Has­te Tö­ne: Mo­de­ra­tor als Sän­ger

SWR-Mann Jür­gen Hö­rig de­bü­tiert mit Po­pal­bum

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE -

Jür­gen Hö­rig ist ein Net­ter. So nett, dass es fast un­heim­lich ist. Ge­scheit, schlag­fer­tig und elo­quent ist er oben­drein. Und dass er mit 51 zu­dem noch im­mer ver­schmitzt wirkt wie ein Pen­nä­ler, macht es auch nicht bes­ser. Aber kei­ne Sor­ge, Hö­rig – das sagt er zu­min­dest von sich selbst – hat es ein­fach gut ge­trof­fen im Le­ben. Glück ha­be er ge­habt, sagt er. Da­zu ge­hört neu­er­dings auch sei­ne Frei­zeit­pro­fes­si­on als Pop­sän­ger. Mit ei­ge­nem Al­bum und so. Die Er­fül­lung ei­nes Kind­heits­traums. Zwar schweb­te ihm ur­sprüng­lich ei­ne Kar­rie­re als Schla­ger­sän­ger vor, doch Pop ist ja ei­gent­lich noch bes­ser. Aus heu­ti­ger Sicht zu­min­dest. „out co­mes“heißt sein De­büt als Chan­son­nier. Weil er ei­nen Künst­ler­na­men „zu af­fig“und den ei­ge­nen Na­men zu un­pas­send für eng­li­sche Pop­mu­sik fand, kürz­te er die ba­na­le Um­schrei­bung sei­nes Pro­jekts „Un­der My Own Na­me“zu U.M.O.N. ab und häng­te noch „feat. Jür­gen Hö­rig“dran. Ob man das als ge­lun­ge­ne Idee be­trach­ten darf, sei da­hin­ge­stellt. Im­mer­hin äh­nelt U.M.O.N. eng­lisch aus­ge­spro­chen dem Wort „hu­man“und passt so­mit wirk­lich zu die­sem Men­schen­freund, der sich so­gar in ei­nem För­der­ver­ein für krebs­kran­ke Kin­der en­ga­giert. Im „Nor­mal­be­ruf“ist der smar­te Typ mit der adret­ten Kurz­haar­fri­sur und der dun­kel ge­ran­de­ten Bril­le Mo­de­ra­tor beim SWR-Fern­se­hen und den TV-Gu­ckern im Länd­le na­tür­lich bes­tens be­kannt. Sou­ve­rän par­liert er am frü­hen Abend aus dem Lan­des­schau­stu­dio her­aus, manch­mal tu­ckert er auch mit dem sen­der­ei­ge­nen Mo­bil kreuz und quer durchs Gäu und tischt hier und da Ge­schich­ten aus Ba­den und Würt­tem­berg auf, stellt Or­te vor und Men­schen auch. Man­cher kennt den ge­bür­ti­gen Ras­tat­ter mit dem si­gni­fi­kan­ten Ge­burts­da­tum 11.9. be­stimmt noch aus der durch­aus an­re­gen­den und frag­los po­pu­lä­ren Nach­mit­tags­sen­dung „Kaf­fee oder Tee“. Die wird eben­falls vom SWR auf­ge­brüht – par­don: pro­du­ziert. Bis 2010 ser­vier­te Hö­rig den bun­ten nach­mit­täg­li­chen TV-Un­ter­hal­tung scock­tail. Wie er nun zum (viel­leicht) an­ge­hen­den „Pop­star“wur­de? Das ist ei­ne lus­ti­ge Ge­schich­te. Ei­ne, wie sie nur das Le­ben schrei­ben kann: Sie be­ginnt zu ei­ner Zeit, als der Herr Hö­rig dar­über sin­nier­te, was er sei­ner Gat­tin zum Fest der Lie­be schen­ken könn­te. Aus­ge­fal­len soll­te es sein. Aber vor al­lem per­sön­lich. Ich sin­ge ihr ein Lied. Ein selbst ver­fass­tes. Das war der Plan. Und da­bei soll­te es dann ei­gent­lich auch blei­ben. Schen­ken. Freu­en. Sich­lieb­ha­ben. Dan­ke­schön. Bus­si. An­sons­ten halt Weih­nachts­lie­der sin­gen. Wie an­de­re Leu­te auch.

Dann aber kam Con­ny Kon­rad. Den kann­te der bis da­to nur in der hei­mi­schen Dusch­ka­bi­ne durch Ge­sang auf­ge­fal­le­ne Hö­rig noch durch sei­ne Ar­beit als Jour­na­list beim Fern­se­hen. Die­ser Con­ny Kon­rad soll­te es rich­ten, den ge­plan­ten Song echt pro­fes­sio­nell in Sze­ne set­zen. Ers­te Auf­nah­men dann. Kon­rad war be­geis­ter­ter von Hö­rigs Stim­me als der SWR-Mann selbst („da war noch ganz schön Luft nach oben“) und brann­te dar­auf, doch gleich ei­ne gan­ze Plat­te mit ihm auf­zu­neh­men. Hö­rig hielt das für den Ein­fall ei­nes Be­klopp­ten, be­schied die­sem Con­ny Kon­rad, er sei schließ­lich kein Fred­die Mer­cu­ry. Kon­rad aber ließ nicht lo­cker, glaub­te an das Vo­kal­po­ten­zi­al des SWR-An­ker­man­nes, sag­te: „Mach du die Tex­te, ich schreib dir die Lie­der da­zu.“Hö­rig hat dann doch Blut ge­leckt und hau­te neue Tex­te über sich und Gott und die Welt raus wie einst der Be­cker-Bo­ris sei­ne Ten­nis­bäl­le. Und Con­ny Kon­rad schrieb den Wor­ten die Me­lo­di­en aufs Groß- und Klein­ge­druck­te.

Dass die Ly­rics ex­pli­zit in der Ur­spra­che des Pop ver­fasst sein soll­ten, war für Hö­rig so klar wie eng­li­sches Ale. Deut­sche Tex­te klin­gen schnell mal nach Schla­ger. Und da­vor hat­te Hö­rig, wie er zu­gibt, Angst. „Ich bin kein Max Gie­sin­ger oder Andre­as Bou­ra­ni, die mal eben ein paar flo­cki­ge deut­sche Tex­te schrei­ben und sich dann ein coo­les Image ver­pas­sen“. Pop­per statt Schla­ger­fuz­zi al­so. Ope­ra­ti­on ge­lun­gen. Und wie schreibt man als Deut­scher ge­schei­te eng­li­sche Tex­te, die nicht lä­cher­lich wir­ken wie zum Bei­spiel die der Six­ties-Beat-Iko­nen The Lords, die sich text­mä­ßig lei­der buch­stäb­lich als „poor boys“ge­rier­ten? No Pro­blem. Schließ­lich hat­te Hö­rig in ei­nem frü­he­ren Le­ben ein­mal Eng­lisch auf Lehr­amt stu­diert und vo­ka­bel­mä­ßig doch ei­ni­ges mehr als „Yeah“und „Lo­ve“und „Kiss me“auf dem Tex­ter-Schirm. Was ihm auch er­laub­te, die Song­zei­len di­rekt in Eng­lisch zu ver­fas­sen und nicht erst aus dem Deut­schen über­set­zen zu müs­sen mit all den da­mit ein­her­ge­hen­den Rei­bungs­ver­lus­ten. Si­cher­heits­hal­ber ließ der frisch ge­ba­cke­ne Song­fa­bu­lie­rer aber ei­nen gu­ten al­ten Freund in Lon­don sei­ne buch­stäb­li­chen Wor­ter­güs­se auf Un­ge­reimt­hei­ten ab­klop­fen, dar­auf al­so, wo es viel­leicht im Wort­ge­trie­be knirsch­te. Was es denn auch in ein paar we­ni­gen Fäl­len tat. Und in Text­än­de­run­gen mit plötz­lich ab­han­den­ge­kom­me­nen Rei­men re­sul­tier­te. Doch mit der Kraft der zwei Hir­ne war man schnell wie­der im Takt und zum Reim wuchs zu­sam­men, was zu­sam­men ge­hör­te. Tral­la­la und hei­ße Lie­bes­be­teue­run­gen sind dies frei­lich nicht, und bier­ernst geht es auch nicht zur Sa­che in Hö­rigs ge­le­gent­lich, aber wirk­lich nur ge­le­gent­lich leicht au­to­bio­gra­fi­schen Lie­dern. Die­se er­zäh­len von Men­schen, Schick­sa­len und dem Le­ben über­haupt, ge­ra­ten aber bei al­lem erns­ten Back­ground im­mer auch po­si­tiv. Her­aus­ra­gen­des Bei­spiel ist die Hym­ne „Hey Li­fe“, die „Mis­ter So­ci­alhe­art“je­nen krebs­kran­ken Kin­dern ge­wid­met hat, für die er Lan­zen en gros bricht. Wenn der ei­gens da­für en­ga­gier­te Kin­der­chor ein­stimmt, herrscht statt Tr­üb­sal mi­t­rei­ßen­de Auf­bruch­stim­mung: Hey Le­ben, du kannst mich mal! Auf der In­ter­net­sei­te des öf­fent­lich­recht­li­chen Bröt­chen­ge­bers ist zu le­sen, dass Hö­rigs Büh­ne heu­te das Fern­seh­stu­dio sei. Stimmt na­tür­lich. Nur wird der SWR künf­tig nicht mehr das al­lei­ni­ge An­recht auf des­sen Büh­nen­prä­senz be­sit­zen. Der Wahl-Rem­stä­ler, der mehr zum Char­meur und Me­lan­cho­li­ker denn zum Re­bel­len taugt, will im Herbst sei­ne sof­ten Songs im Acht­zi­ger­Jah­re-Stil prä­sen­tie­ren, er am Mi­kro mit der lieb­li­chen Stim­me ei­nes Neil Tennant oder so­phis­ti­ca­ted wie ein El­vis Co­stel­lo, ein jun­ger be­freun­de­ter Zahn­arzt me­lo­die- und takt­ge­bend da­ne­ben am Kla­vier. Un­plug­ged, wie es neu­deutsch heißt. „Die Songs sind dann kaum noch wie­der­zu­er­ken­nen, aber sie funk­tio­nie­ren auch so pri­ma“, ver­rät Hö­rig. In Klubs und Scheu­nen, wo auch im­mer, wird man ihn dann wohl auch mit Schie­ber­müt­ze er­le­ben, die der Spät­be­ru­fe­ne schon jetzt auf dem Al­bum­co­ver trägt. Sieht fast schon über­trie­ben cool aus. Oder soll’s viel­leicht ei­ne Tarn­kap­pe sein? I wo. Der Hö­rig braucht sich als Pop­künst­ler ja vor nie­man­dem zu ver­ste­cken. Michael Lud­wig

MEIN LIE­BER SCHIEBER: Jür­gen Hö­rig trägt als Sän­ger Müt­ze. Fo­to: pr

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