„Men­schen sind kei­ne Hed­ge­fonds“

Der Trans­fer-Wahn­sinn um Ney­mar

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von Mat­thi­as Bos­sal­ler und Chris­to­pher Tön­gi

Ma­drid. „Obszön“, „Ero­si­on der Fuß­ball-Kul­tur“, „weit weg von der Ba­sis“: Der be­vor­ste­hen­de Mega-Trans­fer des Fuß­ball-Stars Ney­mar löst rund um den Glo­bus Em­pö­rung und Un­ver­ständ­nis aus. Die Ten­denz zu im­mer hö­he­ren Ab­lö­se­sum­men emp­fin­den vie­le Prot­ago­nis­ten als Ge­fahr. Nur Man­ches­ter Uni­teds Trai­ner Jo­sé Mour­in­ho scheint ei­ner der we­ni­gen zu sein, der sich nicht an der ho­hen Ab­lö­se­sum­me stößt. Zur Er­in­ne­rung: Sein Ar­beit­ge­ber hat­te vor ei­nem Jahr den Fran­zo­sen Paul Pog­ba ver­pflich­tet. Er kam von Ju­ven­tus Tu­rin und kos­te­te 105 Mil­lio­nen Eu­ro. Da­mals ein ab­so­lu­ter Re­kord! Da­mals. Der Sport­phi­lo­soph Elk Fran­ke sieht mitt­ler­wei­le die Wer­te des Sports in Ge­fahr. „Wir sind Zeit­zeu­gen ei­ner Ero­si­on der Fuß­ball-Kul­tur“, sagt der Wis­sen­schaft­ler. Fran­ke kri­ti­siert die 222 Mil­lio­nen Eu­ro von Pa­ris Saint-Ger­main an den FC Barcelona als mo­ra­lisch ver­werf­lich.

„Men­schen sind kei­ne Hed­ge­fonds. Das ist obszön“, meint er. Der Sport wür­de „in Grö­ßen­ord­nun­gen aus dem wirt­schaft­li­chen Be­reich“vor­drin­gen, wo „rea­li­täts­fer­ne Geld­ver­schie­bun­gen“mitt­ler­wei­le nor­mal sei­en. Durch ei­ne sol­che Ab­lö­se­sum­me kön­ne der Sport sei­ne „mo­ra­li­sche und ethi­sche Di­men­si­on nicht mehr glaub­haft ver­tre­ten“, be­män­gelt Fran­ke.

Ges­tern am spä­ten Abend wur­de ge­mel­det, dass der Re­kord­trans­fer von Ney­mar per­fekt ist. Der Pro­fi hat die fest­ge­schrie­be­ne Ab­lö­se von 222 Mil­lio­nen Eu­ro be­zahlt. Zu­vor hat­ten die spa­ni­sche Li­ga und ihr Boss Ja­vier Te­bas die An­nah­me des Ab­lö­se-Schecks me­di­en­wir­kam zu­rück­ge­wie­sen und Pa­ris Saint-Ger­main (PSG) Ver­let­zung des Fi­nan­ci­al Fair­plays vor­ge­wor­fen. Die ka­ta­ri­schen Öl­scheichs, die bei PSG das Sa­gen ha­ben, be­schul­dig­te Te­bas des „fi­nan­zi­el­len Do­pings“. Die fran­zö­si­sche Li­ga re­agier­te dar­auf mit Un­ver­ständ­nis und for­der­te die spa­ni­schen Ver­ant­wort­li­chen auf, die­se Blo­cka­de­hal­tung auf­zu­ge­ben. Man un­ter­stüt­ze PSG und wün­sche sich Ney­mar in der Li­gue1, hieß es in ei­nem State­ment. Selbst Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron be­grüß­te be­reits ei­nen Wech­sel Ney­mars. Beim Be­such ei­ner Fe­ri­en­ver­an­stal­tung für Kin­der traf er ges­tern auch PSG-Chef Nas­ser al-Che­lai­fi aus Ka­tar – und gra­tu­lier­te ihm in ei­ner of­fen­sicht­li­chen An­spie­lung auf die auf­se­hen­er­re­gen­de Per­so­na­lie: „Herz­li­chen Glück­wunsch, ich ha­be ge­hört, dass es gu­te Nach­rich­ten gibt.“Die Eu­ro­päi­sche Fuß­ball-Uni­on Uefa ver­si­cher­te auf An­fra­ge noch ein­mal: „Al­le Ver­ei­ne in Eu­ro­pa müs­sen die Re­geln des Fi­nan­ci­al Fair­plays re­spek­tie­ren und zei­gen, dass sie nicht hö­he­re Ver­lus­te als 30 Mil­lio­nen Eu­ro in drei Jah­ren ha­ben.“Der Trans­fer Ney­mars wür­de für die Fi­nan­zen von PSG Aus­wir­kun­gen über Jah­re hin­weg ha­ben. Al­ler­dings kann der Ein­fluss nicht vor­ab be­ur­teilt wer­den, zu­mal PSG ei­ni­ge Spie­ler noch für si­gni­fi­kan­te Sum­men ver­kau­fen könn­te.

Der Prä­si­dent des FC Barcelona, Jo­sep Bar­to­m­eu, hat­te jüngst in ei­nem In­ter­view ge­sagt, dass man die Aus­stiegs-

Ma­cron gra­tu­liert PSG

klau­seln un­mög­lich zie­hen kön­ne, oh­ne ge­gen das Fi­nan­ci­al Fair­play zu ver­sto­ßen. Schon vor dem Hick­hack lös­te der ge­plan­te Trans­fer ne­ben Eu­pho­rie in Frank­reich auch Em­pö­rung und Un­ver­ständ­nis aus. „Im Fuß­ball gibt es seit ei­ni­ger Zeit Un­an­stän­dig­keit. Und hier wird ein Gip­fel er­reicht“, schrieb „Le Jour­nal de la Hau­te-Mar­ne“.

Fo­tos: AFP/dpa

FUSSBALLER ALS MAR­KE: Das Tri­kot von Ney­mar war in Barcelona – ne­ben dem von Mes­si – ei­nes der Dau­er­bren­ner bei den Fans.

DER TEU­ERS­TE: Ney­mar ist Pa­ris Sain­tGer­main 222 Mil­lio­nen wert.

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