„Die schlimms­ten Ta­ge mei­nes Le­bens“

Co-Pi­lot Jür­gen Vietor wird „Lands­hut“-Ent­füh­rung nie ver­ges­sen / Flie­ger kommt ins Mu­se­um

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von Ge­org Is­mar und Kath­rin Drin­kuth

Friedrichshafen/For­ta­le­za. Sie ist ein Sym­bol der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te: Die 1977 von Ter­ro­ris­ten ent­führ­te „Lands­hut“soll nach den Wün­schen von Mu­se­ums­chef Da­vid Dor­nier im Ok­to­ber an ih­rem neu­en Stand­ort in Friedrichshafen sein. „Dass das Flug­zeug am 18. Ok­to­ber hier ist, das kann ich mir schon vor­stel­len“, sag­te er. „Ich rech­ne ei­gent­lich fest da­mit.“An die­sem Tag jährt sich die Be­frei­ung der Luft­han­sa-Ma­schi­ne zum 40. Mal.

Am 13. Ok­to­ber 1977 hat­ten vier Pa­läs­ti­nen­ser in Ab­spra­che mit der Ro­ten Ar­mee Frak­ti­on (RAF) die „Lands­hut“mit 91 Men­schen an Bord ge­ka­pert. Nach ei­ner Lan­dung im süd­je­me­ni­ti­schen Aden er­schos­sen sie den Ka­pi­tän Jür­gen Schu­mann. In Mo­ga­di­schu (So­ma­lia) stürm­te dann die An­ti-Ter­rorEin­heit GSG 9 die Ma­schi­ne und be­frei­te die Gei­seln un­ver­sehrt. Das Flug­zeug soll künf­tig auf dem Ge­län­de des Dor­nier Mu­se­ums prä­sen­tiert wer­den. Bis­lang ver­rot­tet es auf dem bra­si­lia­ni­schen Flug­ha­fen For­ta­le­za. Die schrott­rei­fe Ma­schi­ne soll nun zer­legt, trans­por­tiert und spä­ter am Bo­den­see re­stau­riert wer­den. „Was wir wis­sen ist, dass die Luft­han­sa-Tech­nik vor Ort ist, und noch­mal die gan­ze Lo­gis­tik an­ge­scho­ben hat“, sag­te Dor­nier. Der Trans­port sei ei­ne schwie­ri­ge An­ge­le­gen­heit, so der Mu­se­ums­chef: „Die brau­chen Spe­zi­al­werk­zeug, die brau­chen He­be-Werk­zeu­ge, sie müs­sen Vor­rich­tun­gen bau­en aus Holz, um den Rumpf, wenn er kein Fahr­werk mehr hat, zu sta­bi­li­sie­ren und auch in den Fracht­raum zu brin­gen. Das ist al­les ein sehr ho­her lo­gis­ti­scher Auf­wand und braucht ei­ne ge­wis­se Vor­lauf­zeit.“

Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) hat­te den Kauf des Flug­zeugs for­ciert. En­de Mai wur­de der Ver­trag mit dem bis­he­ri­gen staat­li­chen Flug­ha­fen­be­trei­ber In­fr­ae­ro ge­schlos­sen, das Aus­wär­ti­ge Amt er­warb die „Lands­hut“laut Be­rich­ten für 75 936 Reais (20 620 Eu­ro). Ins­ge­samt kön­nen De­mon­ta­ge, Trans­port per Fracht­ma­schi­ne, Zu­sam­men­bau und Mo­der­ni­sie­rung bis zu zwei Mil­lio­nen kos­ten, wird ge­schätzt.

Den da­ma­li­gen In­sas­sen macht die Er­in­ne­rung an die „Lands­hut“bis heu­te zu schaf­fen. „In der Ma­schi­ne ha­be ich die schlimms­ten Ta­ge mei­nes Le­bens ver­bracht“, sagt Jür­gen Vietor, der CoPi­lot der Ma­schi­ne. Er muss­te das Flug­zeug wei­ter­flie­gen, nach­dem der Flug­ka­pi­tän Jür­gen Schu­mann im Je­men von den Ter­ro­ris­ten er­schos­sen wor­den war. Schon sechs Wo­chen nach der Be­frei­ung am 18. Ok­to­ber 1977 saß Vietor wie­der im Cock­pit. Da­bei steu­er­te er nicht ir­gend­ei­ne Ma­schi­ne, son­dern wie­der die „Lands­hut“. „Ich hab so ge­tan, als hät­te es die nicht ge­ge­ben, die Ent­füh­rung“, er­in­nert sich der 75-Jäh­ri­ge. Bis zu sei­nem Ru­he­stand 1999 ar­bei­te­te er wei­ter als Pi­lot für die Luft­han­sa. Dia­na Müll war bei der Gei­sel­nah­me 19 Jah­re alt.

Über die Er­leb­nis­se zu spre­chen, fal­le ihr bis heu­te schwer, wie sie er­zählt. Neun Jah­re ha­be sie nach dem Gei­sel­dra­ma kein Flug­zeug mehr be­tre­ten kön­nen. Bis heu­te schlu­cke sie vor lan­gen Flü­gen Be­ru­hi­gungs­mit­tel. „Die Ge­schich­te haf­tet an mir, bis an mein Le­bens­en­de.“Bald macht sich Müll auf den Weg zum bra­si­lia­ni­schen Flug­ha­fen For­ta­le­za. Dort steht die „Lands­hut“– ein­ge­zwängt ne­ben vier an­de­ren aus­ran­gier­ten Ma­schi­nen, in ei­nem ab­ge­le­ge­nen Teil des Flug­ha­fens For­ta­le­za auf dem „Ce­mité­rio“, dem Flug­zeug-Fried­hof. Von 1970 bis 1985 war die Bo­eing 737 für die Luft­han­sa im Ein­satz, dann als „John Adams“für Pre­si­den­ti­al Air­ways in den USA. Sie wur­de zum Fracht­flug­zeug, flog für TAN Hon­du­ras, L’Aé­ro­pos­ta­le, in Ma­lay­sia und In­do­ne­si­en, bis sie 2002 an TAF Lin­has Ae­re­as in For­ta­le­za ging. Auf­grund ei­nes schwe­ren De­fekts am 14. Ja­nu­ar 2008 wur­de das Flug­zeug nach 38 Jah­ren Di­enst flug­un­taug­lich er­klärt.

DIA­NA MÜLL war Pas­sa­gie­rin der ent­führ­ten Luft­han­sa-Ma­schi­ne „Lands­hut“. Sie steht mit dem da­ma­li­gen Co-Pi­lo­ten Jür­gen Vietor vor ei­nem Flie­ger im Dor­nier-Mu­se­um in Friedrichshafen. Dort soll die „Lands­hut“ab dem 18. Ok­to­ber aus­ge­stellt wer­den. Fo­to: dpa

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