Über­le­bens­künst­ler in luf­ti­ger Hö­he

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS / WETTER -

Sepp Re­in­stad­ler, ein Ener­gie­bün­del mit la­chen­den Au­gen und son­nen­ge­gerb­ten Ge­sicht, wird nicht mü­de, ein Lob­lied auf die Zir­be zu sin­gen. „Die wächst dort, wo al­le an­de­ren Bäu­me auf­ge­ge­ben ha­ben. Ganz oben auf über 2 000 Me­tern“, sagt der Be­sit­zer ei­nes Sä­ge­werks im ös­ter­rei­chi­schen Pitz­tal. „So ein Baum hat Frost von mi­nus 30 Grad aus­ge­hal­ten, er hat Blitz und Don­ner wi­der­stan­den.“Sepp Re­in­stad­ler ist über­zeugt, dass die har­ten Le­bens­be­din­gun­gen die Zir­be zu et­was Be­son­de­ren ge­macht ha­ben. Et­was, das dem Men­schen nütz­lich sein kann. Des­halb be­gnügt sich Re­in­stad­ler nicht mehr da­mit, das Zir­ben­holz zu zer­sä­gen.

In ei­nem auf­wen­di­gen Pro­zess ex­tra­hiert er das Öl aus dem Holz. „Ich ho­le die Kraft aus dem Baum her­aus“, sagt der Ös­ter­rei­cher. Er ist von der wohl­tu­en­den, so­gar heil­sa­men Wir­kung des Zir­ben­hol­zes über­zeugt. Es sei so­gar wis­sen­schaft­lich nach­ge­wie­sen. dass die Zir­be den Herz­schlag re­du­zie­re, ver­si­chert der Mann mit dem Ti­ro­ler­hut auf den schloh­wei­ßen Haa­ren. Das in der Zir­be ent­hal­te­ne En­zym Pi­no­syl­vin wir­ke ei­ner­seits an­ti­bak­te­ri­ell ge­gen Pil­ze und Mil­ben, au­ßer­dem be­ru­hi­gend.

Die Zir­be, bo­ta­nisch pi­nus cem­bra, hat vie­le Na­men. Ei­gent­lich ge­hört sie zur Fa­mi­lie der Kie­fern, wes­halb die Bay­ern auch von der Zir­bel­kie­fer spre­chen, die Schwei­zer da­ge­gen von der Ar­ve. Wäh­rend der letz­ten Eis­zeit ist der Baum mit den lan­gen Na­deln aus Si­bi­ri­en in die Al­pen ein­ge­wan­dert. Steht sie al­lein auf wei­ter Flur, sieht die Zir­be oft­mals ziem­lich zer­zaust aus, trak­tiert von Wind und Wet­ter. Sie ist kei­ne Schön­heit wie ei­ne präch­ti­ge Kas­ta­nie. Aber da­für ist ihr wür­zi­ger Duft um­so be­tö­ren­der.

Zir­ben wach­sen in Hö­hen ab 1 400 Me­ter. Nicht ganz frei­wil­lig, wur­de sie doch von ih­rer Kon­kur­ren­tin, der Fich­te, dort­hin ab­ge­drängt. Trotz der ex­tre­men Le­bens­be­din­gun­gen in der Hö­he kann ei­ne Zir­be ur­alt wer­den, bis zu tau­send Jah­re. Der Mensch könn­te sich so ei­ne Zir­be glatt zum Vor­bild neh­men: nicht auf­ge­ben, auch wenn’s schwie­rig wird.

Auch Ernst Partl, Di­rek­tor des Na­tur­parks Kau­ner­grat, zu dem auch das Pitz­tal ge­hört, ist ein Fan die­ses Bau­mes. „Zir­ben sind fas­zi­nie­ren­de Über­le­bens­künst­ler. Sie müs­sen sich in ei­ner Kampf­zo­ne be­haup­ten, auf kar­gen Bö­den in gro­ßer Hö­he mit ho­her UV-Strah­lung“, sagt der Bio­lo­ge. Nach 15 Jah­ren ist der Baum erst we­ni­ge Zen­ti­me­ter hoch, erst mit 300 Jah­re ist er aus­ge­wach­sen. Es dau­ert 50 Jah­re und mehr, bis ei­ne Zir­be zu blü­hen be­ginnt. Von Mai bis Ju­li sind dann Blü­ten obe­ren Kro­nen­be­reich zu ent­de­cken. Die Sa­men rei­fen erst im zwei­ten Jahr.

Oh­ne Tan­nen­hä­her – der im Pitz­tal Zir­ben­g­ratsch ge­nannt wird – sä­he es um die Ver­brei­tung des ein­zig­ar­ti­gen Kie­fern­ge­wäch­ses al­ler­dings schlecht aus. Der Vo­gel be­ginnt im Som­mer, die Sa­men mit sei­nem Schna­bel aus den Zap­fen her­aus zu pi­cken. Dann ver­steckt er sei­ne Aus­beu­te, als Vor­rat für den lan­gen Win­ter. Bis zu 100 000 sol­cher Sa­men schafft ein flei­ßi­ge Samm­ler bei­sei­te. 80 Pro­zent da­von fin­det er wie­der. „Das ist sen­sa­tio­nell. Wenn man be­denkt, dass der Gratsch die Sa­men mit­un­ter un­ter me­ter­ho­hem Schnee wie­der­fin­den muss“, lobt Partl den ex­zel­len­ten Spür­sinn des Tan­nen­hä­hers. Aus den rest­li­chen 20 Pro­zent, die der pfif­fi­ge Vo­gel nicht fin­det, wach­sen dann neue Zir­ben. Doch nicht nur dem Vo­gel mun­den die Sa­men, die im Ge­schmack Pi­ni­en­ker­nen äh­neln. Be­vor Chips­frisch und Co. auf den Markt ka­men, stan­den die Zir­ben­nüss­chen bei den Kin­dern aus dem Tal hoch im Kurs. Heu­te ist es ver­bo­ten, pro Per­son und Tag mehr als vier Zap­fen zu pflü­cken.

Im Pitz­tal sind stel­len­wei­se gan­ze Hän­ge mit Zir­ben be­wach­sen, et­wa ent­lang des Zir­ben­steigs, ei­nem wun­der­schö­nen Wan­der­weg hin­auf zur Kal­ben­alm. Die Bäu­me, die es schaf­fen, sich auch auf stei­len Hän­gen fest­zu­kral­len, sind für die Tal­be­woh­ner von be­son­de­rem Nut­zen, die­nen sich doch als Schutz ge­gen Ge­röl­lund Schnee­la­wi­nen. Die Äs­te der Zir­be sind kurz, da­durch bie­ten sie dem Wind we­ni­ger An­griffs­flä­che.

Frü­her hat man im Ti­ro­ler Pitz­tal und auch an­ders­wo im Al­pen­raum gan­ze Stu­ben mit Zir­ben­holz ver­tä­felt. Kin­der­wie­gen und Bet­ten wur­den dar­aus ge­zim­mert. Doch in den 60er-Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts stand der Sinn nach an­de­ren Ma­te­ria­len, nach Schrank­wän­den aus Kie­fer­fur­nier oder Ma­ha­go­ni. Vie­le tra­di­tio­nel­le Mö­bel und Holz­ver­tä­fe­lun­gen lan­de­ten auf dem Sperr­müll – was man­che Fa­mi­lie mitt­ler­wei­le bit­ter be­reut. Denn ein Schlaf- zim­mer aus Zir­ben­holz ist wie­der ge­fragt, wes­halb sich der Preis ver­drei­facht hat.

Das Geld sei auf je­den Fall gut in­ves­tiert, mei­nen die Ei­ters aus dem Pi­ta­val: „Un­se­re Schlaf­qua­li­tät hat sich merk­lich ver­bes­sert, wir ste­hen am Mor­gen er­holt und aus­ge­ruht auf.“Wer sich nicht gleich neu ein­rich­ten will, kann es ja mit ei­nen Holz­brett ne­ben dem Bett vom Mö­bel­dis­coun­ter ver­su­chen. „Ein Trop­fen Zir­ben­öl drauf und Sie schla­fen wun­der­bar“, ver­si­chert Sepp Re­in­stad­ler. Er hat ein Sys­tem aus­ge­tüf­telt, mit dem er das Öl aus den Äs­ten und Na­deln mit Hil­fe ei­ner selbst kon­stru­ier­ten Dampf­de­stil­le ge­win­nen kann. 200 Ki­lo Holz lie­fern so in rund sie­ben St­un­den et­was 200 Mil­li­li­ter Zir­ben­öl. Der aus­ge­laug­te Mulch aus der De­stil­le ist auch noch nütz­lich. Er taugt zum Hei­zen oder als Be­lag für Kin­der­spiel­plät­ze und Reit­bah­nen. Und für Han­dy­fa­na­ti­ker, die selbst nachts nicht auf ihr Lieb­lings­spiel­zeug ver­zich­ten kön­nen, hat Re­in­stad­ler ein Zir­ken­käst­chen kon­stru­iert, das Strah­lung ab­weh­re. Nur ein Pro­dukt von vie­len, dass der Pitz­ta­ler in sei­nem Hof­la­den ver­kauft. Dort gibt es auch Zir­bensei­fe, Zir­ben­ba­de­lo­tion so­wie mit Zir­ben­flo­cken ge­füll­te Kis­sen.

Nicht nur Re­in­stad­ler, das ge­sam­te Pitz­tal setzt auf die Zir­be. Jer­zens, wo ei­ner der größ­ten Zir­ben­be­stän­de der Al­pen wächst, nennt sich stolz das „Zir­ben­dorf im Na­tur­park Kau­ner­grad“. Auf der Mit­tel- sta­ti­on des Hoch­zei­gers auf 2 450 Me­ter, wo im Win­ter der Ski­be­trieb brummt, gibt es seit 2015 den „Zir­ben­park“. Er ist frei zu­gäng­lich und spe­zi­ell für Fa­mi­li­en kon­zi­piert. Der Rund­weg wur­de kin­der­wa­gen­taug­lich an­ge­legt. Man kann vom Zir­b­en­turm rut­schen, ei­nen Sprung ins Zir­ben­heu wa­gen, wei­ße Schil­ler­lo­cken aus Zir­ben­holz ho­beln und gleich­zei­tig an in­ter­ak­ti­ven Sta­tio­nen ei­ne Men­ge über die Zir­be ler­nen. Oder zum Gärt­ner wer­den. Be­su­cher kön­nen selbst ei­ne Zir­ben­nuss pflan­zen und nach ein paar Jah­ren nach­schau­en, ob dar­aus ein neu­er Baum ge­spros­sen ist – ei­ne ge­nia­le Idee, um neue Stamm­kund­schaft her­an­zu­zie­hen.

Chris­ti­an Witt­wer, Koch vom Zei­ger­re­stau­rant an der Mit­tel­sta­ti­on, ser­viert Zir­ben­wurst und Zir­ben-Cap­puc­ci­no. An­de­re ex­pe­ri­men­tie­ren mit Zir­ben-Kos­me­tik, und die Pitz­ta­ler Hüt­ten­wir­te schen­ken zum Ab­schied ei­nen Zir­ben­schnaps aus. Auf die Idee kam Franz Ei­ter von der Tie­fen­ba­ch­alm, der das be­gehr­te St­öff­chen je­den Som­mer in gro­ßen Gur­ken­glä­sern an­setzt. Wenn die Zap­fen An­fang Ju­li reif sind, klet­tert er den Stamm hoch, um sie zu ern­ten. Die auf­ge­schnit­te­nen Zap­fen legt er in die – zu­vor gut aus­ge­spül­ten – Gur­ken­glä­ser und gießt sie mit Brannt­wein auf. Nach sechs Wo­chen kann Franz Ei­ter den Schnaps aus­schen­ken, der mitt­ler­wei­le ei­nen wun­der­schö­nen war­men Rot­ton an­ge­nom­men hat. Das gro­ße Geld kann der Bauer und Alm­wirt mit sei­nem Zir­ben­schnaps al­ler­dings nicht ver­die­nen. Da­zu spen­diert

er sei­nen Selbstan­ge­setz­ten der Kund­schaft viel zu groß­zü­gig.

Klaus Schrott, der Wirt der Kal­ben­alm, schätzt das Zir­ben­holz zum Schnit­zen. „Es gibt kein bes­se­res Holz. Es ist wun­der­bar weich und ver­strömt ei­nen herr­li­chen Duft.“Sei­ne Skulp­tu­ren, zwei im­po­san­te Ad­ler und al­ler­lei bär­ti­ge Gestal­ten, ste­hen rings um die Bier­gar­ten­ti­sche auf der Alm. Vie­le Wan­de­rer keh­ren ger­ne für ei­ne Brot­zeit auf der schön ge­le­gen Hoch­flä­che ein. Die Hüt­te, ei­ne hal­be St­un­de von der Mit­tel­sta­ti­on der Hoch­zei­ger­bahn ent­fernt, liegt am Zir­ben­steig, ei­nem Ti­ro­ler Weit­wan­der­weg.

Wer am En­de des Ur­laubs die Er­ho­lung mög­lichst lan­ge in den All­tag rü­ber ret­ten will, kann ein Fläsch­chen Zir­ben­öl mit nach Hau­se neh­men. Träu­felt man ein, zwei Trop­fen auf ein Stück Holz, duf­tet das Schlaf­zim­mer nach Zir­ben­wald. Im üb­ri­gen ist der Re­in­stad­ler Sepp der Mei­nung, dass die Zir­be nicht nur ins Schlaf­ge­mach ge­hört: „Ei­gent­lich soll­te man es auch für Kon­fe­renz­räu­me nut­zen, das schafft ein ent­spann­tes Kli­ma für Ver­hand­lun­gen“.

Ga­b­rie­le Beau­temps

„KÖ­NI­GIN DER AL­PEN“: Die Zir­be, die im hoch­al­pi­nen Raum vor­kommt, ist ein An­pas­sungs­künst­ler. Schnit­zer Klaus Schrott (links) liebt das wei­che Zir­ben­holz. Fo­tos: Hoch­zei­ger / Breo­nix / Beau­temps

EIN MANN AUF DEM ZIRBENTRIP: Sepp Re­in­stad­ler fer­tigt al­les Mög­li­che aus der Zir­be. Die auf­ge­schnit­te­nen, rei­fen Zap­fen wer­den für ei­nen Li­kör ver­wen­det. Fo­to: Beau­temps

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