Im Bauch des Rie­sen­vo­gels

Die Bo­eing ist die At­trak­ti­on im Tech­nik­mu­se­um

Pforzheimer Kurier - - SOMMERRÄTSEL -

Spey­er. Ma­jes­tä­tisch ragt die Ma­schi­ne in den Him­mel. Die Na­se stolz nach oben ge­reckt, die Flü­gel ge­spannt, be­reit, in Se­kun­den­schnel­le ab­zu­he­ben – so scheint es zu­min­dest. „Die Start­si­tua­ti­on soll hier si­mu­liert wer­den“, sagt dann auch Co­rin­na Hand­rich. Tat­säch­lich aber steht der Rie­sen­vo­gel fest auf rund 20 Me­ter ho­hen Stel­zen. Um die Stel­zen her­um: Ge­wu­sel. Eben­so auf den Trep­pen, die sich un­ter dem Flug­zeug nach oben schlän­geln. Aus dem Bauch der Ma­schi­ne führt ei­ne Rut­sche spi­ral­för­mig nach un­ten. Dump­fe Schreie sind zu hö­ren und fröh­li­ches Ge­krei­sche, bis die Rut­sche ein hal­bes Dut­zend Schul­kin­der aus­spuckt. Die ste­hen auf, tau­meln kurz, nach­dem sie wie­der fes­ten Bo­den un­ter den Fü­ßen ha­ben. Die Bo­eing 747 mit dem Na­men „Schles­wig-Hol­stein“ist die At­trak­ti­on im Tech­nik­mu­se­um Spey­er. Die Ma­schi­ne ist ein Flug­zeug zum An­fas­sen, zum Er­le­ben, zum dar­in Her­um­spa­zie­ren. „Schwin­del­frei muss man schon sein“, sagt Mu­se­ums-Spre­che­rin Co­rin­na Hand­rich, als sie die Trep­pe em­por­steigt. Drin­nen an­ge­kom­men, fühlt man sich in ei­ne an­de­re Zeit ver­setzt, ein Teil des In­nen­le­bens der Ma­schi­ne wur­de er­hal­ten – als An­schau­ungs­ob­jekt. Im Ok­to­ber 1978 wur­de die Bo­eing in Be­trieb ge­nom­men. Ins­ge­samt hob sie im Na­men der Luft­han­sa 16 374 Mal ab, be­för­der­te fast fünf Mil­lio­nen Men­schen durch die Lüf­te. Mit ei­ner Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von 800 St­un­den­ki­lo­me­tern sam­mel­te sie fast 100 000 Flug­stun­den. Nach 23 Jah­ren wur­de sie aus­ran­giert, im Jahr 2002 dann auf ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Rei­se in das Tech­nik­mu­se­um nach Spey­er ge­bracht. Co­rin­na Hand­rich er­in­nert sich noch ge­nau dar­an. Meh­re­re Ta­ge dau­er­te der Trans­port über den Rhein und über die Stra­ße da­mals im März 2002 – be­glei­tet von zahl­rei­chen Schau­lus­ti­gen. Im Ja­nu­ar war der Rie­sen­vo­gel sei­ne letz­te Rei­se am Frank­fur­ter Flug­ha­fen an­ge­tre­ten (mit der Flug­num­mer LH 8952), um bald dar­auf am Ba­den Air­port in Rhein­müns­ter-Söl­lin­gen zu lan­den. Zwei Mo­na­te lang wur­de die Ma­schi­ne trans­port­fä­hig ge­macht, bis sie schließ­lich die spek­ta­ku­lä­re Tour nach Spey­er an­trat. Dort wa­ren Tech­ni­ker an­schlie­ßend ein Jahr da­mit be­schäf­tigt, den Vo­gel wie­der auf­zu­bau­en und schließ­lich auch „mu­se­ums­reif“zu ma­chen.

Was dar­aus ge­wor­den ist, kön­nen die Be­su­cher heu­te haut­nah er­fah­ren. Im Bauch der Bo­eing an­ge­kom­men, muss man sich erst ein­mal an die Schräg­la­ge des Vo­gels ge­wöh­nen, ehe man die ers­ten vor­sich­ti­gen Schrit­te macht. Tei­le des In­nen­le­bens sind er­hal­ten, rechts ei­ne Sitz­rei­he, links die Bord­toi­let­te, auf der tat­säch­lich ei­ne Schau­fens­ter­pup­pe sitzt und Zei­tung liest. Im hin­te­ren Teil des Flug­zeugs wur­de die Ver­klei­dung ab­mon­tiert, was ei­nen Blick auf das In­nen­le­ben der Ma­schi­ne er­mög­licht. An ei­ner Sei­te kön­nen die Be­su­cher her­aus­tre­ten, auf dem be­geh­ba­ren Flü­gel der Bo­eing bie­tet sich ein wei­ter Blick über die Dom­stadt Spey­er. „Hier se­hen Sie die Ge­dächt­nis­kir­che, dort drü­ben den Dom“, gibt Co­rin­na Hand­rich ei­ne Mi­ni-Stadt­füh­rung in schwin­del­er­re­gen­den Hö­hen. Drei Krä­ne sei­en da­mals im Ein­satz ge­we­sen, um den Kra­nich in der jet­zi­gen Form wie­der zu­sam­men­zu­bau­en, er­in­nert sich die Pres­se­spre­che­rin.

Im Bauch, auf dem be­geh­ba­ren Flü­gel, auf den Trep­pen und in der Rut­sche – über­all herrscht Le­ben. Schul­kin­der to­ben durch den Flug­zeug­bauch, flüs­tern ki­chernd vor der Bord­toi­let­te, äl­te­re Be­su­cher­grup­pen

Auf der Bord­toi­let­te sitzt ei­ne Schau­fens­ter­pup­pe

ver­wei­len vor der Ta­fel mit den tech­ni­schen De­tails, Fa­mi­li­en ge­nie­ßen mit ih­ren Kin­dern den Blick über Spey­er.

Au­ßer der Bo­eing gibt es na­tür­lich al­ler­lei an­de­re Tech­nik zu be­stau­en, von der klei­nen Spiel­do­se über di­ver­se Old­ti­mer bis hin zum Space­shut­tle in der Raum­fahrt­aus­stel­lung. In Sicht­wei­te zur Bo­eing steht ne­ben an­de­ren Flug­zeu­gen auch ein be­rühm­tes Schiff mit ei­nem steil in den Him­mel ra­gen­den Mast – die sin­gen­de Kel­ly Fa­mi­ly leb­te einst dar­in. „Bei uns fin­det je­der et­was“, ist Pres­se­spre­che­rin Co­rin­na Hand­rich über­zeugt. „Wir lie­fern ei­nen Qu­er­schnitt durch die Tech­nik­ge­schich­te.“Mit di­ver­sen Spiel­mög­lich­kei­ten sol­len schon die kleins­ten Mu­se­ums­be­su­cher an­ge­spro­chen wer­den. Grö­ße­re Be­su­cher kön­nen zum Bei­spiel im IMa­xKi­no in fer­ne Wel­ten ein­tau­chen. Hin­zu kom­men di­ver­se Son­der­ak­tio­nen und Ver­an­stal­tun­gen das gan­ze Jahr über in dem privat fi­nan­zier­ten Mu­se­um.

So fin­det heu­te und mor­gen das Lan­zBull­dog-Tref­fen statt, bei dem sich Hun­der­te knat­tern­de Trak­to­ren und Land­ma­schi­nen in dem Mu­se­um ver­sam­meln. Beim Sci­ence-Fic­tion-Tref­fen En­de Sep­tem­ber kom­men (auch kos­tü­mier­te) Star-Wars- und Star-Trek-Fans zur größ­ten Raum­fahrt­aus­stel­lung Eu­ro­pas in die Dom­stadt. Am 4. No­vem­ber gibt es auf der Flug­zeug­tei­le-Bör­se al­les, was das Samm­ler­herz be­gehrt – von Holz­pro­pel­lern aus dem Ers­ten Welt­krieg bis zu Tei­len ei­nes Star­figh­ters.

Zehn BNN-Rät­sel-Ge­win­ner (sie­he Kas­ten un­ten) dür­fen sich nun über ei­ne ex­klu­si­ve Füh­rung durch das Tech­nik­mu­se­um freu­en. Ti­na May­er Das nächs­te Rät­sel er­scheint am kom­men­den Mon­tag.

FLUG­ZEUG IN STARTPOSITION: Auf dem Au­ßen­ge­län­de des Tech­nik­mu­se­ums in Spey­er steht die aus­ran­gier­te Bo­eing 747 auf Stel­zen. Sie ist be­geh­bar, zu­dem wur­de ein Flü­gel zur Aus­sichts­platt­form um­ge­baut. Fo­tos: Sand­bil­ler

RA­RI­TÄ­TEN der Luft­fahrt- und Au­to­mo­bil­ge­schich­te sind im Tech­nik­mu­se­um Spey­er aus­ge­stellt. Das Haus ist ein Aus­flugs­ziel für Tech­nik­ken­ner und Fa­mi­li­en.

ÜBER EI­NE TREP­PE geht es für die Be­su­cher 20 Me­ter nach oben.

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