­ren Spur sich hier für im­mer ver­liert.

Seit 1928 fin­den sich hier Abend für Abend zahl­rei­che Men­schen ein, wenn der Zap­fen­streich von ei­nem Ko­mi­tee aus dank­ba­ren Bür­gern Yperns ge­bla­sen wird. Vie­le Tou­ris­ten sind dar­un­ter, um den Sol­da­ten die Eh­re zu er­wei­sen. Abend für Abend wer­den Krän­ze nie­der­ge­legt und klei­ne Holz­kreu­ze mit ei­ner knall­ro­ten Mohn­blü­te aus Pa­pier an die Na­mens­zü­ge ge­steckt. Abend für Abend kehrt die Ver­gan­gen­heit für ein paar Mi­nu­ten in ih­rer gan­zen trau­ri­gen Wucht zu­rück.

Wer an fun­dier­ten In­for­ma­tio­nen in­ter­es­siert ist, wird seit ei­ni­gen Jah­ren bes­tens be­dient. Meh­re­re Mu­se­en und Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­tren – al­len vor­an die preis­ge­krön­te, mul­ti­me­dia­le Ins­ze­nie­rung im Mu­se­um „In Flan­ders Fiel­ds“in der Tuch­hal­le Ypern – füh­ren das Grau­en vor Au­gen (und Oh­ren), über­zeu­gend aus­ba­lan­ciert zwi­schen se­riö­ser In­for­ma­ti­on und emo­tio­na­ler An­spra­che.

Dem steht das Schwei­gen der Sol­da­ten­fried­hö­fe ge­gen­über. Über schier end­lo­sen Grä­ber­rei­hen hallt im­mer noch ei­ne stum­me An­kla­ge nach – et­wa auf dem Ty­ne Cot Ce­me­ta­ry, wo fast 12 000 bri­ti­sche Sol­da­ten be­gra­ben lie­gen. Es ist der größ­te Sol­da­ten­fried­hof des Com­mon­wealth. Über­all leh­nen klei­ne Holz­kreu­ze. Sie zei­gen, dass die An­teil­nah­me sehr le­ben­dig ist.

Ein paar Ki­lo­me­ter ent­fernt pas­siert man ei­nen me­di­al auf­ge­rüs­te­ten Tun­nel, der die Be­su­cher mit In­for­ma­tio­nen ver­sorgt, be­vor sie das dunk­le Grä­ber­feld un­ter den dich­ten Ei­chen er­rei­chen. Lan­ge­mark, die­ser Orts­na­me steht für das tau­send­fa­che Ster­ben jun­ger deut­scher Sol­da­ten. Auf dem so ge­nann­ten Stu­den­ten­fried­hof ha­ben mehr als 44 000 Ge­fal­le­ne die letz­te Ru­he­stät­te ge­fun­den, die meis­ten in ei­nem Mas­sen­grab. Vie­le von ih­nen wa­ren jun­ge Frei­wil­li­ge – Abitu­ri­en­ten und Stu­den­ten. Von dump­fen Pa­ro­len ge­lei­tet, stürm­ten sie hier 1914 in ei­nen schnel­len Tod. Der My­thos will, dass sie da­bei „Deutsch­land, Deutsch­land über al­les“san­gen.

Jetzt, 100 Jah­re spä­ter, be­tont Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) an­ge­sichts der blu­ti­gen Bi­lanz die Be­deu­tung des Pro­jekts Eu­ro­pa. „Wenn wir der Hun­dert­tau­sen­den to­ter Sol­da­ten ge­den­ken, die in we­ni­gen Mo­na­ten in den Schüt­zen­grä­ben Flan­derns re­gel­recht zer­malmt wur­den, ist die ge­mein­sa­me Bot­schaft das „Nie wie­der“, sag­te Ga­b­ri­el in ei­ner von Aus­wär­ti­gen Amt ver­brei­te­ten Mit­tei­lung. Nie wie­der dür­fe Di­plo­ma­tie so ver­sa­gen wie 1914, mahn­te Ga­b­ri­el. „Nicht 1918, son­dern erst nach 1945 sind auf den Trüm­mern ei­nes zer­stör­ten Kon­ti­nents aus er­bit­ter­ten Fein­den en­ge Part­ner und gu­te Freun­de ge­wor­den“, so der deut­sche Au­ßen­mi­nis­ter. Ul­rich Traub/dpa

FRIEDENSMAHNUNG: Vor 100 Jah­ren tob­te na­he dem bel­gi­schen Ypern die ver­lust­rei­che Flan­dern­schlacht. Fo­to: dpa

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