Die Bü­ro­kra­tie wird zur ho­hen Hür­de

Zahl der Auf­la­gen für Ar­bei­ten in Frank­reich wächst

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bär­bel Nück­les

Straß­burg. Ei­gent­lich soll­te der Di­enst­leis­tungs­ver­kehr zwi­schen der Pfalz, Süd­ba­den und dem El­sass heu­te leich­ter funk­tio­nie­ren denn je. Die fran­zö­si­sche Ge­set­zes­la­ge las­tet aus­län­di­schen Un­ter­neh­men – und da­mit auch den ba­den-würt­tem­ber­gi­schen und rhein­land-pfäl­zi­schen Nach­barn – al­ler­dings enor­me bü­ro­kra­ti­sche Hür­den auf. Im Au­gust 2015 trat in Frank­reich ein Ge­setz in Kraft, das So­zi­al­dum­ping ver­hin­dern und ge­währ­leis­ten soll­te, dass aus­län­di­sche Ar­beits­kräf­te in Frank­reich un­ter an­ge­mes­se­nen Be­din­gun­gen be­schäf­tigt wer­den.

Frank­reich setz­te da­mit nichts an­de­res als die eu­ro­päi­sche Di­enst­leis­tungs­richt­li­nie von 2006, die so­ge­nann­te Bol­kestein-Di­rek­ti­ve, um. Im Un­ter­schied zu Deutsch­land fiel die fran­zö­si­sche An­wen­dung re­strik­ti­ver aus und be­trifft so gut wie al­le Bran­chen. In der Pra­xis ha­ben sie für das ein­zel­ne Un­ter­neh­men ein Bün­del an Auf­la­gen zur Fol­ge, die es vor dem Ar­beits­ein­satz in Frank­reich zu er­fül­len gilt. So­bald ein Ser­vice-Dienst­leis­ter oder ein Hand­wer­ker in Frank­reich tä­tig wer­den will, muss ein Ver­tre­ter mit ei­ner Post- und ei­ner E-Mail-Adres­se in Frank­reich be­voll­mäch­tigt wer­den. Sämt­li­che Do­ku­men­te (Ar­beits­ver­trä­ge, Lohn­zet­tel) müs­sen ins Fran­zö­si­sche über­setzt sein. Auf ei­nem ei­gens ein­ge­rich­te­ten Por­tal (Sip­si) muss der Ein­satz mit den Da­ten zu Per­so­nen und Auf­trag vor­ab an­ge­mel­det wer­den.

Den größ­ten Vor­lauf be­an­sprucht wohl die A1-Be­schei­ni­gung, die von Kran­ken­kas­sen aus­ge­stellt wird. Fehlt sie, kann es bis zu 3 269 Eu­ro pro Mit­ar­bei­ter kos­ten. „In der Re­gel ist da­für ei­ne War­te­zeit von zwei Wo­chen ein­zu­rech­nen“, sagt Frédé­ric Car­riè­re, Re­fe­rent Aus­lands­märk­te und Zoll bei der IHK süd­li­cher Ober­rhein in Lahr. Bei ei­ni­gen der ge­for­der­ten Do­ku­men­te wür­den deut­sche Ar­beit­ge­ber vor enor­me Pro­ble­me ge­stellt, weil sie dem deut­schen Da­ten­schutz­ge­setz wi­der­sprä­chen. Car­riè­re wur­de in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren in et­li­chen Pro­blem­fäl­len um Un­ter­stüt­zung ge­be­ten. Der Fran­zo­se ge­hört zu der sehr über­schau­ba­ren Zahl von Ex­per­ten in Deutsch­land für den Be­reich der seit 2015 gel­ten­den und in Deutsch­land als sehr re­strik­tiv wahr­ge­nom­me­nen Re­geln auf dem fran­zö­si­schen Ar­beits­markt.

Car­riè­re be­schäf­tigt sich in­zwi­schen in zwei Drit­teln sei­ner Ar­beits­zeit mit den Fol­gen der „Loi Ma­cron“, je­nem Ge­setz, das im Üb­ri­gen vom heu­ti­gen Staats­prä­si­den­ten und da­ma­li­gen Wirt­schafts­mi­nis­ter Em­ma­nu­el Ma­cron durch­ge­setzt wor­den war. Für Un­ter­neh­men an der Rhein­schie­ne nimmt der bü­ro­kra­ti­sche Auf­wand des­halb oft Di­men­sio­nen an, die ei­ne Wirt­schaft­lich­keit bei der Über­nah­me von Auf­trä­gen im El­sass zu­neh­mend in­fra­ge stel­len. Ein ty­pi­sches Bei­spiel vom Ober­rhein: Der Elek­tri­ker ei­nes süd­ba­di­schen Kun­den­diens­tes, der ei­ne in Frei­burg ge­kauf­te Wasch­ma­schi­ne in Mul­hou­se re­pa­rie­ren soll. „Wir ha­ben mit Fir­men an der Rhein­schie­ne zu tun, die mehr­mals täg­lich bis mehr­mals pro Wo­che Mit­ar­bei­ter ent­sen­den“, sagt Car­riè­re.

Bei Be­trie­ben, die bis­lang re­gel­mä­ßig über die Gren­ze hin­weg ko­ope­rier­ten, so ist von hin­ter den Ku­lis­sen zu hö­ren, sei­en die Fran­zo­sen in den Be­trie­ben gar nicht im Bil­de über die bü­ro­kra­ti­sche Be­las­tung für die Deut­schen. Da­durch ent­stün­den so gar nicht wün­schens­wer­te Miss­ver­ständ­nis­se nach dem Mot­to: „Die deut­schen Kol­le­gen wol­len nicht mehr kom­men“. In Wahr­heit scheu­en die­se den bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand – nicht zu­letzt aus Furcht vor Buß­gel­dern.

„Wir ste­hen in en­gem Kon­takt mit den zu­stän­di­gen fran­zö­si­schen Be­hör­den“, be­tont Frédé­ric Car­riè­re, „und ver­su­chen dort klar­zu­ma­chen, in wel­chem Ma­ße das Ge­setz die wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit ge­fähr­det.“Bei­spiels­wei­se ha­be man er­wirkt, dass bei Un­ter­neh­men, die im­mer wie­der am sel­ben Ort tä­tig wer­den, die „dé­cla­ra­ti­on“nur ein­mal er­le­digt wer­den muss. In den meis­ten Fäl­len hilft das in der Pra­xis al­ler­dings nicht wei­ter. Künf­tig könn­te die La­ge so­gar noch schwie­ri­ger wer­den: Ab Ja­nu­ar 2018 soll die Ent­sen­de­mel­dung für das elek­tro­ni­sche Sip­si-Por­tal ge­büh­ren­pflich­tig wer­den.

Deut­sche Be­trie­be zu­neh­mend ver­un­si­chert

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