Wenn der Ki­osk zum Pa­ket­shop wird

Für DHL, Her­mes, DPD & Co sind sie un­ver­zicht­bar ge­wor­den: der Ki­osk, die Tank­stel­le, der Su­per­markt

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Pe­ter Less­mann

Bonn. „Bie­ten Sie ei­nen Ser­vice, den Ihr Wett­be­wer­ber nicht hat“, wirbt der Ham­bur­ger Pa­ket­dienst­leis­ter Her­mes um neue Part­ner im Ein­zel­han­del. „Kur­beln Sie Ih­ren Um­satz an“, um­garnt Mit­kon­kur­rent DPD Ki­o­s­ke und Tank­stel­len. Und bei der Deut­schen Post DHL heißt es schlicht: „Nut­zen Sie den Boom im On­line-Han­del für Ihr Zu­satz­ge­schäft“. Al­len geht es um das Ei­ne: Pa­ke­te mög­lichst schnell, be­quem und oh­ne Zeit­ver­lust an den Kun­den aus­zu­lie­fern.

An­ge­sichts des Wachs­tums im On­li­neHan­del gilt ein dicht ge­knüpf­tes Netz von Pa­ket­shops in Deutsch­land als A und O für den Ge­schäfts­er­folg. Päck­chen al­so nicht mehr nur da­heim an­neh­men, son­dern beim Ki­osk um die Ecke ab­ho­len und auch dort ab­ge­ben? „Durch die Ein­rich­tung der Pa­ket­shops ha­ben wir un­ser Pa­ket­an­nah­me- und Ver­kaufs­stel­le­netz in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich er­wei­tert“, schil­dert Sa­rah Preuß von der Deut­schen Post DHL. Der Bran­chen­pri­mus aus Bonn, der zu­letzt er­neut kräf­ti­ge Zu­wäch­se im Pa­ket­ge­schäft mel­de­te, kommt bun­des­weit nach ei­ge­nen An­ga­ben auf rund 28 000 Pa­ket­an­nah­me­stel­len. Da­von sind 11 000 rei­ne Pa­ket­shops, hin­zu kom­men Ab­ga­be- und An­nah­me­stel­len in 13 000 Post­fi­lia­len. Au­ßer­dem rech­nen die Bon­ner noch 3 000 Pack­statio­nen und 900 Pa­ket­bo­xen da­zu. Ziel sei ge­we­sen, die Er­reich­bar­keit und die Kun­den­nä­he aus­zu­bau­en.

Das größ­te Netz an Pa­ket­shops un­ter­hält der­zeit DHL-Kon­kur­rent Her­mes mit 14 000 Lä­den – Ten­denz stei­gend. Der Mit­wett­be­wer­ber DPD, ei­ne Toch­ter der fran­zö­si­schen Post, zählt 6 000 so­ge­nann­te Pick­up Pa­ket­shops und bei der GLS, die zur bri­ti­schen Roy­al Mail ge­hört, sind es 5 000 Lä­den. Da­bei un­ter­schei­den die Un­ter­neh­men nicht ge­nau, wer sich hin­ter die­sen Zah­len ver­birgt. Bei Her­mes ent­fal­len auf Ki­o­s­ke und Tank­stel­len je­weils rund 20 Pro­zent al­ler Pa­ket­shops, wie ein Fir­men­spre­cher sagt. Der üb­ri­ge An­teil ist bunt ge­mischt – Vi­deo­the­ken be­fin­den sich dar­un­ter, Ko­pier­lä­den, Bä­cke­rei­en, Su­per­märk­te oder Schnei­de­rei­en. Tat­säch­lich ist der Ki­o­skmarkt in Deutsch­land ex­trem un­über­sicht­lich. Über ihn ist we­nig be­kannt, ob­wohl dort ein Um­satz in Hö­he von meh­re­ren Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr er­wirt­schaf­tet wer­den dürf­te.

Ei­ni­ge An­halts­punk­te lie­fert ei­ne äl­te­re Stu­die von 2010 des Gre­mi­ums „Com­pe­tence Cen­ter for on-the-go Con­sump­ti­on“– al­so des schnel­len Kaufs und Ver­zehrs für un­ter­wegs – un­ter Lei­tung der Mar­ke­ting-Ex­per­tin Sa­bi­ne Be­noit. Ti­tel: Ki­o­s­ke in Deutsch­land – ei­ne Be­stands­auf­nah­me. Die Chan­cen für Ki­o­s­ke als Pa­ket­ver­tei­ler hält die Pro­fes­so­rin an der Sur­rey Bu­si­ness School in der Nä­he Lon­dons für be­grenzt, vor al­lem we­gen der La­ger­ka­pa­zi­tä­ten: „Ein paar Pa­ke­te am Tag kann ein Ki­osk­be­trei­ber si­cher­lich zu­sätz­lich la­gern. Wenn das Vo­lu­men aber zu­nimmt ... und die Kun­den ih­re Pa­ke­te nicht so­fort ab­ho­len, kann das pro­ble­ma­tisch für Ki­o­s­ke sein“, sagt Be­noit.

Da­bei soll de­ren Zahl in Deutsch­land grob ge­schätzt zwi­schen 18 000 bis 48 000 lie­gen, im Schnitt ha­ben die Lä­den von 7 Uhr mor­gens bis 1.30 Uhr nachts ge­öff­net. Je­der fünf­te Ki­osk, so die Stu­die wei­ter, wird al­lei­ne von den Ei­gen­tü­mern und Fa­mi­li­en­mit­glie­dern ge­schmis­sen, oh­ne an­de­re Mit­ar­bei­ter.

Ein müh­se­li­ges Schuf­ten um je­den Eu­ro. Wie viel das Pa­ket­ge­schäft im Ki­osk am En­de ab­wirft, ist un­klar. Die Post bleibt va­ge, wenn sie be­tont: „Das Mo­dell ist at­trak­tiv für un­se­re Part­ner“. Her­mes-Spre­cher In­go Ber­tram wird et­was ge­nau­er, wenn er pro Pa­ket ei­nen mitt­le­ren zwei­stel­li­gen Cent-Be­trag nennt. Um halb­wegs gu­te Zah­len aus die­sem Ge­schäft zu er­lö­sen, müss­te ein Ki­osk­be­sit­zer vie­le Pa­ke­te be­ackern. Lohnt das über­haupt? Sev­ket Do­gan, der im Köl­ner Nor­den seit 22 Jah­ren ei­nen Ki­osk be­treibt und seit acht Jah­ren Part­ner bei Her­mes ist, be­jaht die­se Fra­ge. Er be­zif­fert die Er­lö­se aus der Ver­tei­lung der Pa­ke­te auf mo­nat­lich et­wa 600 bis 700 Eu­ro. Pro Pa­ket be­kommt er von Her­mes 40 Cent. Doch da­für müs­sen Do­gan und sei­ne Ehe­frau lan­ge ar­bei­ten. Der Ki­osk hat sie­ben Ta­ge die Wo­che ge­öff­net, von 7 Uhr mor­gens bis abends 22 Uhr, nur am Sonn­tag star­ten die Do­gans ei­ne St­un­de spä­ter. „Wir ha­ben lan­ge ge­öff­net, das macht uns at­trak­tiv“, sagt der Ki­osk­be­sit­zer und deu­tet schräg über die Stra­ße, wo sich die gel­be Kon­kur­renz be­fin­det. Die Post­fi­lia­le schließt um 18 Uhr. Ge­nau das ist der Grund, war­um ein Ki­osk wie der von den Do­gans von den Pa­ket­dienst­leis­tern so um­wor­ben wird. Aus Sicht der Pa­ket­fir­men wer­den gleich meh­re­re Flie­gen mit ei­ner Klap­pe ge­schla­gen: Der Shop ist ein be­que­mer Ab­hol­punkt für Pa­ke­te bis in den spä­ten Fei­er­abend hin­ein. Wenn je­mand sei­ne Pa­ke­te auch gleich dort­hin be­stellt, spart das Per­so­nal­kos­ten bei der Aus­lie­fe­rung. Und durch mehr Lauf­kund­schaft ma­che der Ki­osk zu­sätz­li­chen Um­satz, sa­gen zu­min­dest die Pa­ket­fir­men: So kom­men zur Re­tou­re, die in den Pa­ket­shop ge­tra­gen wird, vi­el­leicht noch schnell ein paar Sü­ßig­kei­ten, ei­ne Zeit­schrift oder Ge­trän­ke hin­zu.

„Wir ha­ben lan­ge ge­öff­net, das macht uns at­trak­tiv“

PA­KET­SHOPS schie­ßen wie Kraut aus dem Bo­den. Doch pro­fi­tie­ren auch de­ren Be­sit­zer an­ge­sichts dün­ner Ge­winn­mar­gen in der Bran­che vom Pa­ket­boom? Fo­to: dpa

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