„Man kann nicht al­le Wa­ckel­kan­di­da­ten hin­über­ret­ten“

Der lang­jäh­ri­ge Hoch­schul­rek­tor Karl-Heinz Mei­sel hält es für ge­fähr­lich, Geld an Er­folgs­quo­ten im Stu­di­um zu knüp­fen

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Karlsruhe. Sei­nen Chef­ses­sel an der Hoch­schu­le Karlsruhe – Tech­nik und Wirtschaft hat Karl-Heinz Mei­sel zwar schon im Fe­bru­ar ge­räumt, um in Pen­si­on zu ge­hen – doch of­fi­zi­ell ver­ab­schie­det ist er im­mer noch nicht. Denn ei­nen Nach­fol­ger für den lang­jäh­ri­gen Rek­tor fand die Hoch­schu­le erst nach drei Be­wer­ber­run­den: In­for­ma­tik-Pro­fes­sor Frank Ar­tin­ger wür­de jüngst zum neu­en Chef ge­wählt. Nach­dem die Hän­ge­par­tie be­en­det ist, blickt Mei­sel im Ge­spräch mit BNN-Re­dak­teu­rin El­vi­ra Wei­sen­bur­ger auf sei­ne Er­fah­run­gen in der Hoch­schul­po­li­tik zu­rück.

Es war sehr schwie­rig, ei­nen Nach­fol­ger für Sie zu fin­den. Sind die Her­aus­for­de­run­gen des Rek­to­ren­am­tes in­zwi­schen ein­fach zu groß?

Mei­sel: Die Her­aus­for­de­run­gen sind in den letz­ten Jah­ren si­cher deut­lich ge­wach­sen. Des­halb ist es auch an an­de­ren Hoch­schu­len – nicht nur in Karlsruhe – schwie­ri­ger ge­wor­den, ge­eig­ne­te Be­wer­ber zu fin­den, die auch da­zu be­reit sind, so ein Amt zu über­neh­men. Die Zu­sam­men­ar­beit mit der Wirtschaft und die For­schung sind auf­wen­di­ger ge­wor­den. Und es gibt auch das Grö­ßen­pro­blem: Als ich an­fing, hat­ten wir 4 500 Stu­den­ten, heu­te sind es 8 500.

Wel­ches wa­ren die gra­vie­rends­ten Ve­rän­de­run­gen, die Sie in Ih­ren zwölf Amts­jah­ren er­lebt ha­ben?

Mei­sel: In der Leh­re war es si­cher der Bo­lo­gna-Pro­zess, die Um­stel­lung vom Di­plom­stu­di­um auf die Ba­che­lor- und Mas­ter­ab­schlüs­se. Und die an­ge­wand­te For­schung hat ei­nen sehr viel grö­ße­ren Stel­len­wert er­hal­ten als an der frü­he­ren Fach­hoch­schu­le. Wir be­ar­bei­ten in­zwi­schen auch gro­ße EUPro­jek­te und DFG-Pro­jek­te – das wä­re frü­her so nicht mög­lich ge­we­sen.

Wo wür­den Sie sich ei­ne Kurs­kor­rek­tur wün­schen?

Mei­sel: Der prin­zi­pi­el­le Weg scheint mir in Ord­nung zu sein. Gro­ße Kurs­kor­rek­tu­ren wür­de ich nicht for­dern, aber bes­se­re Rand­be­din­gun­gen. Ich will auf kei­nen Fall ein flä­chen­de­cken­des Pro­mo­ti­ons­recht für al­le Hoch­schu­len, aber bes­se­re Pro­mo­ti­ons­mög­lich­kei­ten für wirk­lich ge­eig­ne­te Kan­di­da­ten bräuch­ten wir – da­mit man Mit­ar­bei­tern in den For­schungs­pro­jek­ten ver­läss­li­che Zu­sa­gen ge­ben kann, oh­ne dass man vor­her auf­wän­dig ei­nen Part­ner su­chen muss. Hes­sen hat da auch ei­nen qua­li­täts­ori­en­tier­ten Weg ge­fun­den – oh­ne Fe­der­füh­rung der Uni­ver­si­tä­ten.

Über die Stu­den­ten von heu­te wird viel ge­jam­mert: Sie sei­en un­reif und bräch­ten zu we­nig Ma­the­wis­sen aus der Schu­le mit. Ist das rich­tig – oder ein Vor­ur­teil?

Mei­sel: Die Stu­den­ten und die Ab­sol­ven­ten sind heu­te ob­jek­tiv jün­ger, und sie brin­gen auch sehr un­ter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen in Ma­the­ma­tik mit. Das liegt am G8, dem Weg­fall der Wehr­pflicht, dem Meis­ter- und Ge­sel­len­stu­di­um und den stei­gen­den Zah­len aus­län­di­scher Stu­die­ren­der. Aber Jam­mern hilft nichts. Die Hoch­schu­le bie­tet schon viel Un­ter­stüt­zung an, zum Bei­spiel Brü­cken­kur­se in Ma­the­ma­tik und die Mög­lich­keit, den Stoff vom ers­ten Se­mes­ter auf zwei Se­mes­ter zu ver­tei­len. Man kann ei­ni­ges ma­chen, aber es ist ein Irr­tum, dass man da­mit al­le Wa­ckel­kan­di­da­ten hin­über­ret­ten kann. Und es macht kei­nen Sinn, dass die Hoch­schu­len in teu­ren Stu­di­en­jah­ren nach­ho­len, was von den Schu­len nicht mit­ge­bracht wur­de.

Wie vie­le Wa­ckel­kan­di­da­ten schaf­fen es dank die­ser Ein­stiegs­hil­fen?

Mei­sel: Mit viel För­de­rung schaf­fen es bei un­ver­än­der­tem An­for­de­rungs­ni­veau et­wa 20 Pro­zent der vom Durch­fal­len Ge­fähr­de­ten. Die an­de­ren 80 Pro­zent hät­ten ei­gent­lich ei­nen an­de­ren Be­rufs­weg ein­schla­gen sol­len. Aber zu­gleich wächst der Druck von den Ver­bän­den, weil mehr In­ge­nieu­re ge­braucht wer­den. Das Gan­ze ist ein Ba­lan­ce­akt.

In wel­che Rich­tung droht die Hoch­schul­po­li­tik da denn ab­zu­stür­zen?

Mei­sel: Für ei­ne ge­fähr­li­che Me­tho­de hal­te ich es, wenn Geld an die Er­folgs­quo­te im Stu­di­um ge­knüpft wird. Dann be­steht die Ge­fahr, dass ein­fach nur das Ni­veau ab­ge­senkt wird. Grund­sätz­lich könn­te man durch­aus sei­tens der Hoch­schu­len auch ein­mal über­prü­fen, ob man die Stu­die­ren­den in Ma­the­ma­tik so abs­trakt theo­re­tisch schu­len muss oder ob wir für die heu­ti­ge Ar­beits­welt an­de­re In­hal­te stär­ker leh­ren müs­sen. Aber auch hier gilt: Das darf nicht zum Qua­li­täts­ver­lust füh­ren.

Frü­her gab es ein­fach „Fach­hoch­schu­len“, seit 2010 sind sie „Hoch­schu­len für an­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten“, und auch der Ei­gen­na­me „Hoch­schu­le Karlsruhe – Tech­nik und Wirtschaft“klingt et­was sper­rig. Wür­den Sie aus heu­ti­ger Sicht kür­ze­re und kla­re­re Be­zeich­nun­gen be­vor­zu­gen?

Mei­sel: Un­se­re Hoch­schu­le lei­det schon ein we­nig un­ter den häu­fi­gen Na­mens­wech­seln. Zu­erst gab es das Staats­tech­ni­kum, dann die Staat­li­che In­ge­nieur­schu­le, 1971 wur­de sie zur Fach­hoch­schu­le, dann zur Hoch­schu­le Karlsruhe, spä­ter kam bei uns noch der Na­mens­zu­satz

Lei­dens­druck durch häu­fi­gen Na­mens­wech­sel

Tech­nik und Wirtschaft da­zu. Neu­er­dings gibt es den Trend, dass Hoch­schu­len auch ih­ren Na­men in HAW (Hoch­schu­le für An­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten) oder HTW (Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirtschaft) än­dern, zum Bei­spiel die HAW Ham­burg oder die HTW Dres­den. Mal se­hen, wie sich das ent­wi­ckelt.

Wel­chen Rat wür­den Sie Ih­rem Nach­fol­ger Frank Ar­tin­ger ans Herz le­gen?

Mei­sel: Da hal­te ich mich zu­rück. Je­der Rek­tor muss sei­nen ei­ge­nen Weg fin­den.

War es für Sie schwie­rig, vom Chef mit vol­lem Ter­min­ka­len­der in den Pen­sio­närs­mo­dus um­zu­schal­ten?

Mei­sel: Nein, mir war es bis­her nie lang­wei­lig. Es war von mir ja ge­plant, dass ich mit Er­rei­chen der Al­ters­gren­ze in den Ru­he­stand ge­he. Al­les hat sei­ne Zeit. Die Jah­re an der Hoch­schu­le wa­ren in­ter­es­sant und schön – und die Zeit jetzt ist es auch. Mehr Zeit für die Fa­mi­lie, für Sport und für Rei­sen zu ha­ben, be­deu­tet auch Le­bens­qua­li­tät.

ER NENNT ES EI­NEN BA­LAN­CE­AKT, wenn Hoch­schu­len im­mer mehr In­ge­nieu­re aus­bil­den und zu­gleich die Qua­li­tät si­chern sol­len: Karl-Heinz Mei­sel. Fo­to: John Christ/HS

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