Lo­ka­le Ge­schich­te mit glo­ba­ler Gül­tig­keit

Karls­ru­her Schau­spiel gas­tier­te mit „Stolpersteine Staats­thea­ter“in Pe­king / Thea­ter­tref­fen war „Tür­öff­ner“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Zu­erst ha­be ich mich schon ge­fragt: Was sol­len wir in Pe­king – aus­ge­rech­net mit ei­nem der­art in Karlsruhe ver­wur­zel­ten Stück zu ei­nem so deut­schen The­ma?“, sagt Gun­nar Schmidt. „Erst wäh­rend der Vor­stel­lun­gen wur­de mir klar, was für ei­ne enor­me Re­le­vanz die­ser Stoff auch dort hat.“Schmidt ge­hört seit 2002 zum En­sem­ble des Ba­di­schen Staats­thea­ters und hat, ge­mein­sam mit Marthe Lo­la Deutsch­mann, An­to­nia Mohr und Jo­na­than Bruck­mei­er, die wohl wei­tes­te Gast­spiel­rei­se des hie­si­gen Schau­spiels ab­sol­viert: Mit­te Ju­li zeig­te das vier­köp­fi­ge En­sem­ble in Pe­king das Re­cher­che­stück „Stolpersteine Staats­thea­ter“. Das 2015 zum 300. Karls­ru­her Stadt­ge­burts­tag ent­stan­de­ne Stück be­han­delt die Aus­gren­zung und Ver­fol­gung jü­di­scher Büh­nen­an­ge­hö­ri­ger des Staats­thea­ters nach Hit­lers Macht­er­grei­fung im Jahr 1933 – sehr de­tail­liert und kon­kret an­hand von Ar­chiv­ak­ten.

Doch ge­ra­de das Lo­ka­le er­weist sich als glo­bal gül­tig. Die Re­ak­tio­nen auf die Auf­füh­run­gen in Pe­king hät­ten ihm klar­ge­macht, „dass vie­le der Sät­ze, die wir sa­gen, von den Zu­schau­ern auf die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on ih­res Lan­des wäh­rend der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on be­zo­gen wur­den“, be­rich­tet Schmidt. Oh­ne­hin sei das In­ter­es­se an dem The­ma, wie es sich bei den Pu­bli­kums­ge­sprä­chen ge­äu­ßert ha­be, be­mer­kens­wert ge­we­sen. „Das Stück hat ja viel Text, den die Zu­schau­er zwei St­un­den lang in den Über­ti­teln ver­fol­gen muss­ten – da war es schon er­staun­lich, wie de­tail­liert nach­ge­fragt wur­de“, sagt Jan Lin­ders, Chef­dra­ma­turg des Staats­thea­ters, zu des­sen Ar­beits­schwer­punk­ten die in­ter­na­tio­na­len Ko­ope­ra­tio­nen des Karls­ru­her Hau­ses ge­hö­ren. Tür­öff­ner für die China­rei­se war das Ber­li­ner Thea­ter­tref­fen, zu dem „Stolpersteine Staats­thea­ter“2016 ein­ge­la­den wor­den war: Das Fes­ti­val hat mit dem Goe­the-In­sti­tut ei­ne Gast­spiel­prä­senz eta­bliert und als „Ver­tre­ter“des Jahr­gangs 2016 ne­ben Her­bert Fritschs Auf­füh­rung „der die mann“von der Volks­büh­ne Ber­lin auch das Karls­ru­her Re­cher­che­stück nach Pe­king ge­schickt.

„Da mag auch ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben, dass wir mit leich­tem Ge­päck rei­sen – je­der hat sein Ko­s­tüm im Kof­fer da­bei, und das war’s auch schon“, so Lin­ders. Das Büh­nen­bild – ein gro­ßer Tisch mit an­ge­deu­te­ten Ha­ken­kreu­zWin­keln, an dem die Zu­schau­er ge­mein­sam mit den Darstel­lern wie bei ei­ner Kon­fe­renz sit­zen, wur­de vor Ort ge­baut. In­halt­li­cher Aspekt der Ein­la­dung: „Es soll­te auch ein Tür­öff­ner für die Ar­beit chi­ne­si­scher Thea­ter­kol­le­gen sein“, so Schmidt. „Wer dort jetzt ein Re­cher­che­pro­jekt an­ge­hen will, könn­te sich zu­min­dest dar­auf be­ru­fen, dass ein Stück die­ser Art schon mal mit of­fi­zi­el­ler Ge­neh­mi­gung auf­ge­führt wor­den ist.“Frei­lich sei nie ganz klar ge­we­sen, wie of­fen und un­ge­fil­tert der Kon­takt zu chi­ne­si­schen Thea­ter­leu­ten und Zu­schau­ern ge­we­sen sei. „Beim ers­ten Pu­bli­kums­ge­spräch hat je­mand, von dem uns nie­mand sa­gen konn­te, wer er ist, al­les aus der Hüf­te her­aus mit­ge­filmt.“

Sei­ne Kol­le­gin An­to­nia Mohr zeigt sich von der in­halt­li­chen Nach­ar­beit und dem gro­ßen In­ter­es­se bei die­sen Ge­sprä­chen be­ein­druckt: „Die ers­te Fra­ge der Mo­de­ra­to­rin an uns war: Wie hät­te so ein Stück in Deutsch­land in den 30er Jah­ren aus­ge­se­hen, in den 50er Jah­ren und in den 70er Jah­ren?“Bei der Ant­wort ha­be Re­gis­seur Hans Wer­ner Kroesin­ger wie­der­um viel deut­sche Zeit­ge­schich­te ver­mit­teln kön­nen. „Bei so ei­nem Stück geht es auch gar nicht um die Form oder die Schau­spie­ler, da ist man so­fort in ei­ner De­bat­te über die In­hal­te“, sagt Mohr. Ähn­li­che Er­fah­run­gen hat das En­sem­ble auch bei an­de­ren Gast­spie­len ge­macht. In Dan­zig bei­spiels­wei­se hieß es in ei­ner Re­ak­ti­on: „Was ihr da er­zählt, pas­siert ge­ra­de bei uns.“

Ein­ge­prägt hat sich dem En­sem­ble auch ei­ne chi­ne­si­sche Zu­schaue­rin, die ei­ne Gr­und­fra­ge zum Ho­lo­caust an­sprach: War­um ha­ben die Ju­den Deutsch­land nicht schon frü­her ver­las­sen? Und da­zu gleich ei­ne Ant­wort aus ei­ge­ner Per­spek­ti­ve lie­fer­te: Ob­wohl sie es am ei­ge­nen Leib ver­spü­re, dass das Le­ben in Chi­na stän­dig schwie­ri­ger und die Frei­heit im­mer mehr ein­ge­schränkt wer­de, sei sie nicht be­reit, ih­re Fa­mi­lie, ih­re Hei­mat und ih­re Ar­beit zu ver­las­sen. Die Re­le­vanz des schein­bar his­to­risch ab­ge­schlos­se­nen Stof­fes wird in sol­chen Mo­men­ten of­fen­sicht­lich. Um­so mehr wun­dert sich An­to­nia Mohr, dass das Stück bei sei­nen oh­ne­hin sel­ten ge­wor­de­nen Karls­ru­her Auf­füh­run­gen nicht stär­ker von Schul­klas­sen be­sucht wird – schließ­lich ver­mit­tel­ten ge­ra­de die kon­kre­ten Fäl­le, wie sich ein to­ta­li­tä­res Sys­tem mit dem An­schein bü­ro­kra­ti­scher Le­gi­ti­ma­ti­on tarnt. „Der­zeit“, sagt Jan Lin­ders, „fän­de ich es enorm span­nend, das Stück in der Tür­kei zu zei­gen.“Andre­as Jütt­ner

KARLS­RU­HER HIS­TO­RIE AUF PEKINGER BÜH­NE: Gun­nar Schmidt (links) mit Marthe Lo­la Deutsch­mann, An­to­nia Mohr und Jo­na­than Bruck­mei­er beim Gast­spiel des Ba­di­schen Staats­thea­ters in Chi­na. Fo­to: Lin­ders

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