Ein Frau­en­le­ben un­ter emo­tio­na­len Au­tis­ten

„La­dy Mac­beth von Mzensk“: Andre­as Krie­gen­burg in­sze­niert Schosta­ko­witsch bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wohl nir­gends in der Opern­li­te­ra­tur fin­det sich solch ei­ne scham­los aus­kom­po­nier­te Sex­sze­ne wie in Dmi­tri Schosta­ko­witschs „La­dy Mac­beth von Mzensk“. Wenn sich die se­xu­ell und emo­tio­nal aus­ge­hun­ger­te Kauf­mann­sGat­tin Ka­te­ri­na Is­mailo­wa und ihr et­was der­bes Aben­teu­er in Gestalt des Ar­bei­ters Ser­gej an die Wä­sche ge­hen, ex­plo­diert das Orches­ter ge­ra­de­zu. Nach dem Hö­he­punkt gibt es ein drol­li­ges, ab­wärts ge­rich­te­tes Blä­ser-Glis­san­do, ei­nen Mo­ment der Er­schlaf­fung, der meist so ver­stan­den wird, wie er ge­meint ist.

Ein paar La­cher aus dem Pu­bli­kum gab es da­zu auch am Mitt­woch­abend, als das Stück als zwei­te Opern-Neu­in­sze­nie­rung der dies­jäh­ri­gen Salz­bur­ger Festspiele Pre­mie­re im Gro­ßen Fest­spiel­haus hat­te. Was sich zu die­sem Mu­sik-Por­no auf der Büh­ne er­eig­ne­te, muss lei­der als To­tal­aus­fall ge­wer­tet wer­den. Die gro­ße schwe­di­sche So­pra­nis­tin Ni­na Stem­me blieb zwi­schen den Len­den Ser­ge­js lei­den­schafts­los und kühl bis zur Fri­gi­di­tät. Auch wenn sich Stem­me nach der Pau­se, wenn sie als zwei­fa­che Mör­de­rin zu­sam­men mit Ser­gej ins Straf­la­ger muss, dar­stel­le­risch ein we­nig be­rap­pelt – bis zu­letzt ge­lingt es ihr nicht, die ex­tre­me Gestalt der Ka­te­ri­na zwi­schen Sehn­sucht nach Nä­he und mör­de­ri­schen Ra­che­ge­lüs­ten glaub­wür­dig zu ver­kör­pern. Als rus­si­sches Ab­bild von Wil­li­am Sha­ke­speares „La­dy“ei­ne Fehl­be­set­zung.

Es mag frei­lich auch am (über-)am­bi­tio­nier­ten Re­gie­kon­zept von Andre­as Krie­gen­burg ge­le­gen ha­ben, dass Stem­me so we­nig über­zeug­te. Krie­gen­burg woll­te ei­ne Frau zei­gen, die so­zu­sa­gen zwi­schen al­len Stüh­len sitzt und un­ter emo­tio­na­len Au­tis­ten ihr Le­ben fris­ten muss: ih­rem drö­gen, zu­wei­len bru­ta­len Ehe­mann Si­no­wi (auch stimm­lich drö­ge: Ma­xim Pas­ter), dem über­grif­fi­gen Schwie­ger­va­ter und ih­rem Ge­lieb­ten Ser­gej, der schon bei der Hoch­zeit mit ei­ner an­de­ren an­ban­delt. Selbst im Straf­la­ger ist „die Kauf­manns­frau“ei­ne Au­ßen­sei­te­rin. Doch Stem­me ge­lingt es nicht, das Kon­zept mit Be­deu­tung auf­zu­la­den. Auch die Ver­zweif­lung, die sie da­zu bringt, zu­erst ih­ren Schwie­ger­va­ter und dann ih­ren Gat­ten zu meu­cheln, ver­mit­telt sich nicht.

Ei­ne Wucht in­des ist das Büh­nen­bild von Ha­rald B. Thor: ein Büh­nen­turm ho­her, her­un­ter­ge­kom­me­ner Sicht­be­tonWohn­blocks aus post­so­wje­ti­scher Zeit mit Ein­schuss­lö­chern, viel­leicht ir­gend­wo in Pu­tins „Neu-Russ­land“im ukrai­ni­schen Don­bas. Von links und rechts ra­gen be­weg­li­che Büh­nen­ele­men­te mit Ka­te­ri­nas Schlaf­ge­mach samt Nass­zel­le und or­tho­do­xem Her­gotts­win­kel re­spek­ti­ve das Kauf­manns­kon­tor her­ein. Das Haus ist be­völ­kert von ei­ner aus­ge­mus­ter­ten Sol­da­tes­ka, die ih­ren Frust, nicht mehr Krieg spie­len zu dür­fen, an den Frau­en ab­re­agiert.

Run­ning Gag der Ins­ze­nie­rung – das Stück hat ja auch ei­nen sa­ti­ri­schen Un­ter­ton – ist ei­ne Sa­gro­tan-Sprüh­do­se, aus der sich Ka­te­ri­nas Schwie­ger­va­ter Bo­ris (we­nig be­droh­lich: Dmitry Ulya­now) be­dient, wenn er wie­der mal sei­ne Schwie­ger­toch­ter be­fin­ger­te oder de­ren un­stan­des­ge­mä­ßen Ge­lieb­ten fast zu To­de prü­gel­te. Nach­dem sich Ka­te­ri­na mit­tels ei­ner ver­gif­te­ten Pilz­sup­pe des läs­ti­gen Ver­wand­ten ent­le­digt hat, greift sie selbst zum che­mi­schen Schuld-Til­ger, spä­ter wird sie dann von Wie­der­gän­gern ih­res Op­fers, die ihr im Traum mit hor­ror­mä­ßig be­leuch­te­ten Pilz­sup­pen­tel­lern ge­gen­über­tre­ten, in ei­nen Sa­gro­tan­ne­bel ge­hüllt.

Am stärks­ten ist der Schluss, wenn die präch­ti­gen Klän­ge aus dem Orches­ter­gra­ben al­le Schreck­nis­se und Sehn­süch­te der Welt durch­mes­sen, und Ka­te­ri­na als letz­ten Aus­weg aus ih­rer Mi­se­re den Frei­tod sucht. Ih­re Ne­ben­buh­le­rin, die von Ser­gej in An­spruch ge­nom­me­ne La­ger­hu­re So­net­ka, nimmt sie mit in den Tod. Dass sie bei­de ihr Gr­ab nicht im na­hen Fluss fin­den, wie es das Li­bret­to vor­sieht, son­dern er­hängt über ei­ner Brüs­tung bau­meln, gibt An­lass zu Ver­wir­rung. Wie kann Ka­te­ri­na erst So­net­ka und dann sich selbst er­hän­gen?

Mu­si­ka­lisch ge­bühr­te an die­sem Abend Ma­riss Jan­sons die Kro­ne. Der let­ti­sche Star­di­ri­gent und Chef des Sym­pho­nie­or­ches­ters des Baye­ri­schen Rund­funks gab sein De­büt als Opern­di­ri­gent bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len und über­zeug­te rest­los durch ei­nen eben­so trans­pa­ren­ten wie mar­ki­gen Schosta­ko­witsch-Sound. Zu­min­dest stimm­lich fand auch Stem­me nach leich­ten An­lauf­pro­ble­men zu gro­ßer Form. Da­ne­ben über­zeug­te Bran­don Jo­va­no­vich als Ser­gej, auch dar­stel­le­risch.

Es gab stür­mi­schen Ju­bel für Jan­sons und die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker nebst der Kon­zert­ver­ei­ni­gung Wie­ner Staats­opern­chor und für Ni­na Stem­me. Als sich das Re­gie­team zeig­te, ebb­te der Ap­plaus ein we­nig ab, ver­ein­zel­te Buh­ru­fe. Ge­org Et­scheit

OP­FER VON MÄNNERFRUST: Die Kauf­mann­sgat­tin Ka­te­ri­na Is­mailo­wa (Ni­na Stem­me) wird zur „La­dy Mac­beth von Mzensk“. Fo­to: dpa

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