Vor 100 Jah­ren kam die Ur­ne

Fried­hofs­füh­rung zur ers­ten Ei­n­äsche­rung in Pforz­heim am 1. Au­gust 1917

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jür­gen Pe­che

Pforz­heims His­to­rie lässt sich auch auf dem Haupt­fried­hof er­le­ben. Da­zu ge­hört die Ge­schich­te der Ur­nen­grä­ber und da­mit ver­bun­den die Ve­rän­de­run­gen der Fried­hofs­kul­tur im Lau­fe der Zeit. Nie­mand kann dies bes­ser schil­dern als His­to­ri­ker Olaf Schul­ze, der auf dem Haupt­fried­hof je­den (Gr­ab-)St­ein kennt.

Das Auf­kom­men der Ur­nen­be­stat­tung hängt eng zu­sam­men mit dem Bau von Kre­ma­to­ri­en An­fang des 20. Jahr­hun­derts. Am 1. Au­gust 1917 gab es in Pforz­heim die ers­te Kre­mie­rung, die der be­reits 1904 ge­grün­de­te „Ver­ein für Feu­er­be­stat­tung“mit dem Bau des Kre­ma­to­ri­ums zu­sam­men mit der Fried­hofs­er­wei­te­rung und ei­ner neu­en Aus­seg­nungs­hal­le in die We­ge ge­lei­tet hat. Bei ei­ner Füh­rung zum Ju­bi­lä­um „100 Jah­re Kre­ma­to­ri­um“, das mor­gen um 11 Uhr mit ei­nem Fest­akt be­gan­gen wird, zeig­te Schul­ze den Teil­neh­mern die Viel­falt der Gestal­tung von Ur­nen­grä­bern.

Gleich ne­ben dem Haupt­ein­gang ste­hen die fast kom­plett be­leg­ten Ur­nen­wän­de aus dem Jahr 1981. Hin­ter den Ab­deck­plat­ten mit Sym­bo­len und Na­men be­fin­den sich die ei­gent­li­chen Ur­nen. Schul­ze stört es, dass nach der Auf­las­sung nach 15 Jah­ren lee­re Höh­len zu­rück­blei­ben, bis die Stel­le neu be­legt wird. „So­lan­ge könn­te die al­te Plat­te doch drauf blei­ben oder die Öff­nung mit ei­ner Holz­ta­fel ver­klei­det wer­den“, regt Schul­ze an.

Vor­bei geht es an den Eh­ren­fel­dern, wo et­wa die frü­he­ren Ober­bür­ger­meis­ter Her­mann Kürz und Jo­hann Pe­ter Bran­den­burg ru­hen. Auf zahl­rei­chen Gr­ab­ma­len fin­den sich aus der Zeit der Re­nais­sance Ur­nen als klas­si­sches Sym­bol der Ver­gäng­lich­keit, manch­mal vom St­ein­metz noch mit ei­nem Lei­chen­tuch ver­ziert. Als wei­te­re Bei­ga­be des Gr­ab­mals sind auch Feu­er­scha­len an­ge­bracht.

Beim Gr­ab­mal der Fa­mi­lie Stiess sind die ober­ir­di­schen Ur­nen echt, in an­de­ren, wie dem der Fa­mi­lie Wit­zen­mann, gibt es ge­misch­te Be­le­gun­gen, in Ur­nen und in Sär­gen, wie zu­letzt bei Wal­ter Wit­zen­mann. Die Ver­ei­ne für Feu­er­be­stat­tun­gen, wie der vom Gy­nä­ko­lo­gen und Si­loah-Chef­arzt Ru­dolf Kup­pen­heim an­ge­führ­te Pforz­hei­mer Ver­ein, wa­ren gut ver­netzt. Aus Pforz­heim et­wa mel­de­te man in den An­fangs­jah­ren die Feu­er­be­stat­tung nach Wi­en und pu­bli­zier­te in Süd­deutsch­land in der Fach­zeit­schrift „Phö­nix“oder in Ber­lin in der „Flam­me“. „In den frü­hen Jah­ren lie­ßen sich zu­meist Evan­ge­li­sche oder Frei­den­ker kre­mie­ren“, so Schul­ze. Bis sich in den 1980er Jah­ren auch Ka­tho­li­ken sich da­zu ent­schlos­sen. Auch Ju­den und Is­rae­li­ten wa­ren in den 1920er Jah­ren dar­un­ter, wie Schul­ze akri­bisch re­cher­chier­te, ob­wohl es ihr Glau­be ei­gent­lich ver­bie­te.

Wohl­ha­ben­de Fa­mi­li­en bau­ten ih­ren Ver­stor­be­nen ein ei­ge­nes Ko­lum­ba­ri­um, wie die Fa­mi­lie Wie­land, oder gleich ein be­geh­ba­res Mau­so­le­um, wie das der Fa­mi­lie Carl Sch­mitt. „Vier sol­cher Mau­so­le­en gibt es auf dem Haupt­fried­hof“, er­zählt Schul­ze. Nach dem Jahr 2000 wur­den Ur­nen­grä­ber in klei­nen Grup­pen an­ge­legt, mit je­weils Platz für zwei Ur­nen und ei­ner Ste­le für Na­men und Da­ten. Auch grö­ße­re Grup­pie­run­gen sind Usus, bei de­nen die Na­men der To­ten auf Gra­nitsäu­len ver­zeich­net sind. Es gibt be­reits ei­ne Art von Baum­grä­bern, mit Grup­pen von Ste­len rings um ei­nen Gink­go. Ei­ne Ur­ne be­fin­det sich auch im So­ckel des Gr­ab­mals der Bild­haue­rin El­se Bach, das die Gestalt ei­nes „Bam­bi“zeigt – ihr eins­ti­ger Ent­wurf für den be­rühm­ten Film­preis.

Mit der stei­gen­den Be­liebt­heit von Ei­n­äsche­run­gen wächst der Be­darf nach Ur­nen­grä­bern. Ei­ne gro­ße Ge­mein­schafts­an­la­ge der Fried­hofs­gärt­ner im Feld 21 um ei­nen Baum her­um ist laut Schul­ze sehr ge­fragt und fast voll be­legt. An die 300 Kam­mern ent­hält auch das ge­ra­de re­no­vier­te Ko­lum­ba­ri­um in der ehe­ma­li­gen Lei­chen­hal­le an der Bern­hard­stra­ße. 16 an­ony­me Ur­nen­fel­der gibt es in­zwi­schen, die von der Stadt für Bür­ger oh­ne Ver­wand­te ge­nutzt wer­den. In­zwi­schen aber auch ein Feld für „So­zi­al­be­stat­tun­gen“, auf dem im­mer­hin auf Gr­ab­plat­ten die Na­men der hier bei­ge­setz­ten To­ten ste­hen, was Olaf Schul­ze sehr be­grüßt.

93 MO­DER­NE GRUP­PEN von Ur­nen­grä­bern mit Ste­len – hier vor ei­nem his­to­ri­schem Gr­ab­mal – gibt es auf dem Pforz­hei­mer Haupt­fried­hof. Fo­to: Pe­che

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