Un­fass­bar

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - BERND KAMLEITNER

Es gibt Men­schen, die for­dern in ih­rer Frei­zeit das Schick­sal re­gel­recht her­aus. Sie su­chen das Aben­teu­er bei wag­hal­si­gen Klet­ter­tou­ren, ra­sen mit Höchst­ge­schwin­dig­keit Moun­tain­bi­ke­hän­ge hin­un­ter oder su­chen den Ner­ven­kit­zel, in­dem sie mit dem Au­to oder dem Mo­tor­rad im­mer wie­der Grenz­be­rei­che neu aus­lo­ten. Für vie­le gilt da­bei nur ein Mot­to: Je mehr Ad­re­na­lin aus­ge­schüt­tet wird, um­so bes­ser. Wenn al­les gut geht, dann ist das al­les über­haupt kein Pro­blem. Dass al­les gut geht, dar­an dürf­ten die Grup­pe Ju­gend­li­cher und ih­re Be­treu­er – aus­ge­rech­net von der Deut­schen-Le­bens­ret­tungs-Ge­sell­schaft (DLRG) – in keins­ter Wei­se ge­zwei­felt ha­ben. Sie such­ten das fas­zi­nie­ren­de Na­tur­er­leb­nis bei ei­ner harm­los er­schei­nen­den Wan­de­rung im Süd­schwarz­wald und wur­den bei der Über­nach­tung im Zelt nicht nur von ei­nem Un­wet­ter, son­dern von ei­nem Alp­traum heim­ge­sucht.

Auch wenn die Men­schen Tag für Tag mit Schlag­zei­len kon­fron­tiert wer­den, die ih­re Auf­merk­sam­keit auf Un­glücks­fäl­le len­ken: Der tra­gi­sche Tod des 15-jäh­ri­gen

Jun­gen, der im Zelt von ei­nem um­stür­zen­den Baum er­schla­gen wur­de, geht be­son­ders na­he. Ein Un­glück wie die­ses ist un­fass­bar und führt uns vor Au­gen, wel­che dra­ma­ti­sche und er­schüt­tern­de Fol­gen Na­tur­ge­wal­ten ha­ben kön­nen. Auch wenn die Er­kennt­nis ba­nal ist: Hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit mag ei­ne Wunsch­vor­stel­lung der Men­schen sein, aber in der Rea­li­tät gibt es sie schlicht­weg nicht. Na­tür­lich muss nach dem tra­gi­schen Un­fall auch der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, ob der Tod des Jun­gen hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen. Doch zu­nächst do­mi­niert das Mit­ge­fühl ins­be­son­de­re mit den El­tern und dem Freun­des- und Be­kann­ten­kreis des 15-Jäh­ri­gen. Wenn El­tern ihr Kind ver­lie­ren, ist das wohl mit das Schlimms­te, was ih­nen im Le­ben wi­der­fah­ren kann. Auf­rich­ti­ge An­teil­nah­me kann zwar den äu­ßerst schmerz­haf­ten Ver­lust in keins­ter Wei­se aus­glei­chen, aber im­mer­hin Trost in ei­ner Zeit spen­den, in der sich die Trau­ern­den am Ab­grund ste­hend füh­len. Es ist der ers­te Schritt, um das Un­fass­ba­re ver­ar­bei­ten zu kön­nen.

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