Ka­pu­ze run­ter in Re­kord­zeit

Fi­at 124 Spi­der

Pforzheimer Kurier - - MOTOR UND VERKEHR -

Wer den Cha­rak­ter die­ses Ca­bri­os so­gleich er­fas­sen will, muss nur das Ver­deck un­ter die Lu­pe neh­men: Wo es bei an­de­ren Som­mer­au­tos elek­trisch surrt und sich Schei­ben nach kom­ple­xer Cho­reo­gra­fie zu­sam­men­fal­ten so­wie Tex­til­bah­nen schicht­wei­se und in Zeit­lu­pe im Ge­päck­raum ver­schwin­den, ge­nügt hier ein sim­pler Hand­griff: Er löst das Soft­top ma­nu­ell aus der Ver­rie­ge­lung, im An­schluss reicht ein be­herz­ter Schwung aus dem Hand­ge­lenk so­wie ein nach­drück­li­cher Stoß, und die Ka­pu­ze ras­tet mit ei­nem zu­frie­de­nen Kli­cken ein. Die Pro­ze­dur dau­ert kei­ne drei Se­kun­den, und in die an­de­re Rich­tung ge­lingt sie bei ein­set­zen­dem Stark­re­gen so­gar noch schnel­ler: So und nicht an­ders muss das bei ei­nem Roads­ter sein.

Der Fi­at 124 ist ja auch ei­ne ehr­li­che Haut. Nicht nur sei­nes sim­plen aber durch­dach­ten Ver­deck-Me­cha­nis­mus we­gen. Auch das rest­li­che Lay­out des fla­chen Zwei­sit­zers knüpft an den klas­si­schen Sport­wa­gen­bau an: Vorn sitzt der längs ein­ge­bau­te Vier­zy­lin­der-Mo­tor, die An­triebs­ach­se hin­ge­gen ist un­term Heck. Ge­schal­tet wird hän­disch, und das macht aus­ge­spro­che­nen Spaß. Die sechs Gän­ge ras­ten kno­chig und prä­zi­se ein, und dank ul­tra­kur­zer Schalt­we­ge ver­mit­telt der Wa­gen ein Ge­fühl höchs­ter Spor­ti­vi­tät.

Dass der Fi­at kein Blen­der ist, of­fen­bart auch das Fahr­werk: Vor­bild­lich klebt das Au­to auf der Stra­ße prä­zi­se ope­riert die nicht zu leicht­gän­gi­ge Ser­vo­len­kung, und wer die Fahr­dy­na­mik­re­ge­lung vor­über­ge­hend in die Pau­se schickt, kann sich – aus­rei­chend Platz vor­aus­ge­setzt – in den an­spruchs­vol­len Grenz­be­reich über­steu­ern­den Fah­rens mit aus­bre­chen­dem Heck vor­tas­ten. Wohl­ge­merkt: vor­tas­ten. Denn die Cha­rak­te­ris­tik der Mul­ti-Air-Tur­bo­ma­schi­ne macht die Trai­nings­ein­heit auch für ge­üb­te Fah­rer zur Her­aus­for­de­rung. Grund da­für ist der mit­un­ter un­ge­schlif­fen-ab­rup­te Ein­satz des La­ders. Oft un­er­war­tet ra­bi­at macht der Wa­gen dann di­cke Ba­cken und prescht da­von.

Wäh­rend dies ge­pfleg­te Drifts ein biss­chen zur Glücks­sa­che macht, ist der Tur­boschub im nor­ma­len Fahr­be­trieb ei­ne Wohl­tat: Mit für ei­nen nur 1,4 Li­ter gro­ßen Wa­gen er­staun­li­chem An­tritt lässt der klei­ne Fi­at auch grö­ße­re Fahr­zeug-Ka­li­ber im Rück­spie­gel ver­schwin­den. Wenn auch noch das Aus­puff­ge­räusch zu den ita­lie­ni­schen Mo­men­ten pas­sen wür­de an­statt un­per­sön­lich-dumpf nach Dut­zend­wa­re zu klin­gen – man könn­te an dem An­trieb ei­gent­lich eben­so we­nig et­was aus­set­zen wie an der Op­tik des Wa­gens. Die nimmt sen­si­bel die His­to­rie des in den 70erJah­ren be­lieb­ten und bis Mit­te der 80er pro­du­zier­ten ori­gi­na­len 124 auf und er­gänzt sie durch zeit­ge­mä­ße De­tails. Dass den De­si­gnern ein stim­mi­ges Gan­zes ge­glückt ist, ist um­so be­mer­kens­wer­ter, be­denkt man, dass der 124 (ab­ge­se­hen vom Mo­tor) ei­gent­lich ein Maz­da MX5 ist. Der Fi­at ist al­so op­tisch ei­gen­stän­dig, auch wenn man das von der Tech­nik ge­ra­de nicht be­haup­ten kann.

Dass man es hier mit ei­nem Ita­lie­ner zu tun hat, wird spä­tes­tens an­ge­sichts der Platz­an­ge­bots of­fen­bar. Das näm­lich ist kaum der Re­de wert: Der Wa­gen ist so eng, dass sich Fah­rer von mehr als 1,80 Me­tern Kör­per­grö­ße ei­ne Tour nur bei aus­rei­chen­der Ge­len­kig­keit zu­trau­en soll­ten. Hat man sich schließ­lich ins Cock­pit ein­ge­fä­delt, gilt der ers­te Griff dem Ver­stell­he­bel der Sitz­hö­he. Al­lein: Der ist nicht vor­han­den. Wer al­so mit ei­nem be­son­ders lan­gen Ober­kör­per ge­straft ist, hat stän­dig die Ober­kan­te der Wind­schutz­schei­be im Blick­feld.

Ein wei­te­res Pro­blem des In­nen­raums ist die Ab­we­sen­heit nen­nens­wer­ter St­au­fä­cher. Noch nicht mal zur La­ge­rung ei­nes Smart­pho­nes fin­det sich Platz, von Au­to­at­las, Schlüs­sel oder Hals­bon­bons gar nicht zu re­den. Wenn in den Kof­fer­raum le­dig­lich ei­ne Kis­te Spru­del­was­ser passt, ist das fast noch das ge­rings­te Übel. WV

FÜR ITA­LIE­NI­SCHE MO­MEN­TE: Der Fi­at 124 ist ein klas­si­scher Roads­ter mit Heck­an­trieb, zeit­lo­ser Li­ni­en­füh­rung und we­nig Platz. Fo­to: Werk

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