„Ei­ne Far­ce, was das Land den Kom­mu­nen zu­mu­tet“

Neu­en­bürgs Bür­ger­meis­ter Horst Mar­tin sieht Hand­lungs­mög­lich­kei­ten der Stadt bei der Wind­kraft aus­ge­reizt

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS -

Neu­en­bürg. Wind­kraft, Stadt­kern­sa­nie­rung, Tou­ris­mus und In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen – mit vie­len The­men be­schäf­ti­gen sich Bür­ger­meis­ter Horst Mar­tin und die Stadt­ver­wal­tung. Der 49-jäh­ri­ge Rat­haus­chef sprach mit den Ku­ri­er-Re­dak­teu­ren Tors­ten Ochs und Tas­si­lo Pfit­zen­mei­er über lang­fris­ti­ge Zie­le und ak­tu­el­le Pro­jek­te.

Herr Mar­tin, so­wohl in Strau­ben­hardt als auch Neu­en­bürg gibt es Wi­der­stand ge­gen den ge­plan­ten Wind­park. Wie ist der Stand der Din­ge in Neu­en­bürg?

Mar­tin: Ich hal­te es für ei­ne Far­ce, was das Land den Kom­mu­nen zu­mu­tet. Es ist le­dig­lich ein for­mel­les Pro­ze­de­re, das in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sei­nen Lauf ge­nom­men hat und mei­ner An­sicht nach auch ei­ne Un­ter­höh­lung der kom­mu­na­len Pla­nungs­ho­heit ist. Fakt ist, dass au­ßer ei­nem Flä­chen­nut­zungs­plan, der aber vor Be­ginn des Ver­fah­rens vom Land schon durch­ge­re­gelt wur­de, der Ge­mein­de­rat in der Sa­che nichts zu ent­schei­den hat. Auch wenn das der Ein­druck nach au­ßen sein soll­te.

Wie vie­le Wind­kraft­an­la­gen sol­len auf Neu­en­bür­ger Ge­mar­kung ge­baut wer­den?

Mar­tin: Drei An­la­gen sol­len auf Staats­wald­ge­biet na­he Wald­ren­nach ge­baut wer­den, ob­wohl der Ge­mein­de­rat das mehr­heit­lich ab­ge­lehnt hat. Und trotz­dem wer­den nun auch vie­le Wind­rä­der in der Nä­he der Den­nach­er Orts­gren­ze ent­ste­hen. Das Land hat die grund­le­gen­den Wei­chen ge­stellt und for­ciert die­se Art der Ener­gie­ge­win­nung. Die Stadt hat da­ge­gen ei­ne Pe­ti­ti­on ein­ge­reicht, da ei­ne Kla­ge laut un­se­res An­walts we­nig Aus­sicht auf Er­folg ge­habt hät­te. Der Pe­ti­ti­on ist aber auch nicht ab­ge­hol­fen wor­den. Vor kur­zem er­hiel­ten wir die ent­spre­chen­de Ant­wort des Pe­ti­ti­ons­aus­schus­ses.

Wor­auf be­zo­gen sich die Ein­wän­de in der Pe­ti­ti­on?

Mar­tin: An­ga­ben zu Im­mis­sio­nen, Ar­ten­schutz und Tou­ris­mus. Wir ha­ben da­bei ei­ne Lö­sungs­al­ter­na­ti­ve vor­ge­schla­gen, die Wind­kraft­an­la­gen an der Gren­ze zu Den­nach zu­min­dest in sin­ni­ger Art und Wei­se an wind­höf­fi­ge­re Stel­len zu bau­en, et­wa auch auf dem Heu­berg und so­mit da hin, wo sie ei­ner­seits mehr Ab­stand zur Wohn­be­bau­ung hät­ten und an­de­rer­seits auch mehr Strom ge­ne­riert wor­den wä­re, wenn man dem Wind­kraf­t­at­las des Lan­des aus dem Jahr 2011 Glau­ben schenkt. Lei­der wur­den die Vor­schlä­ge aber nicht an­ge­nom­men. Die Pe­ti­ti­on war für die Stadt die letz­te recht­li­che Mög­lich­keit. Die Sa­che geht jetzt ih­ren Gang.

Zu kämp­fen hat­te die Stadt in der Ver­gan­gen­heit auch mit Leer­stän­den…

Mar­tin: Mo­ment! Beim Woh­nen hat die Stadt kei­ne Pro­ble­me. In den ver­gan­ge­nen sechs Jah­ren ist die Zahl der Be­völ­ke­rung um knapp 900 ge­stie­gen. Dies sind un­ter an­de­rem Flücht­lin­ge, Ar­beits­kräf­te aus der EU, aber auch Bür­ger, die in Neu­en­bürg ge­baut ha­ben und nun mehr und mehr in ih­re fer­tig­ge­stell­ten Woh­nun­gen und Häu­ser ein­zie­hen.

Und bei Lä­den und Gas­tro­no­mie?

Mar­tin: Ja, hier sind Pro­ble­me vor­han­den – je­doch nicht grö­ßer oder klei­ner als in an­de­ren Ge­mein­den auch.

Wo­mit hängt das zu­sam­men?

Mar­tin: Das Pro­blem von Leer­stän­den ist ge­ne­rell dem ge­sell­schaft­lich be­ding­ten Wan­del des Ver­brau­cher­ver­hal­tens ge­schul­det. Der Ver­sand­han­del er­zielt nicht um­sonst von Jahr zu Jahr neue Um­satz­re­kor­de. Eben­so wer­den ge­fühlt die Lie­fer­diens­te, die täg­lich in Ei­le die Pa­ke­te aus­fah­ren, im­mer mehr. Ich den­ke, dies liegt ein­fach an den Kauf- und Be­stell­ge­wohn­hei­ten und ist ein Spie­gel der Ge­wohn­hei­ten der Men­schen.

Was un­ter­nimmt die Stadt da­ge­gen?

Mar­tin: Wir konn­ten so ei­ni­ges er­rei­chen und ha­ben ne­ben der Bä­cke­rei mit Steh­ca­fé in der Markt­stra­ße auch ein Ca­fé in den ehe­ma­li­gen Schle­cker-Räu­men. Ein­ge­rich­tet wur­de dies von ei­nem ört­li­chen An­bie­ter. Was den ehe­ma­li­gen Treff-Le­bens­mit­tel­markt an­geht, so wa­ren die Kla­gen über die ge­plan­te Schlie­ßung zum En­de 2015 durch Ede­ka in der Be­völ­ke­rung sehr groß. Wir ha­ben je­doch ver­han­delt und ein wei­te­res Jahr Be­triebs­zeit er­rei­chen kön­nen. Er­staun­li­cher­wei­se ist al­ler­dings der Um­satz in die­sem Jahr der­ar­tig zu­rück­ge­gan­gen, dass ei­ne Schlie­ßung un­um­gäng­lich war. Mitt­ler­wei­le hat die Stadt das Ge­bäu­de er­wor­ben und im No­vem­ber soll wie­der ein Le­bens­mit­tel­markt dort er­öff­net wer­den.

Was ent­steht in den ehe­ma­li­gen Pfann­ku­chRäu­men?

Mar­tin: Wir sind ak­tu­ell da­bei, die seit Jah­ren leer ste­hen­den Räu­me im ehe­ma­li­gen Pfann­kuch mit der Klei­der­kam­mer der Dia­ko­nie zu be­le­gen. Dort wer­den dann wohl eben­so Din­ge des täg­li­chen Be­darfs feil­ge­bo­ten. Hier soll mit dem öf­fent­li­chen Be­trieb durch die Dia­ko­ni­sche Be­zirks­stel­le noch 2017 ge­star­tet wer­den. Nicht zu ver­ges­sen ist auch die Markt­hal­le im ehe­ma­li­gen Ei­sen­bahn­schup­pen, die vier­mal pro Wo­che ge­öff­net hat. Es tut sich vie­les, wir sind ak­tiv.

Wie will die Stadt den Tou­ris­mus stär­ken?

Mar­tin: Wir wol­len un­se­re tou­ris­ti­schen High­lights Schloss, Berg­werk, Frei­bad, Enz­tal­rad­weg, West­weg und Na­tur­schutz­ge­biet im Eyach­tal zu­nächst so er­hal­ten wie sie sind. Es gilt, den Gäs­ten zu­dem das pas­sen­de städ­ti­sche Am­bi­en­te hier­zu bie­ten zu kön­nen wie et­wa ein Ca­fé, aber auch den bau­li­chen Zu­stand und die Sub­stanz in der Kern­stadt. Dar­um ist die Stadt­kern­sa­nie­rung als fi­nan­zi­el­ler An­reiz so wich­tig. Nicht zu ver­ges­sen sind auch der Mai­markt und der Stop­pel­markt so­wie der Ad­vents­markt im Schloss. Die­se Märk­te lo­cken Jahr für Jahr zahl­rei­che Be­su­cher in un­se­re Stadt. Wie hoch sind die Zu­schüs­se der Stadt an Schloss und Berg­werk?

Mar­tin: Brut­to 270 000 Eu­ro pro Jahr für das Schloss und 315 000 Eu­ro für das Frei­bad. Aus­ga­ben für das Berg­werk kom­men eben­so in fünf­stel­li­ger Hö­he hin­zu. Die Fi­nan­zen der Stadt ha­ben sich in den letz­ten Jah­ren so­li­de ent­wi­ckelt und so­mit kann sich die Stadt ak­tu­ell dies al­so leis­ten. Da­zu kommt, dass sich auch die Ein­nah­men aus der Ge­wer­be­steu­er durch den Aus­bau des Ge­wer­be­ge­biets Wil­helms­hö­he und der ge­samt­wirt­schaft­lich ak­tu­ell gu­ten La­ge er­heb­lich ge­stei­gert ha­ben.

Was tut sich bei der Stadt­kern­sa­nie­rung?

Mar­tin: Die Stadt hat das ehe­ma­li­ge Amts­ge­richts­ge­bäu­de ge­gen­über vom Rat­haus güns­tig er­wor­ben. Hier wer­den künf­tig die Ju­gend­mu­sik­schu­le und auch die Volks­hoch­schu­le un­ter­ge­bracht wer­den. Im jet­zi­gen Do­mi­zil der Mu­sik­schu­le wer­den Woh­nun­gen für Flücht­lin­ge ent­ste­hen. Als das In­te­grier­te Stadt­ent­wick­lungs­kon­zept er­stellt wur­de, an dem sich auch die Bür­ger­schaft be­tei­ligt hat, ha­ben Bür­ger wei­te­re Wün­sche ge­äu­ßert und die­se wer­den wir ver­su­chen, Zug um Zug um­zu­set­zen. Po­si­tiv und zahl­reich war bis­her auch das In­ter­es­se der pri­va­ten Ei­gen­tü­mer, die Sa­nie­rungs­be­darf ha­ben. 2024 soll die Stadt­kern­sa­nie­rung dann ab­ge­schlos­sen sein.

The­ma Flücht­lin­ge: Die Stadt em­pört sich we­gen der Un­gleich­be­hand­lung vom Kreis bei der Zu­wei­sung, ob­wohl vie­le Asyl­be­wer­ber privat Miet­ver­trä­ge ab­ge­schlos­sen ha­ben. Hat die Ver­wal­tung hier schon re­agiert?

Mar­tin: Ja, wir ha­ben nach der Dis­kus­si­on da­zu im Ge­mein­de­rat ein Schrei­ben an den Land­kreis und die Ab­ge­ord­ne­ten ver­sandt. Hier­bei geht es um die Ent­schei­dung des Land­krei­ses zur öf­fent­li­chen Zu­wei­sung, nach­dem sich vie­le Flücht­lin­ge privat um ei­ne Un­ter­brin­gung be­müht ha­ben. Hier ist zah­len­mä­ßig vie­les ins Un­gleich­ge­wicht ge­ra­ten, nach­dem wir auch sei­tens der Stadt Neu­en­bürg lan­ge Zeit re­la­tiv vie­le Schutz­su­chen­de städ­tisch un­ter­ge­bracht und dem Enz­kreis so­gar da­mit ge­hol­fen ha­ben. Dass die­se Per­so­nen nun aber nicht an die Ver­tei­lungs­quo­te im Enz­kreis an­ge­rech­net wer­den, ist nicht fair. Aber wir blei­ben dran.

Sie ha­ben bei Ih­rem Amts­an­tritt vor elf Jah­ren Bil­dung und Be­treu­ung als wich­ti­ge Auf­ga­ben be­zeich­net. Wie ist hier der Stand der Din­ge?

Mar­tin: Wir ha­ben die Be­treu­ung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mer mehr er­wei­tert. Auch bei der Be­treu­ung von Grund­schü­lern und im Kin­der­gar­ten­be­reich hat sich über die Jah­re hin­weg vie­les ge­än­dert und auch das Per­so­nal wur­de deut­lich auf­ge­stockt. Al­lein ein Plus von et­wa 16 neu­en Stel­len in dem Be­reich be­legt dies über­deut­lich. In den Kin­der­gär­ten sind wir der­zeit aus­ge­las­tet. Wenn das Ge­biet „Buch­berg 4“er­schlos­sen und ge­baut wird, be­nö­ti­gen wir in die­sem Be­reich si­cher­lich ei­nen wei­te­ren Kin­der­gar­ten mit zu­nächst wohl zwei Grup­pen.

Wie ha­ben sich die Schü­ler­zah­len ent­wi­ckelt?

Mar­tin: Am Gym­na­si­um ist die Schü­ler­zahl kon­stant. Al­ler­dings kom­men nur knapp 30 Pro­zent der Schü­ler aus Neu­en­bürg, 40 Pro­zent kom­men aus Strau­ben­hardt, 20 Pro­zent aus Bir­ken­feld und die wei­te­ren Schü­ler meist aus Kel­tern. Ich fän­de da­her die Grün­dung ei­nes Schul­ver­bands im Se­kund­ar­be­reich schön – ger­ne mit al­len ge­nann­ten Ge­mein­den. So könn­ten auch die Kos­ten je­weils an­tei­lig auf­ge­teilt wer­den, was sich si­cher­lich auch zu­guns­ten der Schü­ler po­si­tiv aus­wir­ken wür­de.

Wie geht es der Schloss­berg­schu­le, die vor zwei Jah­ren vor dem Aus stand?

Mar­tin: Vor dem Zu­zug neu­er Ein­woh­ner war die Min­dest­zahl an Schü­lern in zwei Ein­gangs­klas­sen nicht er­reicht wor­den. Mitt­ler­wei­le gibt es wie­der ge­nü­gend Schü­ler hier­für. Vie­le ha­ben Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund und das be­deu­tet viel Auf­wand für die Stadt bei den In­te­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen. Sehr po­si­tiv ist da­bei zu er­ken­nen, dass die Kin­der in den klein­tei­li­gen Klas­sen sehr schnell die deut­sche Spra­che ler­nen. Bei der In­te­gra­ti­on hat sich die Stadt Neu­en­bürg im Enz­kreis ei­nen gu­ten Ruf er­ar­bei­tet. Vor al­lem we­gen des Ar­beits­krei­ses Asyl, ei­ner in die­sem Be­reich ak­ti­ven Bür­ger­schaft und auch dank un­se­rer Schul­so­zi­al­ar­bei­te­rin und der In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­ten.

HORST MAR­TIN will die tou­ris­ti­schen High­lights der Stadt Neu­en­bürg mit An­ge­bo­ten für die Gäs­te mit pas­sen­dem Am­bi­en­te wie et­wa ei­nem Ca­fé er­gän­zen. Fo­to: Ochs

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