Exo­ti­sche Er­re­ger wer­den hei­misch

Rei­se­krank­hei­ten

Pforzheimer Kurier - - MENSCH UND MEDIZIN -

Mala­ria, Chikun­gun­ya, Zi­ka – Auf man­che Ur­laubs­mit­bring­sel will man gern ver­zich­ten. Doch im­mer mehr Tou­ris­ten rei­sen in Re­gio­nen, wo sol­che Er­re­ger kur­sie­ren. Gleich­zei­tig brei­ten sich die Über­trä­ger solch ty­pi­scher Rei­se­krank­hei­ten – vor al­lem Mü­cken – durch den Kli­ma­wan­del aus.

Doch Ärz­te hier­zu­lan­de den­ken nicht im­mer an Tro­pen­krank­hei­ten, wenn sie ei­nen in­fi­zier­ten Pa­ti­en­ten vor sich ha­ben. „Es kommt noch nicht so häu­fig vor, dass man das in der Pra­xis sieht“, sagt Ul­ri­ke Prot­zer, die das In­sti­tut für Vi­ro­lo­gie der TU Mün­chen lei­tet. So brei­te sich et­wa das ins­be­son­de­re vor den Olym­pi­schen Spie­len in Bra­si­li­en viel dis­ku­tier­te Zi­ka-Vi­rus in­zwi­schen lang­sa­mer aus, sagt Prot­zer.

Mala­ria und Den­gue­fie­ber hin­ge­gen zäh­len laut Ro­bert Koch-In­sti­tut (RKI) zu den häu­figs­ten „rei­seas­so­zi­ier­ten Krank­hei­ten“, mit je­weils rund 1000 Fäl­len im ver­gan­ge­nen Jahr in Deutsch­land. Afri­ka­ni­sche Staa­ten wie Ni­ge­ria und Eri­trea gel­ten als ty­pi­sche In­fek­ti­ons­län­der für Mala­ria. Wo­bei das RKI be­tont, dass die ho­he Fall­zahl zu ei­nem gro­ßen Teil durch Flücht­lin­ge aus Nord­afri­ka be­dingt war. Im asia­ti­schen Raum – et­wa be­lieb­ten Tou­ris­ten­zie­len wie Thai­land und In­do­ne­si­en – in­fi­zie­ren sich da­ge­gen vie­le Pa­ti­en­ten mit Den­gue­fie­ber.

Bei­de Krank­hei­ten kön­nen töd­lich ver­lau­fen. Nach An­ga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on star­ben zum Bei­spiel 2015 welt­weit rund 430000 Men­schen an Mala­ria. Oli­ver Hay­den vom TUM-Lehr­stuhl für Bio­me­di­zi­ni­sche Elek­tro­nik hat mit Kol­le­gen bei Sie­mens ei­nen au­to­ma­ti­sier­ten Blut­schnell­test ent­wi­ckelt. Die­ser dia­gnos­ti­ziert die Krank­heit an­hand von 30 Blut­wer­ten mit ei­ner Si­cher­heit von 97 Pro­zent. Da­für gab es den Eu­ro­päi­schen Er­fin­der­preis in der Ka­te­go­rie In­dus­trie.

Um den Blut­test ein­zu­set­zen, brau­chen La­bo­re nicht ein­mal neue Ge­rä­te: „Die Fül­le an In­for­ma­ti­on ei­nes Hä­ma­to­lo­gie-Au­to­ma­ten wird bis­her nur sehr ober­fläch­lich ge­nutzt. Da­bei wer­den 35 Pro­zent al­ler kli­ni­schen Tests rou­ti­ne­mä­ßig auf hä­ma­to­lo­gi­sche Pa­ra­me­ter ge­prüft“, so Hay­den. In der Re­gel wer­de ei­ne Blut­pro­be aber erst dann gründ­lich un­ter­sucht, wenn ein Blut­bild au­ßer­halb der Norm lie­ge. Mit ei­nem spe­zi­el­len Al­go­rith­mus für Mala­ria über­prüft Hay­dens neu­er Schnell­test die Blut­wer­te auf cha­rak­te­ris­ti­sche Mala­ria-Mus­ter. Ins­be­son­de­re die Blut­plätt­chen lie­fern wich­ti­ge Hin­wei­se auf ei­ne sol­che In­fek­ti­on.

„Das ist aber kein Test für den Busch“, macht Hay­den deut­lich. Die Ge­rä­te sei­en für Zen­tral­la­bo­re und so­ge­nann­te Hoch­durch­satz-Ana­ly­tik mit Tau­sen­den Pro­ben am Tag aus­ge­legt. Mala­ria ist nur ein Bei­spiel, und es sei ab­zu­se­hen, dass La­bo­rau­to­ma­ten in Zu­kunft viel mehr Krank­hei­ten er­ken­nen. Dies un­ter­stüt­ze die Rou­ti­ne­dia­gnos­tik an den Kli­ni­ken.

Vi­ro­lo­gin Prot­zer be­stä­tigt, dass in­zwi­schen mehr zu Tro­pen­krank­hei­ten ge­forscht und ent­wi­ckelt wird. So be­fas­se sich das Zen­trum für In­fek­ti­ons­for­schung mit neu auf­tre­ten­den Krank­hei­ten so­wie Impf­stof­fen und breit ein­setz­ba­ren Me­di­ka­men­ten. „Denn bei vie­len Vi­rus­er­kran­kun­gen ist es so, dass man vor­beu­gen, aber hin­ter­her nicht mehr viel ma­chen kann“, sagt sie. Da­her sei ei­ne gu­te Vor­be­rei­tung vor dem Ur­laub wich­tig. „Ich glau­be, dass sich vie­le gar nicht klar ma­chen, was sie sich bei ei­ner Sa­fa­ri ein­fan­gen kön­nen“, sagt Prot­zer. Das gel­te auch für vie­le Städ­te in Asi­en. Zugleich warnt sie vor Pa­nik: „Man muss nicht so­fort zum Tro­pen­in­sti­tut ge­hen.“Aber Heim­keh­rer, die bei­spiels­wei­se mit Fie­ber zum Haus­arzt ge­hen, soll­ten ihn dar­auf hin­wei­sen, dass und wo sie jüngst auf Rei­sen wa­ren.

Dass sol­che Über­le­gun­gen wich­ti­ger wer­den, zeigt ei­ne Ar­beit der Uni Bay­reuth: Am Bei­spiel des Chikun­gun­yaVi­rus, das vor al­lem Asia­ti­sche Ti­ger­mü­cken und Gelb­fie­ber­mü­cken über­tra­gen, be­rech­ne­ten For­scher um Carl Bei­er­kuhn­lein vom Lehr­stuhl für Bio­geo­gra­fie Fol­gen des Kli­ma­wan­dels. Wür­de die Er­der­wär­mung un­ge­bremst wei­ter­ge­hen und die glo­ba­le Mit­tel­tem­pe­ra­tur bis 2100 um et­wa 4,8 Grad Cel­si­us im Ver­gleich zum vor­in­dus­tri­el­len Zu­stand stei­gen, könn­te Chikun­gun­ya sich in deut­lich mehr Welt­re­gio­nen aus­brei­ten. „Das Vi­rus wird dann vor­aus­sicht­lich bis in die Län­der Sü­d­eu­ro­pas und in die USA vor­drin­gen“, schrei­ben

Neu­er Schnell­test auf Mala­ria

die For­scher im Fach­blatt „Sci­en­ti­fic Re­ports“. „Die­ses Sze­na­rio ist in­so­fern wahr­schein­li­cher, als bis­her kei­ne glo­ba­len Stra­te­gi­en er­kenn­bar sind, die den Kli­ma­wan­del nach­hal­tig ab­schwä­chen“, sagt Bei­er­kuhn­lein. „Das ist in­ter­es­sant, weil vie­le Vi­rus­in­fek­tio­nen und auch Mala­ria von Mü­cken über­tra­gen wer­den“, sagt Prot­zer. Da­her sei es wich­tig, die Wir­kung des Kli­ma­wan­dels auf Rei­se­krank­hei­ten zu er­for­schen.

Aber die Bay­reu­ther ha­ben auch Über­ra­schen­des her­aus­ge­fun­den: So könn­te mit stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren die Chikun­gun­ya-Ge­fahr in man­chen Ge­gen­den sin­ken, weil bei­spiels­wei­se in In­di­en und an den Süd­rän­dern der Sa­ha­ra die Le­bens­be­din­gun­gen für Stech­mü­cken schlicht zu ex­trem wer­den. Ob aber noch Tou­ris­ten in die dann be­son­ders hei­ßen und tro­cke­nen Ge­bie­te rei­sen wer­den, ist ei­ne an­de­re Fra­ge. Mar­co Kref­ting

UNTERSCHÄTZTES RI­SI­KO: Für Afri­ka­rei­sen­de ist das Groß­wild we­ni­ger ge­fähr­lich als In­sek­ten oder an­de­re Über­trä­ger von Krank­heits­er­re­gern. Archivfoto: tmn

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