Mit ori­en­ta­li­schem Wa­gner

Dschi­had der Deut­schen: „Glut“bei den Worm­ser Ni­be­lun­gen-Fest­spie­len

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ele­gan­te Da­men, ver­schwie­ge­ne Agen­ten, zwie­lich­ti­ge Ge­stal­ten: Das neue Stück der Worm­ser Ni­be­lun­gen-Fest­spie­le hält wie­der ein gan­zes Pot­pour­ri an Cha­rak­te­ren pa­rat. In die­sem Jahr er­war­tet die Zu­schau­er vor der Ku­lis­se des Doms aber mehr als ei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Ni­be­lun­gen­sa­ge mit gro­ßen Na­men aus Film und Fern­se­hen. Wenn sich am Frei­tag (4. Au­gust) der Vor­hang für das Stück „Glut“hebt, wird ih­nen ei­ne Ge­schichts­stun­de der be­son­de­ren Art ge­bo­ten. „Es wird ei­ne sehr wil­de, tur­bu­len­te, ver­rück­te Zei­t­rei­se“, ver­spricht Fest­spiel-In­ten­dant Ni­co Hof­mann. Au­tor Al­bert Os­ter­mai­er, der zum drit­ten Mal für die Fest­spie­le tä­tig war, hat den Stoff mit ei­ner Be­ge­ben­heit ver­knüpft, die erst in den ver­gan­ge­nen Jah­ren grö­ße­re Auf­merk­sam­keit er­langt hat. Es geht um die im Ers­ten Welt­krieg von den Deut­schen ver­folg­te Stra­te­gie, den Dschi­had – den „Hei­li­gen Krieg“– an­zu­fa­chen, um so die Po­si­ti­on der Bri­ten und an­de­rer Geg­ner im Na­hen Os­ten zu schwä­chen. „Es ist ein Stück über den Dschi­had der Deut­schen“, hat Os­ter­mai­er ge­sagt – und er­gänzt, dass das Stück „ins Herz un­se­rer Ge­gen­wart“füh­re.

Schon die Aus­gangs­si­tua­ti­on ver­spricht Span­nung: Im Kriegs­jahr 1915 reist ei­ne Grup­pe deut­scher Of­fi­zie­re mit dem Zug durch den Ori­ent. Die Män­ner und Frau­en sind ge­tarnt als Gauk­ler­trup­pe, wel­che die Ge­schich­te der Ni­be­lun­gen spielt. Tat­säch­lich aber geht es ge­gen die Bri­ten, die die per­si­schen Öl­fel­der kon­trol­lie­ren. Hier will man nach Mög­lich­keit gro­ßes Un­heil an­rich­ten. Die von Haupt­mann Klein (Heio von Stet­ten) an­ge­führ­te Trup­pe stößt da­bei auf Scheich Omar (Meh­met Kur­tu­lus), der da­für sorgt, dass die ara­bi­sche Sicht der Din­ge nicht zu kurz kommt. „Bei „Glut“er­war­tet Sie ein Kri­mi, ein fel­lines­kes Road­mo­vie im Zug“, sagt Hof­mann. Zu­gleich sei das Stück aber hoch­ak­tu­ell und ex­trem po­li­tisch. „Wir re­den über den Um­gang mit Kul­tur­be­grif­fen, mit Über­grif­fig­kei­ten, dar­über, wie Län­der an­de­re Län­der un­ter­tan ma­chen wol­len. Der Stoff von Os­ter­mai­er hat für mich viel mit mo­men­tan äu­ßerst ego­zen­tri­schen Be­find­lich­kei­ten zu tun. Und mit Ver­lust von To­le­ranz.“

Wie in den vor­an­ge­gan­ge­nen Os­ter­mai­er-Stü­cken wird das nicht mo­ra­lin­sau­er trans­por­tiert, son­dern ein­ge­bet­tet in Dia­lo­ge al­ler­lei Cha­rak­te­re. Mit im Zug sit­zen der fran­zö­si­sche Waf­fen­händ­ler Mon­sieur Vul­tu­re (Da­vid Ben­nent), der Po­li­zei­chef En­ver Sa­hin (Os­car Or­te­ga Sán­chez) und der Rus­se Prinz Igor (Is­mail De­niz), au­ßer­dem die Dop­pel­agen­tin La­dy Ad­ler (Valerie Koch) und der bri­ti­sche Ma­jor Lord La­wrence Hawk (Wal­de­mar Ko­bus). Zur Gauk­ler­trup­pe „otung“ge­hö­ren fer­ner Leut­nant Stern ali­as Sieg­fried (Till Wonka), Ger­tru­de Nach­ti­gall-Bellhhof ali­as Brün­hild (Alex­an­dra Kamp) und die Sän­ge­rin Ha­li­de Vo­gel ali­as Wal­kü­re (Nad­ja Micha­el). Es sto­ßen da­zu Grä­fin Fal­ke (Den­ne­nesch Zou­dé) und ihr Sohn Fai­sal (Cem Lu­kas Ye­gi­ner).

Auch Richard Wa­gner ist da­bei – in va­ri­ier­ter Form: Die Kom­po­nis­ten Vi­van und Ke­tan Bhat­ti ha­ben Stü­cke aus Wa­g­ners „Ring“ver­frem­det, mit ori­en­ta­li­schen Ele­men­ten kom­bi­niert und in ex­pe­ri­men­tel­le Klang­col­la­gen ver­wan­delt. „Das Stück ist ei­ne Fu­si­on aus Thea­ter, Zir­kus und Mu­sik – in die­sem Fall mit Wa­gner“, sagt Hof­mann. „Mir ge­fällt, wie Nu­ran Da­vid Ca­lis mit all die­sen Ebe­nen spielt.“

Ca­lis, der er­neut Re­gie führt, hat es in der Tat mit al­ler­lei Ebe­nen zu tun: Denn „Glut“hat vie­le di­rek­te und in­di­rek­te Be­zü­ge zur Ni­be­lun­gen­sa­ge und dem Ni­be­lun­gen­lied. Nach Darstel­lung der Fest­spie­le spielt es „wenn man die Par­al­le­le zieht, auf dem Weg der Bur­gun­der zu Et­zels Hof, wo sie von Kriem­hild an ei­ne ge­mein­sa­me Ta­fel ein­ge­la­den sind“. Im Ni­be­lun­gen­lied be­ginnt dort das gro­ße Tö­ten. Jas­per Ro­th­fels

SPIE­LEN DIE NI­BE­LUN­GEN ALS GAUK­LER­TRUP­PE: Die Schau­spiel­trup­pe um Re­gis­seur Nu­ran Da­vid Ca­lis und Au­tor Al­bert Os­ter­mai­er (Mit­te). Fo­to: dpa

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