Apo­ka­lyp­ti­sche Sze­nen als Kri­tik an der Ge­gen­wart

Pu­bli­kums­ge­spräch an der Kunst­hal­le Karlsruhe zu zwei Ge­mäl­den des Gries­ha­ber-Schü­lers Horst Meis­ter

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Horst Meis­ter ist ein Mah­ner. Ei­nes sei­ner Bil­der zeigt ein ge­stran­de­tes Boot. Das Heck ist zer­bors­ten, vi­el­leicht auch zer­fres­sen von ei­ner gif­ti­gen See. Die Ge­gend, in der es an­ge­lan­det ist: ei­ne ein­zi­ge Wüs­te. Der Name des ka­put­ten Na­chens ist nur müh­sam zu ent­zif­fern, denn die Buch­sta­ben sind ge­dreht, aber nach ei­ner Wei­le be­greift man: Das Wrack heißt „Ar­che“. Nur, dass nir­gends die le­ben­di­gen Paa­re zu er­ken­nen sind, die ei­ner güns­ti­gen Zu­kunft ent­ge­gen ge­hen, son­dern nur star­re Ske­let­te. Auf den Köp­fen: Mo­tor­rad­hel­me. Es sind sol­che dras­ti­schen, ei­ne apo­ka­lyp­ti­sche Zu­kunft, aber auch ei­ne bru­ta­le Ge­gen­wart aus­ma­len­de Sze­ne­ri­en, die das bild­künst­le­ri­sche Werk von Horst Meis­ter aus­ma­chen. Das zei­gen auch die bei­den Ge­mäl­de, die von der Kunst­hal­le Karlsruhe er­wor­ben wur­den und zu de­nen jetzt in der Rei­he „Kunst und Kir­che“zwi­schen dem Kunst­his­to­ri­ker Alex­an­der Ei­ling und dem Pfar­rer i.R. Eck­art Marg­graf ein Pu­bli­kums­ge­spräch statt­fin­den wird.

Die bei­den Wer­ke ste­hen in di­rek­tem Be­zug zur Samm­lung des Mu­se­ums, wie schon die Ti­tel ah­nen las­sen: „Pas­si­on“und „Kreuz­tra­gung“. Die Nä­he zu Mat­thi­as Grü­ne­wald ist of­fen­sicht­lich, und zwar nicht nur the­ma­tisch, son­dern auch for­mal. Meis­ter setzt ei­ne Tra­di­ti­on fort, die sich wäh­rend der 1960er und 1970er Jah­re vor al­lem in Ber­lin her­aus­ge­bil­det hat. Künst­ler wie Hans-Jür­gen Diehl, Petrick oder Klaus Vo­gel­sang ent­wi­ckel­ten ei­nen mi­nu­ti­ös-über­stei­ger­ten Rea­lis­mus, der ih­nen da­zu dien­te, sich kri­tisch mit den ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen ih­rer Zeit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Die­ser kri­ti­sche Im­puls war nicht zu­letzt da­durch ge­prägt, dass die­se Künst­ler in ih­rer Ju­gend die Aus­wir­kun­gen des NS-Wahns und die ka­ta­stro­pha­len Zer­stö­run­gen des Zwei­ten Welt­kriegs er­lebt hat­ten. Das gilt nicht zu­letzt für Meis­ter, der am 11. De­zem­ber 1937 in Karlsruhe als Sohn ei­nes Po­li­zis­ten und ei­ner Haus­frau ge­bo­ren wur­de, zu­nächst ei­ne Leh­re als Ge­brauchs­gra­fi­ker ab­sol­vier­te (Geld, um ein Stu­di­um zu fi­nan­zie­ren, hat­te die Fa­mi­lie nicht) und spä­ter an der Kunst­aka­de­mie Karlsruhe ei­ne künst­le­ri­sche Aus­bil­dung ab­sol­vier­te. Meis­ters Leh­rer wur­de HAP Gries­ha­ber, auch er ein Künst­ler, der in sei­ner Ar­beit von star­ken ge­sell­schafts­kri­ti­schen Im­pul­sen ge­tra­gen war.

Noch ei­ne wei­te­re Be­zugs­per­son wur­de für den künf­ti­gen Le­bens­und Be­rufs­weg Meis­ters prä­gend: Als sei­nen zwei­ten „Zieh­va­ter“be­zeich­net der Künst­ler Han­sHer­bert Mi­chels, da­mals Schau­spiel­di­rek­tor am Ba­di­schen Staats­thea­ter, ein, wie Horst Meis­ter in ei­nem au­to­bio­gra­fi­schen Text schreibt, „al­ter und er­fah­re­ner ,Thea­ter­ha­se‘, der mir die Tür zur Thea­ter-Li­te­ra­tur und zur Spra­che als künst­le­ri­sches Aus­drucks­mit­tel öff­ne­te“. Die Ein­flüs­se blie­ben nicht oh­ne Wir­kung. Meis­ter be­tä­tig­te sich viel­fach als Büh­nen­bild­ner und ar­bei­te­te nach Büh­nen­bild-As­sis­ten­zen beim Süd­west­funk-Fern­se­hen und an­de­ren Ak­ti­vi­tä­ten für die Thea­ter in Hei­del­berg, Kai­sers­lau­tern, Re­gens­burg, Wil­helms­ha­ven, Karlsruhe und Kiel. Da­ne­ben ent­stan­den Ma­le­rei­en und Gra­fi­ken, aber auch po­li­ti­sche Kunst­ak­tio­nen führ­te Meis­ter durch. Seit 1981 lebt er mit sei­ner Frau, der Schau­spie­le­rin und Di­seu­se Al­mut Grytz­mann, in der Nä­he von Düs­sel­dorf. Bei­de sind viel­fäl­tig ge­sell­schaft­lich en­ga­giert, so et­wa im BUND und in der Ge­fan­ge­nen- und Asy­lan­ten­hil­fe. -bl.

„KREUZ­TRA­GUNG“heißt die­ses 1981 ent­stan­de­ne Werk von Horst Meis­ter. Fo­to: SKK/Meis­ter

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