Akus­tik­punk für Mäd­chen

Fa­ber: Auf­re­gen­des aus der Schweiz

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE -

Ter­min mit Fa­ber im Bier­gar­ten des Lu­zer­ner Mu­si­kklubs „Süd­pol“. Man er­war­tet ei­nen Le­be­mann. Min­des­tens. „Ich rauch’ und ich sauf’“singt Fa­ber, ei­nes sei­ner Lie­der trägt den schö­nen Ti­tel „Brüs­te­bei­ne­arsch­ge­sicht“, und di­rekt als ers­ten Satz sei­nes De­büt­al­bums „Sei ein Fa­ber im Wind“singt er: „Es ist so schön, dass es mich gibt“. Die Pres­se­fo­tos, auf de­nen Fa­ber, bür­ger­li­cher Na­me Ju­li­an Pol­li­na, im ge­blüm­ten Ba­de­man­tel vor damp­fen­dem Pool steht, sich ei­ne Zi­ga­ret­te an­zün­det und zu hun­dert Pro­zent so rü­ber­kommt, als ha­be er so­eben in lu­xu­riö­sem Am­bi­en­te dem Ge­schlechts­ver­kehr ge­frönt, tun ihr Üb­ri­ges zu die­sem Vor­abein­druck. Und dann kommt er, trinkt brav Was­ser, ist klei­ner, zar­ter und noch wu­schel­haa­ri­ger als er­war­tet und sagt: „Ei­gent­lich bin ich ein prü­der Hund.“Im­mer­hin, rau­chen tut er auch im rea­len Le­ben.

Fa­ber ki­chert wie ein Schul­jun­ge. „Iro­nie ist ei­ne schwie­ri­ge Sa­che. Ich will nicht sa­gen, dass Fa­ber ei­ne Kunst­fi­gur ist, das bin schon zu hun­dert Pro­zent ich. Aber ich bin nicht zu hun­dert Pro­zent Fa­ber.“Ein Künst­ler­na­me ha­be trotz­dem her­ge­musst, nach­dem er 2013 auf ei­ner Par­ty in ih­rem Haus in Zü­rich die be­kann­te Sin­ger/ Song­wri­te­rin So­phie Hun­ger ken­nen­lern­te und so­gleich ers­te Kon­zer­te in Hun­gers Vor­pro­gramm ab­sol­vier­te. „War­um ‚Fa­ber’? Ich brauch­te ein­fach ei­nen Na­men. Erst spä­ter ha­be ich mir Ge­schich­ten da­zu aus­ge­dacht, „Ho­mo Fa­ber“von Max Frisch und so wei­ter, aber in Wirk­lich­keit ha­be ich den Ro­man nicht ein­mal ge­le­sen.“

Ju­li­an ist 24 Jah­re alt und der Sohn des si­zi­lia­ni­schen Lie­der- ma­chers Pip­po Pol­li­na. Als Kind ver­brach­te er ein Jahr auf Si­zi­li­en, doch er ist Schwei­zer durch und durch. Er lebt in Zü­rich, will dort auch nicht weg (schon gar nicht nach Berlin), denn „ich fin­de Zü­rich hübsch und ha­be hier al­le mei­ne Freun­de und mei­ne Fa­mi­lie.“Da „al­les scheiß­teu­er ist, wenn du jung bist, nicht gut ver­dienst und nicht von dei­nen El­tern un­ter­stützt wirst“, zieht er un­ge­fähr ein­mal pro Jahr um, von Ab­riss­haus zu Ab­riss­haus. Fa­ber hat sich gar nicht erst da­mit auf­ge­hal­ten, nach der Schu­le et­was an­de­res zu ler­nen. Er war gleich Mu­si­ker und konn­te di­rekt da­von le­ben. „Wir ha­ben auf bru­tal vie­len Hoch­zei­ten und Fes­ten ge­spielt, das war ein rich­tig gu­tes Ge­schäft. Vie­le In­die­mu­si­ker sind sich zu scha­de, sich so in die­sem Un­ter­hal­tungs­seg­ment zu en­ga­gie­ren, es gibt ei­ne Rie­sen­nach­fra­ge.“Fa­ber spiel­te na­tür­lich noch kei­ne Fa­ber-Songs, son­dern ita­lie­ni­sche Klas­si­ker, Stim­mungs­mu­sik von Um­ber­to Toz­zi, Adria­no Cel­en­ta­no, Eros Ra­maz­z­ot­ti. Fa­ber, der kon­se­quent auf Hoch­deutsch singt, „weil das mei­ne Spra­che ist“, macht sei­ne Sa­che tat­säch­lich sehr gut. Die tie­fe Stim­me be­ein­druckt, so­bald er beim Sin­gen den Mund auf­macht. „Ich kam ziem­lich früh in den Stimm­bruch und fand das cool. Da­für wächst mir bis heu­te kein ge­schei­ter Bart.“Ei­ni­ge Re­fe­ren­zen lie­gen ge­sang­lich auf der Hand, Sven Re­ge­ner von Ele­ment Of Cri­me, auch Hen­ning May von An­nen­May­Kan­te­reit, die üb­ri­gens beim sel­ben Ma­nage­ment sind wie Fa­ber. Er selbst hat sei­nen Stil mal „Akus­tik­punk für Mäd-

chen“ge­nannt, was „nur als Witz ge­meint war, aber jetzt le­se ich es in je­dem Ar­ti­kel über mich und kann gut da­mit le­ben.“Fa­ber denkt, dass sein Stil mehr Punk als Sin­ger/Song­wri­ter sei, „aber trotz­dem bin ich na­tür­lich nä­her an Leo­nard Co­hen als an den Ra­mo­nes“.

Manch­mal ist es, wie ge­sagt, ver­wir­rend mit ihm. Was ei­ner der Grün­de sein mag, wes­halb ihn die Me­di­en so lie­ben. Al­le schrei­ben über Fa­ber, sei­nen Ge­sang und sei­ne Songs zwi­schen Folk, Rock, In­die, Chanson, die sich ein­deu­ti­ger Zu­ord­nung ge­wieft ent­zie­hen. Und na­tür­lich über sei­ne Tex­te. Zwi­schen Hu­mor, Ab­grün­dig­keit, ei­ner la­ten­ten Ver­zweif­lung an sich selbst und sei­ner Ge­ne­ra­ti­on („Schon 17-Jäh­ri­ge sind heu­te krass leis­tungs­ori­en­tiert, das kommt mir über­trie­ben vor, aber ich war ei­gent­lich auch nicht an­ders.“), ge­wis­sem Chau­vi­nis­mus, ein we­nig Po­li­tik („In Pa­ris bren­nen Au­tos“) und dop­pel­ten bis drei­fa­chen Bö­den fährt er al­les auf. Ein pral­les Füll­horn von ei­nem Al­bum, die­ses „Sei ein Fa­ber im Wind“. „Ich emp­fin­de mei­ne Mu­sik nicht un­be­dingt als alt­mo­disch“, sagt Ju­li­an, „aber sie folgt kei­nem Trend und nix. Es ist ein Vor­teil un­se­rer Zeit, dass sich die Sti­le so ver­mi­schen dür­fen, oh­ne, dass es je­mand selt­sam fin­det.“Er selbst mag La­na del Rey und Kanye West am liebs­ten, al­so „Su­per­main­stream­pro­duk­te, die trotz­dem geil sind.“

Und spä­tes­tens im Ti­tel­lied „Sei ein Fa­ber im Wind“hat Pol­li­na auch die Auf­merk­sam­keit der Men­schen, die sei­ne Mu­sik an­sons­ten eher kalt lässt. „Ei­ner von uns bei­den war ein Ar­sch­loch… und das warst du“so­wie, ganz be­son­ders, „War­um du Nut­te träumst du nicht von mir?“, sind dras­ti­sche Zei­len, die sich ein See­mann auf den Un­ter­arm tä­to­wie­ren könn­te und die na­tür­lich auch an­ecken (sol­len). Auch wenn Fa­ber die Auf­re­gung nicht teilt. „Das ly­ri­sche Ich hat ein Pro­blem mit sei­ner ly­ri­schen Ge­lieb­ten. Ich se­he nicht ein, war­um man das Flu­chen in der Pop­mu­sik den Rap­pern über­las­sen soll. Auch ein Leo­nard Co­hen oder ein Bob Dy­lan ha­ben in ih­ren Songs vie­les ge­sagt, was nicht kon­form oder hübsch war. Das ist de­nen doch egal. Das ist eben Kunst.“Stef­fen Rüth

WUSCHELMUSIK, die sich ge­wa­schen hat: Fa­ber. Fo­to: Ste­fan Braun­barth/ Ver­ti­go Berlin

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