Luft­ge­trock­ne­te

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE -

Der Volks­mund ätzt, bei­zei­ten. Lässt Sprü­che raus wie: „Wer nichts wird, wird Wirt. Und wem auch dies nicht ge­lun­gen, der macht in Ver­si­che­run­gen.“Oder, ganz neu: Der Nichts­wer­der macht in Wind-Wirt, macht win­di­ge Ge­schäf­te. Ver­kauft nicht et­wa fri­schen Wind in Do­sen, auch kei­ne Wind­ho­sen oder Wind­ei­er. Er hängt ge­wa­sche­ne Wä­sche wie zu Omas Zei­ten in die kräf­ti­ge Land­luft. Die Kund­schaft ist ur­ban, lebt in en­gen Wa­ben, muss in sti­cki­gen Ba­de­zim­mern und auf Heiz­kör­pern die Wä­sche trock­nen. Doch was für ein tie­ri­scher Ge­ruchs­un­ter­schied zur Wä­sche, die drau­ßen im Länd­li­chen an der Lei­ne tro­cken we­hen durf­te: zwi­schen Gülle­fel­dern, Die­sel­t­rak­to­ren, Schwei­ne­mast, all­er­gie­ver­brei­ten­den Gras­wie­sen, Baum­rei­hen und wo­gen­den Korn­fel­dern.

Im Ber­li­ner Speck­gür­tel ist der ers­te Wind­aus­schen­ker für Me­tro­po­len­wä­sche, Fir­men­lo­go „Frisch und Luft“, am Start. Holt die Dreck­wä­sche vom bio­wahn­sin­ni­gen Prenz­lau­er Berg ab, karrt sie mit ei­nem al­ten Daim­ler-Die­sel (Ach­tung: mie­se Öko­bi­lanz) ins 27 Ki­lo­me­ter ent­fern­te bran­den­bur­gi­sche Go­sen, wäscht mit Bio-Wasch­mit­tel, schenkt dem Ge­we­be stun­den­lang trock­nen­de Luft ein und be­sorgt ab­schlie­ßend den Rück­trans­port, er­neut mit der soft­ware­ma­ni­pu­lier­ten Fe­in­staub­schleu­der. We­nigs­tens kommt über die Kla­mot­ten wä­schek­ü­bel­wei­se Frisch­luft un­ter die ver­mief­te Groß­stadt­glo­cke – da­mit wei­ter nach Paul Lin­ke ge­sun­gen wer­den kann: Das ist die Ber­li­ner Luft, Luft, Luft, so mit ih­rem hol­den Duft, Duft, Duft.

Sol­che Luft­trock­ner-Be­trie­be könn­ten lan­des­weit aus dem Land­bo­den sprie­ßen. Mie­der­wä­sche, die nach Karls­ru­her Streu­obst­wie­sen riecht, sto­ne­wa­s­hed Je­ans mit den na­sa­len Kost­bar­kei­ten fri­scher Rhein­au­en­luft und Schwarz­wäl­der Tan­nen­zäpf­chen mal nicht in Bier­fla­schen­for­mat, son­dern als Duft­no­te. Auch zwi­schen Wind­rä­dern ge­spann­te Wä­sche­lei­nen sind denk­bar – off­shore oder zwi­schen Pfäl­zer-Wald-Gip­feln. See­bri­se aus Baum­woll­so­cken oder Sau­ma­gen und Käsch­te-Duft aus at­mungs­ak­ti­ver Funk­ti­ons­wä­sche.

Wer par­tout kein Wirt wer­den will, we­der Wind noch Bier­lei­tun­gen an­zap­fen möch­te, dem schlägt der Volks­mund vor: „Wer Wirt nicht wird, wird Gast und fällt dem Wirt zur Last.“Kon­rad Stamm­schrö­er

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