„Gi­gan­ti­sche Nach­fra­ge“

Vie­le Land­wir­te wol­len sich per Ver­si­che­rung vor Wet­ter­ein­flüs­sen schüt­zen

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Do­re­en Fied­ler

Ko­blenz/Mün­chen. Mi­nus acht Grad zeig­te das Ther­mo­me­ter En­de April. In den Obst­plan­ta­gen stan­den die Ap­fel­bäu­me in vol­ler Blü­te, die Kirsch­bäu­me hat­ten win­zi­ge Früch­te ge­bil­det, der Wein spross mun­ter. Dann rich­te­te der Frost fast übe­r­all in Deutsch­land gro­ße Schä­den an. In gan­zen Land­stri­chen ver­fro­ren jun­ge Trie­be und Blü­ten fie­len ab. Ei­ni­ge Land­wir­te ver­lo­ren ei­nen Groß­teil ih­rer Ern­te. Das Fa­ta­le: Die meis­ten wa­ren ge­gen Spät­frös­te nicht ver­si­chert. Im Obst­bau – au­ßer bei Erd­bee­ren – gibt es in Deutsch­land der­zeit kei­ne Mög­lich­keit, ei­ne Ver­si­che­rung ge­gen sol­che Spät­frös­te ab­zu­schlie­ßen.

„Die Prä­mi­en, die da­für ge­zahlt wer­den müss­ten, wä­ren be­triebs­wirt­schaft­lich nicht mög­lich“, sagt Nor­bert Schä­fer vom Be­rufs­ver­band Obst­bau, der auch Gut­ach­ter für ei­ne Agrar­ver­si­che­rung ist. Vie­le Land­wir­te in­ves­tier­ten des­we­gen in Frost­schutz­be­reg­nung, Heiz­vor­rich­tun­gen wie Pa­raf­fin­ker­zen oder He­li­ko­pter und Wind­rä­der, die die kal­te Luft mit wär­me­ren Schich­ten ver­wir­beln sol­len. Win­zer hin­ge­gen kön­nen ih­re Wein­ber­ge seit we­ni­gen Jah­ren frost­ver­si­chern. Doch die Be­reit­schaft sei ge­ring, sagt Heinz­bert Hurt­manns, Wein­bau-Ex­per­te bei der Ver­ei­nig­ten Ha­gel­ver­si­che­rung.

Un­ter den grö­ße­ren Be­trie­ben hät­ten sich et­wa 70 bis 80 Pro­zent ge­gen Ha­gel ab­ge­si­chert, aber nur „ein Bruch­teil“ge­gen Frost. „Ha­gel kann exis­tenz­ge­fähr­dend sein, da er in Null­kom­ma­nichts die gan­ze Le­se zer­stört. Da­vor hat der Win­zer Angst. Bei Frost sa­gen sie: Das pas­siert nur in den Frost­la­gen, das Ri­si­ko neh­me ich in Kauf“, meint er. Doch in die­sem Jahr ist es an­ders: Die Käl­te kam so früh in der Nacht und so mas­siv, dass nicht nur die Tal­la­gen, son­dern auch die Reb­stö­cke auf den Hö­hen et­was ab­be­ka­men. Land­wirt Rai­ner Por­scha aus dem rhein­hes­si­schen Ba­den­heim sagt, er ha­be sei­ne 38 Hekt­ar auf acht Ge­mein­den ver­teilt. „Trotz­dem ha­ben wir in die­sem Jahr übe­r­all Aus­fäl­le, mal mehr, mal we­ni­ger. In ei­nem Win­gert sind es 95 Pro­zent, wo­an­ders 55 bis 60 Pro­zent.“Er rech­net mit ei­nem Scha­den von 150 000 Eu­ro. „Das kann oh­ne Ver­si­che­rung an die Exis­tenz ge­hen.“

Nach den Schock-Näch­ten im April sei die Nach­fra­ge nach Spät­frost­ver­si­che­run­gen un­ter Win­zern „gi­gan­tisch“, sagt Ver­si­che­rer Hurt­manns. „Wir wer­den in die­sem Jahr sehr vie­le Neu­ver­trä­ge ma­chen.“Auch Pe­ter Buch­hierl, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Mün­che­ner und Mag­de­bur­ger Agrar­ver­si­che­rung, sieht ein ge­stei­ger­tes In­ter­es­se. Ur­säch­lich sei auch der Kli­ma­wan­del: Da es im Jahr frü­her warm sei, trie­ben die Pflan­zen eher aus und wür­den dann von den ei­gent­lich nor­ma­len April- und Maif­rös­ten viel stär­ker ge­trof­fen. „Kal­ku­la­to­risch rech­net sich die Frost­ver­si­che­rung für uns nicht“, sagt Buch­hierl. Um den Ri­si­ko­aus­gleich über­haupt hin­zu­be­kom­men, könn­ten Ver­si­che­run­gen ge­gen Frost nur als Kom­bi-Pro­dukt zu­sam­men mit Ha­gel ab­ge­schlos­sen wer­den.

Buch­hierl for­dert, die Prä­mi­en zur Ern­te­ver­si­che­rung staat­lich zu sub­ven­tio­nie­ren, wie es in vie­len an­de­ren EULän­dern üb­lich ist. „Deutsch­land hat da ei­ne iso­lier­te Po­si­ti­on in­ne“, kri­ti­siert er. Ei­ne Un­ter­stüt­zung der Agrar­be­trie­be wünscht sich auch In­ge Som­mer­gut von der Ver­si­che­rungs­kam­mer Bay­ern. Die feh­len­den staat­li­chen Gel­der führ­ten „zu ei­nem deut­li­chen Wett­be­werbs­nach­teil der im in­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb ste­hen­den deut­schen Win­zer“. Hurt­manns von der Ver­ei­nig­ten Ha­gel glaubt, dass mit För­de­rung aus der öf­fent­li­chen Hand so­gar ei­ne Frost­ver­si­che­rung für die Obst­bau­ern mög­lich wä­re. An­dern­falls wer­de sei­ne Ver­si­che­rung das nicht an­bie­ten. „Da sind wir stur.“

Nach Aus­wer­tun­gen des Ge­samt­ver­bands der deut­schen Ver­si­che­rungs­wirt­schaft be­tra­gen die Schä­den durch Frost an land­wirt­schaft­li­chen Kul­tu­ren rund 42 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. Die Ver­si­che­rer be­ob­ach­ten ei­ne Zu­nah­me von Wet­ter­ex­tre­men. 2015 lit­ten vie­le Land­wir­te un­ter ei­ner ex­tre­men Tro­cken­heit, 2016 un­ter lang­an­hal­ten­den Nie­der­schlä­gen, dann 2017 un­ter Frost. Nor­bert Schä­fer von der Bun­des­fach­grup­pe Obst­bau sagt, ei­ni­ge Bau­ern hät­ten nun ge­nug. „Ge­ra­de in der Rhein­schie­ne gibt es Be­trie­be, die sa­gen nach den vie­len Lei­dens­jah­ren: Wir ma­chen das nur noch im Ne­ben­er­werb oder stei­gen peu à peu aus.“

MIT KER­ZEN GE­GEN DEN FROST kämpf­ten auch vie­le Win­zer im Süd­wes­ten. Den­noch gab es er­heb­li­che Ern­te­aus­fäl­le. Nun ver­su­chen sich ei­ni­ge Land­wir­te da­ge­gen ab­zu­si­chern. Fo­to: dpa

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