Pro­be­lauf mit Schwei­ne­hälf­te

Vor 100 Jah­ren ging das Pforz­hei­mer Kre­ma­to­ri­um in Be­trieb

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Am 1. Au­gust 1917 nahm das Pforz­hei­mer Kre­ma­to­ri­um sei­ne Ar­beit auf. Ges­tern, al­so auf den Tag 100 Jah­re nach der ers­ten Kre­mie­rung, wur­de das Ju­bi­lä­um mit ei­nem Fest­akt in der Aus­seg­nungs­hal­le des Haupt­fried­hofs be­gan­gen. Da­bei wur­de auch ein Buch zur Ge­schich­te des Kre­ma­to­ri­ums vor­ge­stellt, das der His­to­ri­ker Olaf Schulze, der ges­tern auch den Fest­vor­trag hielt, ver­fasst hat. Nach der Be­grü­ßung durch In­ci­ne­aGe­schäfts­füh­rer Ai­ke Krem­ser, hob zu­nächst Bür­ger­meis­te­rin Si­byl­le Schüs­s­ler die Be­deu­tung des Park­fried­hofs als „Klein­od der Stadt“her­vor, das es wei­ter­zu­ent­wi­ckeln gel­te.

Seit 2004 wird das Kre­ma­to­ri­um ei­gen­wirt­schaft­lich von der „In­ci­nea Gm­bH“be­trie­ben, ei­ner 100-pro­zen­ti­gen Toch­ter der Stadt Pforz­heim. „Und es schreibt ziem­lich schwar­ze Zah­len“, wie Schulze weiß. Bis zu 5 000 Kre­mie­run­gen wer­den pro Jahr ge­zählt, da­von nur zwi­schen 800 und 900 von Pforz­hei­mern – der Rest kommt von aus­wärts, auch über den Enz­kreis hin­aus. Der ers­te Ofen ab 1917 war mit Koks be­heizt, der den Feu­er­raum auf 800 Grad er­hitz­te. 1934 wur­de ein zwei­ter, bei der Fir­ma Rupp­mann in Stutt­gart be­stell­ter gas­be­heiz­ter Ofen in­stal­liert. Die Gas­lei­tung wur­de durch ein ab­ge­schos­se­nes eng­li­sches Flug­zeug En­de des Zwei­ten Welt­kriegs zer­stört, so dass ab Ja­nu­ar 1945 kei­ne Ver­bren­nung mehr mög­lich war.

„In den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren muss­ten die Ver­wand­ten der To­ten dann die zur Kre­mie­rung nö­ti­ge Koh­le selbst mit­brin­gen“, hat Schulze akri­bisch re­cher­chiert. So fan­den 1945/46 nur gan­ze 15 Ver­bren­nun­gen statt. Heu­te sind die bei­den gas­be­feu­er­ten Öfen nach mo­derns­ten Ge­sichts­punk­ten mit Fil­tern aus­ge­stat­tet, nach­dem es in frü­he­ren Jah­ren Hin­wei­se gab, nord­west­lich des Kre­ma­to­ri­ums kein Ge­mü­se an­zu­bau­en, we­gen der ho­hen Schwer­me­tall-Be­las­tung des Bo­dens.

Die Dis­kus­si­on um Ver­bren­nun­gen in Eu­ro­pa wur­de laut Schulze auch durch den Tod des bri­ti­schen Schrift­stel­lers Per­cy Byss­he Shel­ley an­ge­regt, des­sen Leich­nam 1822 von sei­nem Freund Lord By­ron am Strand von Viareg­gio auf ei­nem Schei­ter­hau­fen ver­brannt wur­de, wo der to­te Kör­per an­ge­schwemmt wor­den war. Das ers­te Kre­ma­to­ri­um in Deutsch­land wur­de 1878 in Go­tha ge­baut. In den Jah­ren da­nach ent­stan­den in vie­len Städ­ten Ver­ei­ne, die die Ei­n­äsche­rung för­der­ten. 1904 schließ­lich grün­de­te der Chef­arzt der Gy­nä­ko­lo­gie am Kran­ken­haus Si­loah, Ru­dolf Kup­pen­heim, den Ver­ein für Feu­er­be­stat­tung Pforz­heim, des­sen Vor­sit­zen­der er wur­de. Im Bei­rat des Pforz­hei­mer Ver­eins für Feu­er­be­stat­tung war auch Ober­bür­ger­meis­ter Gus­tav Ha­ber­mehl.

Kup­pen­heim war Ju­de, der sich spä­ter tau­fen ließ. Den­noch wur­de er von den Na­zis ver­folgt, ver­lor sei­ne Ar­beit und brach­te sich 1940 zu­sam­men mit sei­ner Frau um. Zum Tod des be­lieb­ten Arz­tes durf­te laut Schulze kei­ne An­zei­ge er­schei­nen, doch die Nach­richt ver­brei­te­te sich per Mund­pro­pa­gan­da und so ka­men zur Trau­er­fei­er in der Schloss­kir­che rund 100 Leu­te. Auch sein Sohn Hans reis­te aus dem Schwei­zer Exil an und wur­de von zahl­rei­chen Trau­er­gäs­ten be­grüßt. Der Be­such war hoch­ge­fähr­lich für ihn und als ihn ei­ne Amts­per­son dar­auf auf­merk­sam mach­te, floh er schnell.

Das ers­te Kre­ma­to­ri­um in Ba­den wur­de in Hei­del­berg ge­baut. In Pforz­heim wur­de 1911 ein Wett­be­werb aus­ge­schrie­ben, an dem sich 80 Ar­chi­tek­ten aus ganz Deutsch­land be­tei­lig­ten. Aus­ge­schrie­ben wa­ren im Zu­ge der Fried­hofs­er­wei­te­rung der Bau ei­nes Ver­wal­tungs­ge­bäu­des, ei­ne Aus­seg­nungs­hal­le und eben ein Kre­ma­to­ri­um als Kom­bi­na­ti­ons­bau.

Vor der ers­ten Kre­mie­rung am 1. Au­gust 1917 gab es zu­nächst ei­nen üb­li­cher Pro­be­lauf. Da­zu wur­de ei­ne Schwei­ne­hälf­te so­wie ein Vier­tel ei­nes Pfer­des als Test be­nutzt, be­rich­te­te Schulze bei ei­nem Rund­gang zu Ur­nen­grä­bern.

Ein Ge­denk­stein in der Nä­he des Kre­ma­to­ri­ums und am Ran­de des ers­ten Ur­nen-Hains, ver­weist auf die Grün­dung des Ver­eins für Feu­er­be­stat­tung.

Jür­gen Pe­che

DER HIS­TO­RI­KER OLAF SCHULZE hat die Ge­schich­te des Pforz­hei­mer Kre­ma­to­ri­ums fest­ge­hal­ten. Er prä­sen­tier­te Aus­zü­ge dar­aus auch ges­tern bei ei­nem Fest­akt in der Aus­seg­nungs­hal­le. Fo­to: Pe­che

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