„Hier muss Ta­bu­la ra­sa ge­macht wer­den“

Grü­nen-Bun­des­tags­kan­di­da­tin und Kfz-Ober­meis­ter for­dern Au­f­ar­bei­tung des Ab­gas­skan­dals

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Zwi­schen Ver­brau­cher und Au­to­in­dus­trie herrscht di­cke Luft: Der Ab­gas­skan­dal zieht im­mer wei­te­re Krei­se, fünf Au­to­kon­zer­ne sol­len ge­gen das Kar­tell­recht ver­sto­ßen ha­ben. Das Ver­trau­en der Men­schen in die Au­to­in­dus­trie ist er­schüt­tert. Der Ruf der Au­to­bau­er hat mehr als nur ei­ne Del­le im Lack. Ei­ne „lü­cken­lo­se Auf­klä­rung“for­dert des­halb die Bun­des­tags­kan­di­da­tin der Grü­nen, Kath­rin Lech­ler, „und zwar von Au­to­in­dus­trie und Po­li­tik glei­cher­ma­ßen“. Das müs­se dann auch per­so­nel­le Kon­se­quen­zen an den ver­ant­wort­li­chen Stel­len nach sich zie­hen. „Hier muss Ta­bu­la ra­sa ge­macht wer­den. Der Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter ist ei­ne Fehl­be­set­zung. Auch das Kraft­fahrt-Bun­des­amt braucht ei­ne neue Lei­tung“, fin­det die 43-Jäh­ri­ge deut­li­che Wor­te. Ih­re Par­tei for­de­re die Ein­rich­tung ei­nes Un­ter­su­chungs­aus­schus­ses, um den „größ­ten Wirt­schafts­skan­dal der Nach­kriegs­ge­schich­te“auf­zu­ar­bei­ten.

Im Grun­de teilt Ti­mo Gers­tel (39) die­se Sicht. Doch der Ober­meis­ter der Kfz-In­nung Pforz­heim/Enz­kreis sieht vor al­lem die Po­li­tik in der Pflicht, un­ab­hän­gig von der Par­tei-Cou­leur: „Wir brau­chen mehr Über­wa­chung, da­mit die Kon­zer­ne nicht al­les ma­chen kön­nen. Und es muss end­lich wie­der ei­ne sau­be­re Tren­nung zwi­schen Po­li­tik und Au­to­in­dus­trie ge­ben“, sagt der Ge­schäfts­füh­rer ei­nes Pforz­hei­mer Au­to­hau­ses. Lob­by­is­mus hel­fe ge­ra­de nicht, das ver­lo­ren ge­gan­ge­ne Ver­trau­en wie­der auf­zu­bau­en. „Par­tei­über­grei­fend ist mir hier die Ver­stri­ckung zu groß.“Die Feh­ler der Her­stel­ler dürf­ten nicht da­zu füh­ren, die da­durch ent­ste­hen­den Kos­ten – et­wa durch Nach­rüs­tung bei Die­sel­fahr­zeu­gen – auf den Ver­brau­cher ab­zu­wäl­zen. „Das grenzt ja schon fast an Ent­eig­nung“, sagt Gers­tel, der von den Au­to­kon­zer­nen for­dert, nicht je­de recht­li­che Grau­zo­ne aus­zu­nut­zen. Dass sich Mi­nis­ter­prä­si­dent Winfried Kret­sch­mann im April bei Daim­ler durchs Werk füh­ren ließ und den neu­es­ten, „sau­be­ren“Die­sel­mo­tor lob­te, hat – vor­sich­tig for­mu­liert – bei bei­den Ge­sprächs­teil­neh­mern für Ver­wun­de­rung ge­sorgt. „Das ist ei­ne Rich­tungs­än­de­rung des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und ein kla­rer Ver­lust der Be­re­chen­bar­keit“, em­pört sich Gers­tel, dem Kath­rin Lech­ler über­ra­schen­der­wei­se nicht wi­der­spre­chen möch­te. „Ich ver­ste­he Herrn Kret­sch­mann in die­sem kon­kre­ten Fall auch nicht“, kri­ti­siert sie den grü­nen Lan­des­va­ter.

Lech­ler lei­tet das Orches­ter­bü­ro am Pforz­hei­mer Stadt­thea­ter und hat kei­nen Füh­rer­schein. Vie­le ih­rer Par­tei­freun­de sä­hen am liebs­ten gar kei­ne Au­tos, egal ob Ben­zi­ner oder Die­sel, auf der Stra­ße. Für Ti­mo Gers­tel ist und bleibt das Au­to aber „des Deut­schen liebs­tes Kind“. Der Au­to­händ­ler muss wäh­rend des Ge­sprächs mehr­fach tief Luft ho­len. Der Ab­gas­skan­dal macht ihn wü­tend. „Für die Au­to­häu­ser ist das ei­ne Ka­ta­stro­phe. Qua­si über Nacht wur­de un­ser Ge­braucht­wa­gen­hof ent­wer­tet. Die Ver­kaufs­zah­len von Die­sel­fahr­zeu­gen sind bei uns stark zu­rück­ge­gan­gen.“

Sind E-Au­tos ei­ne Al­ter­na­ti­ve? Geht der Aus­bau der E-Mo­bi­li­tät, wie man­che be­fürch­ten, nicht mit dem Ab­bau von Ar­beits­plät­zen im Au­to­sek­tor ein­her? „Das ist doch Pa­nik­ma­che und Blöd­sinn!“, wie­gelt Gers­tel ab. Der Mensch müs­se sei­ne Ge­wohn­hei­ten eben än­dern. „Wir sind be­reit für E-Au­tos“, be­tont der Kfz-Meis­ter.

25 bis 30 Pro­zent der CO2-Emis­sio­nen wür­den auf der Stra­ße pro­du­ziert, er­klärt die Bun­des­tags­kan­di­da­tin. Es ge­be al­so auch an­de­re Be­rei­che, in de­nen der CO2-Aus­stoß re­du­ziert wer­den müs­se. „Die Ver­kehrs- und Ener­gie­wen­de müs­sen Hand in Hand ge­hen“, sagt Lech­ler. Wol­le man die CO2-Emis­sio­nen re­du­zie­ren, ge­hört für Gers­tel auch das Hei­zen mit Holz auf den Prüf­stand.

Die Nach­fra­ge nach Elek­tro-Au­tos hält sich noch in Gren­zen. Wie kann sich das än­dern? Der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Ver­kehrs­mi­nis­ter Winfried Her­mann will laut Lech­ler al­le zehn Ki­lo­me­ter ei­ne La­de­säu­le auf­bau­en, „das ist schon mal ei­ne An­sa­ge“. Künf­tig müs­se Strom zu­neh­mend de­zen­tral, et­wa in Block­heiz­kraft­wer­ken er­zeugt wer­den.

Die Fra­ge „Fahr­ver­bo­te für al­te Die­sel­au­tos oder Nach­rüs­tung?“kön­nen oder wol­len bei­de nicht be­ant­wor­ten. „Bei den Tes­t­er­geb­nis­sen wird doch ge­zielt ge­täuscht“, ist sich der Au­to­händ­ler si­cher. Auch jetzt noch. Auf wel­cher Da­ten-Grund­la­ge sol­le dann über­haupt ein Die­sel­fahr­zeug um­ge­rüs­tet wer­den? Und: „Wie vie­le Kon­zern­ma­na­ger muss­ten denn nach Be­kannt­wer­den des Skan­dals ge­hen? Wir als Ver­käu­fer und Kun­den ha­ben ein Recht auf Ant­wor­ten“, so Gers­tel. An­sons­ten kau­fe bald nie­mand mehr ein deut­sches Au­to.

Tas­si­lo Pfit­zen­mei­er und Tors­ten Ochs

„EI­NE FEHL­BE­SET­ZUNG“sei der der­zei­ti­ge Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt, sagt Grü­nen-Bun­des­tags­kan­di­da­tin Kath­rin Lech­ler. Kfz-Ober­meis­ter Ti­mo Gers­tel (rechts) for­dert im Ge­spräch mit den Ku­ri­er-Re­dak­teu­ren Tors­ten Ochs (links) und Tas­si­lo Pfit­zen­mei­er ei­ne sau­be­re Tren­nung von Po­li­tik und Au­to­in­dus­trie. Fo­to: Eh­mann

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