Qu­er­kopf Pal­mer

Glöck­ner lobt Grü­nen

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

Berlin. Al­les be­gann mit ei­nem Ein­trag auf „Face­book“. Am 16. Ok­to­ber 2015, auf dem Hö­he­punkt der Flücht­lings­wel­le, als täg­lich meh­re­re tau­send Men­schen un­ge­hin­dert und un­kon­trol­liert nach Deutsch­land ka­men, schrieb Bo­ris Pal­mer, Ober­bür­ger­meis­ter der Uni­ver­si­täts­stadt Tü­bin­gen und Grü­nen-Mit­glied seit 1996, in dem so­zia­len Netz­werk: „Wir schaf­fen das nicht. Über ei­ne Mil­li­on Flücht­lin­ge in ei­nem Jahr kann man noch re­den. Über 10 000 Flücht­lin­ge pro Tag kann man nicht mehr re­den. Wenn das an­hiel­te, kä­men in den nächs­ten zwölf Mo­na­ten 3,65 Mil­lio­nen Men­schen nach Deutsch­land. Es tut mir leid, das schaf­fen wir nicht. Die Po­li­tik muss han­deln, sonst im­plo­diert un­ser Auf­nah­me­sys­tem und der so­zia­le Frie­den im Land.“

Die Bot­schaft lös­te ei­nen Sturm der Ent­rüs­tung aus – vor al­lem in der ei­ge­nen Par­tei. Dort war zu die­sem Zeit­punkt noch die Freu­de über die Zu­wan­de­rung groß. Grü­nen­Frak­ti­ons­che­fin Ka­trin Gö­rin­gEckardt hat­te im Sep­tem­ber in der Ge­ne­ral­de­bat­te des Bun­des­tags von ei­nem „Sep­tem­ber­mär­chen“ge­spro­chen – und auf dem Bun­des­par­tei­tag im No­vem­ber 2015 ju­bel­te sie: „Die­se Men­schen sind ein Ge­schenk für Deutsch­land.“Über Bo­ris Pal­mer hin­ge­gen, der als Ober­bür­ger­meis­ter ei­ner Stadt, in der es schon in Nor­mal­zei­ten Ge­ring­ver­die­ner schwer ha­ben, ei­ne be­zahl­ba­re Woh­nung zu fin­den und der nicht mehr wuss­te, wo er die Flücht­lin­ge un­ter­brin­gen soll­te, ging ein wah­rer Pro­test­sturm nie­der, der we­gen sei­ner kri­ti­schen Po­si­ti­on in der Flücht­lings­fra­ge bis zum heu­ti­gen Tag an­hält.

Nun hat der 45-Jäh­ri­ge, der sein Image vom Qu­er­kopf und Re­bell pflegt, nach­ge­legt und ein Buch zur Flücht­lings­kri­se ver­öf­fent­licht, das ges­tern die rhein­land-pfäl­zi­sche CDU-Vor­sit­zen­de Ju­lia Klöck­ner in Berlin vor­stell­te. Und schon der Ti­tel ist für vie­le in der ei­ge­nen Par­tei ei­ne Zu­mu­tung: „Wir kön­nen nicht al­len hel­fen“(Sied­ler-Ver­lag, Berlin, 18 Eu­ro). Auf 256 Sei­ten brei­tet der Kom­mu­nal­po­li­ti­ker, der seit zehn Jah­ren in der Stadt am Neckar re­giert, sei­ne Ge­dan­ken über die Gren­zen der Be­last­bar­keit und die Her­aus­for­de­run­gen der In­te­gra­ti­on aus. Of­fen und ehr­lich spricht er da­bei die Pro­ble­me an und warnt vor bei­den Ex­tre­men – der Ne­gie­rung der Pro­ble­me wie der Über­trei­bung der Pro­ble­me. Die Rech­ten müss­ten end­lich ak­zep­tie­ren, dass es Zu­wan­de­rung ge­be und Deutsch­land ein Ein­wan­de­rungs­land sei, die Lin­ken müss­ten ak­zep­tie­ren, dass es Ab­schie­bun­gen ge­be und nicht je­der blei­ben kön­ne, so Pal­mer. Gleich­zei­tig for­dert er aber auch mehr Fle­xi­bi­li­tät: „Wir schie­ben die Fal­schen ab und be­hal­ten die Fal­schen: Wer gut in­te­griert ist und ei­nen Job hat, aber aus dem fal­schen Land kommt, muss ge­hen, wer kri­mi­nell ist, aber aus dem rich­ti­gen Land kommt, darf blei­ben. Das ver­steht vor Ort kein Mensch.“

Für die stell­ver­tre­ten­de CDUChe­fin Ju­lia Klöck­ner, ge­nau­so alt wie Bo­ris Pal­mer, taugt das Buch des Grü­nen-Po­li­ti­kers nicht zum Skan­dal. Es sei viel­mehr ei­ne Auf­for­de­rung an al­le zum Dis­kurs, zur Über­win­dung des Schub­la­denDen­kens. Mar­tin Fer­ber

Fo­to: dpa

STELLT NEU­ES BUCH VOR: Tü­bin­gens OB Bo­ris Pal­mer.

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