Wie die Hu­ge­not­ten nach Wel­sch­neu­reut ka­men

Vor rund 300 Jah­ren zo­gen vie­le Glau­bens­flücht­lin­ge nach Ba­den-Dur­lach / Fran­zö­si­sche Pre­dig­ten in Fried­rich­s­tal

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Li­be­ra­li­sie­rung der Re­li­gi­ons­po­li­tik in Ba­den-Dur­lach. Am 10. De­zem­ber 1699 er­ließ Mark­graf Fried­rich Magnus ein Edikt, in dem er „ei­ni­gen Wal­lo­nen Re­for­mir­ter Re­li­gi­on“meh­re­re Pri­vi­le­gi­en – wie et­wa freie Re­li­gi­ons­aus­übung in fran­zö­si­scher Spra­che – zu­sag­te.

Die­se Wal­lo­nen, fran­zö­sisch­spra­chi­ge Re­for­mier­te aus den spa­ni­schen Nie­der­lan­den, wohn­ten seit 1664/65 in der Pfalz, woll­ten aber we­gen der ka­tho­li­schen und pro­f­ran­zö­si­schen Ein­stel­lung des Kur­fürs­ten Jo­hann Wil­helm von dort weg­zie­hen. Im Jahr 1700 grün­de­ten sie Fried­rich­s­tal bei Spöck. Die Ko­lo­nie zähl­te 1701 et­wa 15 Fa­mi­li­en. Der Mark­graf si­cher­te die Pri­vi­le­gi­en eben­falls ei­ner Grup­pe von Hu­ge­not­ten – fran­zö­si­sche Pro­tes­tan­ten – zu, die drei Mo­na­te zu­vor aus Ba­sel über den Rhein nach Mühl­burg ge­kom­men wa­ren. Et­wa ein Drit­tel von ih­nen stamm­te aus dem Ge­biet des heu­ti­gen Dé­par­te­ments Drô­me, das da­mals Teil der Pro­vinz Dau­phiné war.

Sie wa­ren in die Schweiz ge­flo­hen, nach­dem Kö­nig Lud­wig XIV. im Jahr 1685 die öf­fent­li­che Aus­übung der re­for­mier­ten Re­li­gi­on in Frank­reich ver­bo­ten hat­te. Sie leb­ten zu­erst in Lau­sanne und Yver­don im Waadt­land, wur­den aber 1699 aus­ge­wie­sen. Mark­graf Fried­rich Magnus sie­del­te sie in Neu­reut – Wel­sch­neu­reut – an. Ins­ge­samt nahm er in den Jah­ren 1699 bis 1700 et­wa 500 re­for­mier­te Glau­bens­flücht­lin­ge auf. Ei­ner der Ein­wan­de­rer war Da­ni­el Lau­tier. Er wur­de um 1643 im Va­len­ti­nois ge­bo­ren. Lau­tier stu­dier­te Theo­lo­gie in Genf und war seit 1671 Pfar­rer im Drô­me. Weil er es ge­wagt hat­te, an ei­nem Ort zu pre­di­gen, wo das ver­bo­ten war, muss­te er be­reits 1683 flie­hen. Zu­erst fand er Zuflucht im Waadt­land und leb­te bis 1700 in Yver­don. Im Fe­bru­ar die­ses Jah­res kam Lau­tier nach Neu­reut und wur­de Pfar­rer der neu­en Ko­lo­nie.

Dort leb­ten da­mals um die 180 Per­so­nen, von de­nen Lau­tier si­cher­lich ei­ni­ge aus Yver­don kann­te. Im Jahr 1720 wur­de ein Holz­kirch­lein mit Pfarr­woh­nung in Wel­sch­neu­reut er­baut. Bis zu sei­nem Tod 1712 pre­dig­te Lau­tier auch öf­ter in Fried­rich­s­tal. Er hielt sei­ne Got­tes­diens­te in fran­zö­si­scher Spra­che. Die Grün­dung von Karlsruhe 1715 führ­te zur wei­te­ren Li­be­ra­li­sie­rung der Re­li­gi­ons­po­li­tik in Ba­den-Dur­lach. Mark­graf Karl Wil­helm sag­te 1715 al­len Zu­wan­de­rern in der neu­en Re­si­denz das Recht auf öf­fent­li­che Aus­übung der ei­ge­nen Re­li­gi­on zu. Die Re­for­mier­ten konn­ten nun in Karlsruhe Got­tes­dienst in der deut­schen Spra­che fei­ern.

Im Jahr 1722 wur­de die ers­te re­for­mier­te Kir­che ein­ge­weiht. Die Auf­nah­me der re­for­mier­ten „Wel­schen“war wirt­schaft­lich nicht so er­folg­reich wie der Mark­graf er­wünscht hat­te. Auf lan­ge Dau­er führ­te ih­re An­sied­lung al­ler­dings zur Li­be­ra­li­sie­rung der Re­li­gi­ons­po­li­tik in Ba­den-Dur­lach und zum Auf­bau ei­nes mul­ti­kon­fes­sio­nel­len Staa­tes. Al­bert de Lan­ge

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