Von der Stadt­spit­ze auf die An­kla­ge­bank

Straf­ver­fah­ren zu Pforz­heims De­ri­va­te-Skan­dal

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Carolin Frey­tag

Pforz­heim. Es ist still ge­wor­den um die drei, die Pforz­heim über Jah­re in die Schlag­zei­len der Zei­tun­gen ge­bracht ha­ben. Chris­tel Au­gen­stein, Su­san­ne Weis­haar und Kon­rad We­ber hat­ten kurz vor und in den Jah­ren der Fi­nanz­kri­se meh­re­re De­ri­va­te-Ver­trä­ge ab­ge­schlos­sen. Pforz­heim hat da­durch schließ­lich Mil­lio­nen­ver­lus­te er­lit­ten. Jetzt ste­hen die ehe­ma­li­ge Ober­bür­ger­meis­te­rin Au­gen­stein und ih­re da­ma­li­ge Käm­me­rin Weis­haar in Mann­heim vor Ge­richt. Ih­nen wird schwe­re Un­treue vor­ge­wor­fen. Der frü­he­re stell­ver­tre­ten­de Käm­me­rei­lei­ter We­ber lei­tet die Käm­me­rei heu­te kom­mis­sa­risch. Er ist we­gen Bei­hil­fe zur Un­treue an­ge­klagt. Den drei­en dro­hen mehr­jäh­ri­ge Haft­stra­fen. Für die An­ge­klag­ten geht es um ih­re Zu­kunft. Mit den drei Pforz­hei­mern müs­sen sich au­ßer­dem zwei Mit­ar­bei­ter von J.P. Mor­gan vor der Wirt­schafts­straf­kam­mer ver­ant­wor­ten. Ih­nen wird Bei­hil­fe zur Un­treue und Be­trug vor­ge­wor­fen.

Da­bei war es doch ei­gent­lich gut ge­meint – vor mitt­ler­wei­le über zehn Jah­ren: In der Pforz­hei­mer Stadt­kas­se klafft schon da­mals ein gro­ßes Loch. Oh­ne Kre­di­te kommt kaum ei­ne Stadt aus. Wenn es al­so schon nicht oh­ne ge­lie­he­nes Geld geht, wä­ren zu­min­dest we­ni­ger Zin­sen ei­ne gu­te Sa­che. So ent­de­cken die Stadt­obe­ren – wie zu der Zeit in vie­len an­de­ren Rat­häu­sern Deutsch­lands auch – die De­ri­va­te für sich. Sie ma­chen sich auf den Weg zur Deut­schen Bank, tref­fen dort auf krea­ti­ve und über­zeu­gen­de Bank­be­ra­ter und schlie­ßen vol­ler Op­ti­mis­mus zwi­schen 2004 und 2006 meh­re­re Ver­trä­ge ab. Mit be­sag­tem Kre­dit­in­sti­tut wet­tet die Stadt­ver­wal­tung auf ei­nen stei­gen­den Zins­ab­stand zwi­schen Staats­an­lei­hen mit kur­zer und je­nen mit lan­ger Lauf­zeit. Im­mer­hin win­ken an­sehn­li­che Ge­win­ne. Das klingt sehr ver­lo­ckend, auch für die Deut­sche Bank. Pforz­heim ver­liert die Wet­te. Mo­nat für Mo­nat wird das Mi­nus grö­ßer. Als sich die Ver­lus­te für die Gold­stadt auf 20 Mil­lio­nen Eu­ro auf­ge­staut ha­ben, zie­hen die Pforz­hei­mer die Reiß­lei­ne. Und ge­hen zur nächs­ten Bank. Bei J.P. Mor­gan ver­su­chen sie es dies­mal mit ei­ner Wet­te auf das ent­ge­gen­ge­setz­te Sze­na­rio. Oh­ne Er­folg. Im Ge­gen­teil: Es wird noch schlim­mer als zu­vor. Die ro­ten Zah­len wer­den im­mer grö­ßer. Im Ok­to­ber 2009 ist die Stadt mit über 57 Mil­lio­nen Eu­ro in den Mie­sen.

Der ge­ra­de erst frisch ge­ba­cke­ne Ober­bür­ger­meis­ter Gert Ha­ger sitzt kurz dar­auf mit Weis­haar und Rechts­amts­lei­te­rin Andrea Her­mes­mei­er vor an­ge­spann­ten Ge­mein­de­rä­ten im Pforz­hei­mer Rats­saal. Nüch­tern tra­gen sie die Nach­richt vor – und bli­cken da­bei in ent­setz­te Ge­sich­ter. Die Sum­me ist ge­wal­tig für ei­ne Stadt, die oh­ne­hin nichts hat. „Ein ho­hes Maß an Un­ver­ant­wort­lich­keit“wird der Stadt­ver­wal­tung mehr­fach vor­ge­wor­fen. Wie das mit den De­ri­va­ten ei­gent­lich funk­tio­niert, müs­sen vie­le Rä­te erst ein­mal nach­schla­gen. Nach dem ers­ten Schock sind sich Ver­wal­tung und Ge­mein­de­rä­te ei­nig: Die Stadt muss raus aus den Ver­trä­gen, lie­ber ges­tern als heu­te. Rund 57 Mil­lio­nen Eu­ro zahlt sie schließ­lich an J.P. Mor­gan. Pforz­heim muss da­für sämt­li­che Rück­la­gen auf­lö­sen. Doch da­mit nicht ge­nug.

Film­reif wer­den am 24. No­vem­ber 2009 kis­ten­wei­se Ak­ten und Un­ter­la­gen nach ei­ner Durch­su­chung aus dem Pforz­hei­mer Rat­haus ge­schleppt. Die Staats­an­walt­schaft Mann­heim hat sich der Sa­che an­ge­nom­men: Ha­ben die drei An­ge­klag­ten ver­bo­te­ner­wei­se ge­zockt? Na­he­zu sei­ne ge­sam­te Amts­zeit von acht Jah­ren ver­bringt der neue Ober­bür­ger­meis­ter Ha­ger an­schlie­ßend da­mit, die ver­lo­re­nen Mil­lio­nen vor den Ge­rich­ten zu­rück zu er­strei­ten. Vie­le Be­rich­te, Gut­ach­ten, Dis­kus­sio­nen, Ab­stim- mun­gen und Ver­hand­lungs­ta­ge spä­ter ist im­mer­hin ein Teil des Scha­dens aus­ge­bü­gelt. Nach Ver­glei­chen zah­len die Deut­sche Bank und J.P. Mor­gan ins­ge­samt 44,95 Mil­lio­nen an Pforz­heim zu­rück.

Am kom­men­den Di­ens­tag, rund vier Jah­re nach­dem An­kla­ge er­ho­ben wur­de, ist nun die straf­recht­li­che Sei­te des De­ri­va­te-Skan­dals

Vor­wurf der schwe­ren Un­treue

dran. Für Au­gen­stein, Weis­haar und We­ber geht es um die per­sön­li­che und da­mit wohl auch um die be­ruf­li­che Zu­kunft. Wer­den sie ver­ur­teilt, dro­hen ih­nen Haft­stra­fen zwi­schen sechs Mo­na­ten und meh­re­ren Jah­ren. 26 Ver­hand­lungs­ter­mi­ne über meh­re­re Mo­na­te ha­ben die An­ge­klag­ten nun vor sich – bis in den Ja­nu­ar hin­ein. Der Vor­wurf der Un­treue be­zieht sich laut Land­ge­richt auf die Ge­büh­ren, die beim Un­ter­zeich­nen der Ver­trä­ge an J.P. Mor­gan ge­flos­sen sind.

We­ber wird für die an­ste­hen­den Pro­zess­ter­mi­ne Ur­laub neh­men oder Über­stun­den ab­bau­en, heißt es auf Nach­fra­ge aus der Pres­se­stel­le der Stadt. Wie es für ihn nach dem Pro­zess je nach Ur­teil wei­ter ge­hen könn­te, dar­über will man nichts sa­gen. Weis­haar ver­ließ die Stadt­käm­me­rei be­reits im No­vem­ber 2009, kurz nach­dem der Skan­dal öf­fent­lich wur­de. Sie ar­bei­tet mitt­ler­wei­le als kauf­män­ni­sche An­ge­stell­te bei ei­ner Pforz­hei­mer Haus­ver­wal­tungs­fir­ma. Au­gen­stein hat sich nach ih­rer Wahl­schlap­pe 2009 aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück­ge­zo­gen. Die Ex-Ober­bür­ger­meis­te­rin lässt sich in Mann­heim un­ter an­de­rem vom Rechts­an­walt und stell­ver­tre­ten­den Bun­des­vor­sit­zen­den der FDP, Wolf­gang Ku­bi­cki, ver­tre­ten.

Das Ver­fah­ren ge­gen die ehe­ma­li­ge Pforz­hei­mer Stadt­spit­ze ist laut Staats­an­walt­schaft das ers­te im Zu­sam­men­hang mit sol­chen De­ri­va­te-Ge­schäf­ten am Land­ge­richt Mann­heim.

ÖF­FENT­LICH­KEITS­WIRK­SAM wur­den am 24. No­vem­ber 2009 un­ter Lei­tung des Mann­hei­mer Staats­an­wal­tes Uwe Sieg­rist (links) kis­ten­wei­se Ak­ten von Er­mitt­lern aus dem Pforz­hei­mer Rat­haus ge­tra­gen, in das Ober­bür­ger­meis­ter Gert Ha­ger (Zwei­ter von links) ge­ra­de erst ein­ge­zo­gen war. Ar­chiv­fo­tos: Eh­mann (2), Wa­cker (1)/Fo­to (1): Eh­mann

C. Au­gen­stein

K. We­ber

S. Weis­haar

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