11. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

„Ja, tut mir leid, aber ich muss nach Hau­se.“„War­tet je­mand auf Sie?“„Ja, mein Bett.“„Sol­len wir noch ein biss­chen durch die Ge­gend fah­ren?“„Wie bit­te?!“„Kei­ne Angst, ich will Sie nicht ab­schlep­pen. Ich wür­de nur gern noch ein biss­chen durch die Nacht fah­ren, bei of­fe­nen Fens­tern, fri­scher Luft … Und ich ha­be schon zu viel ge­trun­ken, um mich noch selbst ans Steu­er zu set­zen.“

„Ich bin auch nicht mehr nüch­tern.“

„O doch. Wird be­stimmt toll. Nur ein paar Ki­lo­me­ter durchs Hin­ter­land. Um den heu­ti­gen Abend zu ver­ar­bei­ten. Um zu be­grei­fen, was mir pas­siert ist.“

„Sie soll­ten bes­ser zu Ih­rer Frau zu­rück­ge­hen.“

„Ach, für sie ha­be ich noch ein gan­zes Le­ben Zeit.“

„Soll­ten wir nicht bes­ser ei­ne Run­de zu Fuß ge­hen?“

So kommt es, dass Co­ren­tin und Lau­rent Mar­tin durch die ein­sa­men Dorf­stra­ßen und dann die Land­stra­ße ent­lang­ge­hen, die schließ­lich in ei­nen Wald mün­det. Für ei­ne ge­rau­me Wei­le sagt Lau­rent kein Wort. Co­ren­tin sieht ihn hin und wie­der ver­stoh­len an, doch die Nacht hüllt die Er­de ein, und das Ge­sicht des frisch­ge­ba­cke­nen Ehe­manns ist un­er­gründ­lich. Als Lau­rent dann end­lich den Mund auf­macht, re­det er ab­ge­hackt und fast ag­gres­siv. Er fragt Co­ren­tin, ob ihm der heu­ti­ge Abend ge­fal­len ha­be, und die­ser lä­chelt und sagt, sei­ne Meinung sei doch völ­lig un­in­ter­es­sant, er sei nur zum Fil­men da ge­we­sen, nicht um sich zu amü­sie­ren – aber ja, es ha­be ihm ge­fal­len. Lau­rent mur­melt, das sei gut, sehr gut so­gar, er reibt sei­ne Hän­de an den Schen­keln und fügt hin­zu, es sei wich­tig, dass die Hoch­zeit al­len in gu­ter Er­in­ne­rung blei­ben wer­de, es sei ent­schei­dend. Er wie­der­holt die­ses Ad­jek­tiv – „ent­schei­dend“-, das in der ein­sa­men Land­schaft wi­der­hallt. Vor der Brü­cke über die Sei­ne bleibt Co­ren­tin schließ­lich ste­hen. Sie wer­den doch wohl nicht zu Fuß bis zur Stadt ge­hen wol­len! Er fragt Lau­rent, was ge­nau los sei. Lau­rent zuckt mit den Schul­tern.

„Al­le ha­ben mir Druck ge­macht. Ei­ne ko­mi­sche Sa­che, so ei­ne Hei­rat. Fast wie ein Sturm. Ein Sturm na­mens Lau­rence. Kaum hat man sei­ne Zu­stim­mung ge­ge­ben, schon wird man in ei­ne Art Wir­bel­sturm hin­ein­ge­ris­sen, und es geht nur noch um Din­ge wie Kla­mot­ten, die Lo­ca­ti­on, die Fo­to­gra­fen, die Zahl der Ein­la­dun­gen, die Far­be der Ser­vi­et­ten, man wird mit­ge­ris­sen und be­kommt kaum noch Luft, man schwimmt mit dem Strom, und ir­gend­wann wird ei­nem klar, dass es den an­de­ren, den El­tern, Schwie­ger­el­tern, Cou­sins und Cou­si­nen, den Groß­müt­tern, letzt­end­lich völ­lig egal ist, was man selbst meint oder wor­auf man selbst Lust ha­ben könn­te, und das Schlimms­te ist, dass die Zu­künf­ti­ge voll und ganz auf ih­rer Sei­te ist – mehr noch, sie geht mit we­hen­den Fah­nen vor ih­nen her und führt die gan­ze Trup­pe an, über­nimmt die Füh­rung, und man selbst wird kom­plett ver­ges­sen. Und des­halb kommt man ir­gend­wann an den Punkt, an dem man sich in­ner­lich aus dem Staub macht, oh­ne dass die an­de­ren es mer­ken, und man schlägt ei­ne an­de­re Rich­tung ein, und tja, ge­nau das ist mir pas­siert.“

„Ha­ben Sie sich in ei­ne an­de­re ver­liebt?“„Ich haue ab.“„Wie bit­te?!“„Ich kann nicht mehr. Ich fürch­te, dass wir in den kom­men­den Mo­na­ten über nichts an­de­res re­den wür­den als über die­se Hoch­zeit, die Fei­er, das Fest, dar­über, wer was ge­macht hat, über die be­scheu­er­ten Ty­pen von Tisch 12, die to­tal be­kifft wa­ren, und an­schlie­ßend stürzt man sich auf die Fra­ge nach Kin­dern, nun ja, das hat schon an­ge­fan­gen, doch bis­her hat es Gott sei Dank noch nicht ge­klappt, und so geht es wei­ter, bis ans En­de un­se­rer Ta­ge, im­mer muss man an die Part­ne­rin den­ken, an ih­re Wün­sche, an ihr Ver­lan­gen, an ih­re Ent­schei­dun­gen.“

„Das ist die Ba­sis ei­ner Part­ner­schaft, Lau­rent.“

„Ich weiß. Und es wird vi­el­leicht auch mal mei­ne Ba­sis sein, spä­ter. Aber nicht mit ihr. Und nicht schon jetzt. Ich ha­be et­was Geld ge­spart. Ich ver­rei­se. Mum­bai. In vier Ta­gen. In In­di­en wim­melt es von Men­schen. Da wird man mich nicht so schnell fin­den.“

„Hät­ten Sie sich das nicht frü­her über­le­gen kön­nen? Ich fin­de es ge­mein! Wie kön­nen Sie ihr das an­tun? Ich fin­de es em­pö­rend. Und ich ha­be weiß Gott kei­ne gro­ßen Sym­pa­thi­en für Ih­re Frau! Mensch, hät­ten Sie sich das nicht schon vor zwei Wo­chen oder vi­el­leicht auch nur vor drei Ta­gen über­le­gen kön­nen? Sie auf die Sei­te neh­men und ihr sa­gen kön­nen: Komm, bla­sen wir das Gan­ze ab!“

„Aber sie hat sich der­ma­ßen ge­freut! Und sie hat an nichts an­de­res mehr ge­dacht als an die­se Vor­be­rei­tun­gen.“

„Ich be­grei­fe es nicht, und Sie brau­chen auch gar nicht ver­su­chen, mich zu über­zeu­gen.“

„Scha­de … Da­bei hat­te ich ge­hofft, Sie wür­den mich in mei­nem Ent­schluss be­stär­ken!“

„Da ha­ben Sie sich echt den Fal­schen aus­ge­sucht, Lau­rent. Ich bin der Letz­te, der so et­was gut­hei­ßen wür­de. Ich fin­de Ihr Ver­hal­ten un­reif und un­glaub­lich ego­is­tisch. Wir bei­de se­hen uns ga­ran­tiert nicht wie­der. Die fi­nan­zi­el­len Din­ge kön­nen Sie mit Yvan er­le­di­gen. Schö­ne Hoch­zeits­nacht noch!“

Co­ren­tin mar­schiert da­von. Er wür­de gern wür­de­voll und ent­rüs­tet aus­se­hen, aber mit­ten in der Nacht auf ei­ner ein­sa­men Land­stra­ße wür­de es so­wie­so nichts nüt­zen, weil es kei­nen ein­zi­gen Zu­schau­er gibt und vor al­lem, weil es nicht leicht ist, hoch­er­ho­be­nen Haup­tes zu ge­hen und stur gera­de­aus zu bli­cken – man könn­te bei je­dem Schritt stol­pern.

Co­ren­tin ist im­mer noch em­pört, als er wie­der im Dorf an­kommt. Wie hät­te er die­sem Voll­pfos­ten von Lau­rent er­klä­ren kön­nen, dass er kei­ne un­ge­eig­ne­te­re Per­son wie ihn hät­te fin­den kön­nen, um ihm sein Herz aus­zu­schüt­ten?

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