Höchs­te Zeit

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - MAR­TIN FERBER

Auf drei ele­men­ta­ren Säu­len ruht die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – der frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung, der so­zia­len Markt­wirt­schaft und dem Rechts­staats­prin­zip. Vor dem Ge­setz sind al­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger gleich, auch die staat­li­chen Or­ga­ne sind an die Ge­set­ze ge­bun­den, ei­ne un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz wacht über die Ein­hal­tung der Ge­set­ze, ver­folgt Straf­tä­ter und ga­ran­tiert die Frei­heit des Bür­gers. So­weit die Theo­rie. In der Pra­xis al­ler­dings funk­tio­niert der Rechts­staat nur, wenn er auch von den Men­schen mit In­halt ge­füllt wird. Oh­ne funk­tio­nie­ren­de Po­li­zei und Jus­tiz ver­kommt der Rechts­staat zur blo­ßen Hül­le oh­ne Sub­stanz.

Vor die­sem Hin­ter­grund darf der ge­mein­sa­me Alarm­ruf der Ge­werk­schaft der Po­li­zei und des Deut­schen Rich­ter­bun­des nicht als das üb­li­che Kla­ge­lied von In­ter­es­sen­ver­bän­den ab­ge­tan wer­den, die im Wahl­kampf ein grö­ße­res Stück vom Ku­chen ab­be­kom­men möch­ten, son­dern als ein Weck­ruf, be­vor es zu spät ist. Schon jetzt ist die Per­so­nal­mi­se­re bei Po­li­zei und Jus­tiz groß, die jah­re­lan­gen Spar­run­den des Bun­des und der Län­der ha­ben ih­re tie­fen Spu­ren hin­ter­las­sen. Die Po­li­zei zieht sich aus der Flä­che

zu­rück, Straf­ta­ten blei­ben un­auf­ge­klärt, Straf­tä­ter müs­sen aus der U-Haft ent­las­sen wer­den, weil es kei­ne Ge­richts­ver­hand­lung gibt, Pro­zes­se wer­den ge­gen Ver­hän­gung ei­ner Auf­la­ge ein­ge­stellt. Das un­ter­gräbt das Ver­trau­en in den Rechts­staat und ge­fähr­det die in­ne­re Si­cher­heit. Ge­ra­de­zu dra­ma­tisch aber ist der Blick in die Zu­kunft: Al­lein in den nächs­ten vier Jah­ren er­reicht je­der fünf­te Po­li­zist die Al­ters­gren­ze, bis 2030 schei­den mehr als 40 Pro­zent der Rich­ter und Staats­an­wäl­te aus dem ak­ti­ven Di­enst. Gleich­zei­tig tut sich der Staat schon jetzt schwer, ge­eig­ne­ten Nach­wuchs zu fin­den. In Zei­ten ei­ner boo­men­den Wirtschaft gibt es at­trak­ti­ve­re Ar­beits­plät­ze. Bund und Län­der ste­hen in der Pflicht zu han­deln. Die Er­kennt­nis ist ba­nal, wird aber ger­ne ver­drängt: Die Si­cher­heit des Lan­des wird nicht da­durch ver­bes­sert, in­dem man stän­dig die Ge­set­ze ver­schärft – son­dern in­dem man die Po­li­zei und die Jus­tiz in die La­ge ver­setzt, sie an­zu­wen­den und um­zu­set­zen. Spa­ren an der fal­schen Stel­le führt zur Ero­si­on des Rechts­staa­tes und zu ei­nem Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­blems des Staa­tes. Die Zah­len lie­gen auf dem Tisch. Sie sind dra­ma­tisch. Höchs­te Zeit, dass ge­han­delt wird.

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