Front­wech­sel

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - UDO STARK

Der Ver­rat wird ge­schätzt, nicht der Ver­rä­ter. Mit die­sem Ma­kel muss jetzt auch El­ke Twes­ten le­ben. In ei­nem äu­ßerst un­güns­ti­gen Mo­ment für ih­re Par­tei läuft die grü­ne Land­tags­ab­ge­ord­ne­te in Nie­der­sach­sen zur CDU über. Sie mag für ih­ren Schritt gu­te Grün­de ha­ben, aber ein paar Wo­chen vor der Bun­des­tags­wahl klingt al­les, wo­mit sie sich recht­fer­tigt, wie ei­ne Aus­re­de. Lan­des­und bun­des­po­li­tisch ist der Sei­ten­wech­sel für die Grü­nen ein Tief­schlag. Gab ih­nen das Die­selthe­ma und der Eier­skan­dal ge­ra­de Schüt­zen­hil­fe, ist es nach den Er­eig­nis­sen in Nie­der­sach­sen un­wahr­schein­lich, dass die Öko­par­tei noch recht­zei­tig zur Bun­des­tags­wahl aus dem Um­fra­ge­tief kommt. Schon froh­lockt der po­li­ti­sche Geg­ner und stem­pelt die Grü­nen als un­si­che­re Kan­to­nis­ten ab, un­fä­hig zur Re­gie­rungs­ar­beit.

So­weit die Ad-Hoc-Ana­ly­se. Dar­über hin­aus ge­währt der Front­wech­sel von El­ke Twes­ten auch ei­nen tie­fen Ein­blick in das In­nen­le­ben der grü­nen Par­tei. In­ter­es­sant ist, wel­che Mo­ti­ve die Land­tags­ab­ge­ord­ne­te zu ih­rem Schritt be­wo­gen

ha­ben. Of­fen­sicht­lich mach­te sie sich seit lan­gem für ein schwarz-grü­nes Bünd­nis stark, was in ih­rer Par­tei aber auf we­nig Ge­gen­lie­be stieß. Si­cher gab es über die rein po­li­ti­schen Be­weg­grün­de auch per­sön­li­che Ani­mo­si­tä­ten. Aber El­ke Twes­ten darf man ab­neh­men, dass sie nicht nur wech­selt, weil sie die be­lei­dig­te Le­ber­wurst spie­len will. Sie ist seit lan­gem für die Öko­par­tei ak­tiv; si­cher hat sie schon vie­le Krö­ten ge­schluckt. Doch nun schien das Maß voll zu sein. Na­he­lie­gend ist, dass vor al­lem ein ideo­lo­gi­scher Kon­flikt den Aus­schlag gab. Die­se Per­spek­ti­ve re­la­ti­viert den ne­ga­ti­ven Aspekt des Ver­ra­tes. Ge­ra­de in Ideo­lo­gie-Par­tei­en herr­schen gro­ße Zwän­ge; ab­wei­chen­de Mei­nun­gen ha­ben nur we­nig Chan­cen. Oft kön­nen sie sich nur Luft ver­schaf­fen, wenn sie auf Dis­tanz zur ei­ge­nen Grup­pe ge­hen. El­ke Twes­ten ist da kein Ein­zel­fall. Auch das Bei­spiel Bo­ris Pal­mer zeigt, wie ideo­lo­gie­las­tig die Grü­nen sind. Wer bei ih­nen die Pro­ble­me der Mas­sen­ein­wan­de­rung the­ma­ti­siert, wird gleich in die rech­te Ecke ge­stellt.

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