Grenz­über­schrei­tung?

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - CAROLIN FREY­TAG

Beim Wort De­ri­va­te stel­len sich dem Pforz­hei­mer Lo­kal­po­li­ti­ker noch heu­te die Na­cken­haa­re auf. Das wa­ren doch die­se fie­sen Din­ger, die den be­reits ma­ro­den Stadt­fi­nan­zen den Rest ge­ge­ben ha­ben. Ein­ge­kauft ha­ben sie vor über zehn Jah­ren die da­ma­li­ge Ober­bür­ger­meis­te­rin Chris­tel Au­gen­stein, ih­re Käm­me­rin Su­san­ne Weis­haar und de­ren Stell­ver­tre­ter Kon­rad We­ber – bei der Deut­schen Bank und bei J.P. Mor­gan. Die Kre­dit­zin­sen der Stadt woll­ten sie mit den Fi­nanz­pro­duk­ten op­ti­mie­ren. Nun ste­hen die drei Pforz­hei­mer und zwei Mit­ar­bei­ter von J.P. Mor­gen in Mann­heim vor Ge­richt. Wo­mög­lich ha­ben sie mit den De­ri­va­te-Ver­trä­gen die ro­te Li­nie zur Zo­cke­rei über­schrit­ten.

Im Ge­gen­satz zum Durch­schnitts­bür­ger dür­fen Kom­mu­nen ihr Geld näm­lich nicht ein­fach dort­hin brin­gen, wo der größ­te Ge­winn zu ho­len ist. Das ver­bie­tet schon die Ge­mein­de­ord­nung. Die ver­langt, dass bei der Geld­an­la­ge auf aus­rei­chen­de Si­cher­heit zu ach­ten ist. Dass De­ri­va­te mit Si­cher­heit über­haupt nichts zu tun ha­ben, weiß je­der, der nur ein­mal in ei­nem Buch über Geld­an­la­ge ge­blät­tert hat. Sie ge­hö­ren zur höchs­ten Ri­si­ko­klas­se – meist mit dem schö­nen

Hin­weis „sehr spe­ku­la­tiv“ver­se­hen. Für Kom­mu­nen be­steht aber ein all­ge­mei­nes Spe­ku­la­ti­ons­ver­bot – das wis­sen auch Ban­ken. Wer Stadt­obe­ren all­zu krea­ti­ve Fi­nanz­pro­duk­te ver­kauft, muss al­so da­mit rech­nen, auch auf der An­kla­ge­bank zu lan­den.

Dass De­ri­va­te bei Stadt­ver­wal­tern, die sich haupt­be­ruf­lich mit Fi­nan­zen be­schäf­ti­gen, nicht die Alarm­glo­cken klin­geln las­sen, ist be­denk­lich. Wenn die drei Pforz­hei­mer wuss­ten, wel­ches Ri­si­ko sie der Stadt mit ih­ren Käu­fen auf­la­den, ist es nur gut und recht, dass sie sich jetzt vor Ge­richt ver­ant­wor­ten müs­sen. Wenn sie es nicht wuss­ten und den­noch un­ter­schrie­ben ha­ben, macht es das nur noch schlim­mer. Im Zwei­fel – und die wa­ren bei den De­ri­va­ten an­ge­bracht – muss die Kom­mu­ne zu­guns­ten des Si­cher­heits­be­dürf­nis­ses auf mög­li­che hö­he­re Er­trä­ge ver­zich­ten. Das hat die Ge­mein­de­prüf­an­stalt be­reits im Jahr 2000 fest­ge­legt.

So geht es beim De­ri­va­te-Pro­zess in Mann­heim in den kom­men­den Mo­na­ten letzt­lich auch dar­um, zu klä­ren, was Städ­te und ih­re Ver­tre­ter mit dem Geld der Bür­ger ma­chen dür­fen – und wann die ro­te Li­nie über­schrit­ten ist.

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