Mit dem Ta­xi durch Ma­drid

Seit zehn Jah­ren kut­schiert Ru­bén Do­nai­re Tou­ris­ten und Ge­schäfts­leu­te durch die Stadt – da gibt es ei­ni­ges zu er­zäh­len

Pforzheimer Kurier - - FORUM - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Dahms

Ma­drid. Wir sind um 11 Uhr ver­ab­re­det, Ru­bén Do­nai­re ist schon fünf Mi­nu­ten frü­her da. Der 41-jäh­ri­ge Ma­dri­der ist seit zehn Jah­ren Ta­xi­fah­rer in der spa­ni­schen Haupt­stadt, ein aus­neh­mend freund­li­cher. „Es ist leich­ter, sym­pa­thisch und an­ge­nehm zu sein, als un­sym­pa­thisch und un­höf­lich“, sagt er. „Wenn in ei­ner Bar der Kaf­fee nicht be­son­ders gut ist, aber die Be­die­nung aus­ge­zeich­net, kommst du wie­der. Wenn die Bar den bes­ten Kaf­fee der Welt hat, aber die Be­die­nung ist un­freund­lich, bleibst du weg.“

Um im Bild zu blei­ben: Do­nai­re bie­tet ne­ben der freund­li­chen Be­die­nung auch noch den bes­ten Kaf­fee. Er fährt sei­nen Wa­gen ent­spannt und oh­ne zu flu­chen durch den Ma­dri­der Ver­kehr, der je­den an­de­ren ins Schwit­zen bringt. Und er­zählt da­bei: „Ich ha­be zwei On­kel, die Ta­xi­fah­rer sind, ei­ner schon seit drei­ßig Jah­ren. Ih­ret­we­gen hat auch mein Va­ter die­sen Be­ruf an­ge­nom­men.“Ei­gent­lich woll­te Do­nai­re in den Po­li­zei­dienst, aber er hat­te bei den Auf­nah­me­prü­fun­gen kein Glück. „Und so bin ich am En­de im Ta­xi ge­lan­det. Ich ha­be 140 000 Eu­ro für die Li­zenz und das Au­to be­zahlt, die ich von mei­nem frü­he­ren Chef über­nom­men ha­be. Ich ste­he mor­gens um sechs auf und ar­bei­te zwölf bis 14 St­un­den am Tag. Wenn du den Kre­dit für die Li­zenz ab­be­zahlt hast, kannst du dich ent­span­nen, aber am An­fang musst du St­un­den schie­ben, wie in je­dem an­de­ren Ge­schäft auch.“Er ge­hö­re zu de­nen, die sich durch die Stadt be­we­gen und nicht am Ta­xi­stand auf Kund­schaft war­ten. Das loh­ne sich in der Re­gel mehr. Aber: „Im Ta­xi spielt das Glück auch ei­ne gro­ße Rol­le.“

„Wenn ich im Ta­xi sit­ze, ar­bei­te ich und kann nicht die Stadt ge­nie­ßen.“Den meis­ten Kun­den ge­he es ähn­lich: „Sie neh­men ein Ta­xi, weil sie es ei­lig ha­ben, sonst wür­den sie mit dem Bus oder der Me­tro fah­ren, das ist bil­li­ger. Das Kind ist krank ge­wor­den: ein Ta­xi. Ich bin spät auf­ge­stan­den: ein Ta­xi.“Der Ma­dri­der Ver­kehr ma­che Do­nai­re nicht ner­vös, er ist eben dar­an ge­wöhnt. „Ich emp­fin­de eher mit dem Kun­den, der zu spät zu ei­ner Sit­zung oder zum Flug­ha­fen kommt“, sagt der 41-Jäh­ri­ge. „Ich will es so gut wie mög­lich ma­chen, aber manch­mal geht es nicht.“

Auch wenn Do­nai­res Eng­lisch nicht be­son­ders gut ist, ver­sucht er, Tou­ris­ten die Se­hens­wür­dig­kei­ten der Stadt zu er­klä­ren: „Dies ist die Gran Vía, die Stra­ße der Thea­ter und Ki­nos, hier das Te­le­fó­ni­ca-Ge­bäu­de, hier die Ban­co de España, das Rat­haus, die Pla­za de Ci­be­les. Und ich emp­feh­le ih­nen, sich zum Es­sen nicht in ein Re­stau­rant mit Vor­und Haupt­spei­se zu set­zen, son­dern auf Ta­pas-Tour zu ge­hen, in La La­ti­na, in der Ca­va Ba­ja.“Es ge­be nichts Ty­pi­sche­res in Ma­drid, als durch die Stra­ßen zu lau­fen und Ta­pas zu es­sen und da­zu ei­ne caña zu trin­ken, ein klei­nes Bier.

„Dann gibt es Kun­den, die kein Wort sa­gen, die mit dem Ta­blet ar­bei­tet. Oder te­le­fo­nie­ren. Mei­ne Po­li­tik ist: se­hen, hö­ren und schwei­gen. Ich ha­be vie­le be­rühm­te Kun­den ge­habt. Der ein­zi­ge, den ich um ein Fo­to ge­be­ten ha­be, war Di Sté­fa­no, der Fuß­bal­ler. Bei al­len an­de­ren: nichts, als

„Bei der Ar­beit kann ich nicht die Stadt ge­nie­ßen“

wä­ren sie ge­wöhn­li­che Kun­den.“Ein­mal ha­be er zwei be­kann­te Schau­spie­ler be­för­dert, die im Ta­xi et­was ge­probt hät­ten. Ei­ne Wo­che spä­ter sah er den Sketch dann im Fern­se­hen. „Aber ich ha­be nicht mit ih­nen ge­spro­chen, du kannst sie nicht stö­ren.“

Ei­ne Ge­schich­te, die Do­nai­re nicht ver­ges­sen wird, ist ihm vor zwei oder drei Jah­ren pas­siert. „Ei­ne al­te Da­me setz­te sich hier auf den Bei­fah­rer­sitz, an­ge­nehm und char­mant. Sie sag­te: Ich fah­re zum Arzt, mal se­hen, ob ich mit et­was Glück nur noch we­ni­ge Ta­ge zu le­ben ha­be.“Do­nai­re stoppt kurz, be­vor er wei­ter spricht. „Ihr fehl­te nichts, aber sie er­klär­te mir, dass sie seit 15 Jah­ren Wit­we sei, dass sie kein Kin­der ha­be und manch­mal ta­ge­lang mit nie­man­dem spre­che. Ih­re Krank­heit war die Ein­sam­keit. Ich sag­te ihr, sie sol­le mehr aus­ge­hen, neue Freund­schaf­ten schlie­ßen. Aber was kannst du in ein paar Mi­nu­ten tun, wenn du die Per­son nie wie­der siehst? Das ist es, was mich am Ta­xi­fah­ren stört: Du lernst vie­le Leu­te ken­nen, aber im­mer nur flüch­tig.“Auch die­se Fahrt ist zu En­de. Wir ver­ab­schie­den uns. Es hät­te noch viel zu re­den ge­ge­ben.

Wer am Flug­ha­fen Ba­ra­jas lan­det, muss bei sei­ner ers­ten Fahrt in die Stadt so­wie­so nichts fürch­ten: Für al­le Zie­le in­ner­halb des Stadt­au­to­bahn­rings M30 gilt der Ein­heits­ta­rif von 30 Eu­ro, oh­ne wei­te­re Auf­schlä­ge. mad

Ser­vice

In Ma­drid gibt es meh­re­re Ta­xi­zen­tra­len: zum Bei­spiel Ra­dio Ta­xi Gre­mi­al (für die Ru­bén Do­nai­re ar­bei­tet), Te­le­fon +34-9 14 47 32 32 oder die App Ta­xi Ya!

ACH­TUNG BAU­STEL­LE! Der Ma­dri­der Ver­kehr macht Ru­bén Do­nai­re nicht ner­vös. „Ich bin eben dar­an ge­wöhnt“, sagt der Ta­xi­fah­rer, der be­reits seit zehn Jah­ren Kun­den durch die spa­ni­sche Haupt­stadt fährt. Fo­tos: dpa/Dahms

LERNT VIE­LE MEN­SCHEN KEN­NEN: Ru­bén Do­nai­re vor sei­nem Ta­xi in Ma­drid.

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