Die Lei­che im Kel­ler

Kri­mi der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Ing­mar Clau­sen zog an sei­ner Pfei­fe und leg­te sei­ne Stirn in ex­akt sie­ben Fal­ten. Im­mer, wenn der Kom­mis­sar sei­ne Stirn in sie­ben Fal­ten leg­te, war das ein deut­li­ches In­diz da­für, dass er ge­ra­de ei­nen knif­fe­li­gen Fall be­ar­bei­te­te. Und die­ser Fall war be­son­ders knif­fe­lig.

Die Lei­che im Kel­ler war nicht zu über­se­hen. Die Mord­waf­fe, ein Beil, steck­te noch in ih­rem Rü­cken. So weit, so gut. Ei­nen Ver­däch­ti­gen und ein Mo­tiv gab es auch. Aber et­was be­hag­te Kom­mis­sar Clau­sen an der Sa­che ganz und gar nicht. Er kratz­te sich am Kopf, dach­te an­ge­strengt nach und leg­te sei­ne Stirn in ei­ne zu­sätz­li­che ach­te Fal­te. Das tat er im­mer, wenn er an­ge­strengt nach­dach­te.

Und plötz­lich wur­de ihm klar, was an die­sem knif­fe­li­gen Fall ihm ein solch gro­ßes Un­be­ha­gen be­rei­te­te: Es war sein ei­ge­ner Kel­ler, in dem er die Lei­che mit dem Beil im Rü­cken ge­fun­den hat­te. Und wenn er es ge­nau be­trach­te­te, war es auch sein Beil, das er erst vor zwei Ta­gen im Bau­markt ge­kauft hat­te, das im Rü­cken der Lei­che steck­te. Und er selbst, Kom­mis­sar Clau­sen, war der Tat­ver­däch­ti­ge. Zum ers­ten Mal in sei­nem gan­zen Le­ben leg­te der Kom­mis­sar sei­ne Stirn in ei­ne neun­te Fal­te. Das war ihm noch nie pas­siert: Tat­ort und Tat­waf­fe führ­ten den er­fah­re­nen Er­mitt­ler zu sich selbst als Tat­ver­däch­ti­gem. Er schüt­tel­te un­wil­lig den Kopf. Die In­di­zi­en muss­ten trü­ge­risch sein, denn er, der Kom­mis­sar, hat­te ja gar kein Mo­tiv da­für, je­man­den ein Beil in den Rü­cken zu schla­gen.

Plötz­lich stutz­te er, und be­trach­te­te den To­ten, der dort in sei­nem Kel­ler lag und das erst vor­ges­tern ge­kauf­te Beil im Rü­cken hat­te, ge­nau­er. Zi­schend zog er Luft durch sei­ne Zäh­ne und noch­mal an sei­ner Pfei­fe, denn ihm ging ein Licht auf.

Der To­te, der da vor ihm lag, sah – ver­dammt noch­mal – ge­nau aus, wie Ulf Gers­ten­käm­per. Ulf Gers­ten­käm­per, sein Erz­feind seit der Grund­schu­le, der üb­le An­ge­ber, der schon ei­nen fa­bri­kKom­mis­sar neu­en Ford Mustang fuhr, als Ing­mar Clau­sen noch auf ei­nen ge­brauch­ten Opel spa­ren muss­te. Ulf Gers­ten­käm­per, der ihn beim Vor­spre­chen für ei­ne gro­ße Rol­le in ei­nem sa­gen­haft er­folg­rei­chen Ki­no­film aus­ge­sto­chen hat­te. Der sa­gen­haft gut aus­se­hen­de Ulf Gers­ten­käm­per, über den Clau­sen erst vor ein paar Ta­gen her­aus­ge­fun­den hat­te, dass der Mist­kerl schon seit ei­ni­ger Zeit ein Ver­hält­nis mit Irm­gard, der Gat­tin des Kom­mis­sars un­ter­hielt.

Der Kom­mis­sar nahm noch ei­nen tie­fen Zug aus sei­ner Pfei­fe. Das al­les war sehr un­schön und warf nicht un­be­dingt ein gu­tes Licht auf ihn.

Aber da er nach vier­zig­jäh­ri­ger Di­enst­zeit kurz vor sei­ner Pen­sio­nie­rung stand, be­schloss er, den Fall we­gen Ge­ring­fü­gig­keit zu den Ak­ten zu le­gen und im Gar­ten ei­ne Gru­be aus­zu­he­ben. Soll­ten Ulf Gers­ten­käm­per und Irm­gard Clau­sen doch auf ewig im Mo­rast ver­eint sein.

„Irm­gard“, rief er zärt­lich, wäh­rend er das schö­ne neue Beil aus Ulf Ger­ten­käm­pers Rü­cken zog, „Irm­gard, wo steckst du denn, mein Schätz­chen? ...“

Co­rin­na Ste­ge­mann

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