Na­tur, Back­stein und Ku­rio­ses

Die al­te Han­se­stadt Tan­ger­mün­de

Pforzheimer Kurier - - REISE -

Von St. Ste­phan schlägt es sie­ben­mal. Ein Storch fliegt am ge­öff­ne­ten Fens­ter des lie­be­voll zum Fe­ri­en­do­mi­zil um­ge­bau­ten al­ten Fach­werk­hau­ses an der Esels­brü­cke vor­bei. Er ist un­ter­wegs Rich­tung Nest, das un­weit St. Ste­phan auf ei­nem al­ten Schorn­stein thront. Auf der Halb­in­sel hin­ter dem Ha­fen­be­cken zwei frü­he Spa­zier­gän­ger. Die El­be strömt vor end­los er­schei­nen­den Wie­sen Rich­tung Nor­den: ein Mor­gen in Tan­ger­mün­de.

„Hier hockt der Storch über dem Stan­des­amt“, sagt Stadt­füh­re­rin Re­gi­ne Schön­berg und zeigt auf das Dach des his­to­ri­schen Rat­hau­ses. Zwei Stor­chenPaa­re ha­ben sich dort ein­ge­rich­tet. Für ih­re Jun­gen fin­den sie eben­so wie ih­re Art­ge­nos­sen auf an­de­ren Ge­bäu­den der al­ten Han­se­stadt reich­lich Fut­ter in den na­hen El­bau­en. Schön­berg, das spürt man bei je­dem Satz, ist stolz auf Tan­ger­mün­de, das seit mehr als 1 000 Jah­ren auf ei­ner An­hö­he über der El­be liegt, heu­te im nörd­li­chen Sach­sen-An­halt. „Die Vor­fah­ren wa­ren schlau. Sie ha­ben nicht in der Nie­de­rung ge­baut.“Die El­be ha­be Tan­ger­mün­de des­halb nie et­was an­ha­ben kön­nen. „Auch beim Jahr­tau­send-Hoch­was­ser im Jahr 2013 nicht“, sagt Schön­berg und zeigt auf die Mar­kie­rung an der Ross­pfor­te, durch die in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten Fuhr­wer­ke vom Elb­ufer berg­auf ins Zen­trum ge­lan­gen konn­ten.

Knapp zwei St­un­den dau­ert die Füh­rung durch Tan­ger­mün­de, das rund ei­ne Au­to­stun­de nord­öst­lich von Mag­de­burg in der Alt­mark am We­st­ufer der El­be ge­le­gen ist. Was er­war­tet den Be­su­cher? Mit­tel­al­ter­li­che Stadt­to­re, Kir­chen mit Back­stein­tür­men, ei­ne ge­wal­ti­ge Stadt­mau­er. Da­zu ein paar klei­ne Mu­se­en, ein Sport­bootha­fen, et­wa 20 Ho­tels und Pen­sio­nen, meh­re­re Dut­zend Fe­ri­en­woh­nun­gen zum Teil in her­ge­rich­te­ten al­ten Häu­sern. Zahl­rei­che Re­stau­rants, ei­ne Hand­voll Ga­le­ri­en. Gar nicht schlecht für die­se dünn be­sie­del­te Re­gi­on.

Die Ge­schich­te reicht weit zu­rück: Im Zen­trum der Stadt steht ein Denk­mal für Gre­te Min­de, die im Jahr 1619 auf dem Schei­ter­hau­fen starb, nach­dem sie zu Un­recht be­zich­tigt wor­den war, ein ver­hee­ren­des Feu­er ge­legt zu ha­ben, das al­le Holz­bau­ten im Stadt­kern zer­stör­te. „Das Denk­mal ist ei­ne klei­ne Wie­der­gut­ma­chung“, sagt Schön­berg. Ein paar Schrit­te wei­ter St. Ni­ko­lai: Die äl­tes­te Pfarr­kir­che der Stadt aus dem Jahr 1250 war spä­ter La­za­rett, Ar­rest-Lo­kal und Po­li­zei­ge­fäng­nis. Heu­te wird in dem frü­he­ren Got­tes­haus, das als „Ze­che­rei Ni­ko­lai“fir­miert, zu def­ti­gen Mahl­zei­ten das tra­di­tio­nel­le Tan­ger­mün­der Kuh­schwanz­bier aus­ge­schenkt. Es soll sei­nen Na­men be­kom­men ha­ben, weil sich trotz al­ler Mü­hen nie­mals al­le Rind­vie­cher aus dem Tan­ger ver­trei­ben lie­ßen. Im­mer bau­mel­te min­des­tens ein Kuh­schwanz im Fluss, wenn Was­ser zum Bier­brau­en ent­nom­men wur­de. Dem Ge­schmack des Bie­res soll das nicht ge­scha­det ha­ben.

Wer sich von dem Stadt­bum­mel er­ho­len will, dem sei die „Tan­ger­mün­der Kaf­fee­rös­te­rei“ans Herz ge­legt. In­ha­ber und Di­plom-Kaf­fee-Som­me­lier Sven Döb­be­lin ser­viert das Heiß­ge­tränk aus selbst ge­rös­te­ten Boh­nen im klei­nen In­nen­hof ei­nes re­stau­rier­ten Fach­werk­hau­ses. Auch sonst hat Tan­ger­mün­de sei­nen hung­ri­gen und durs­ti­gen Gäs­ten ei­ni­ges zu bie­ten. Das ku­rio­ses­te Lo­kal ist da­bei wohl die „Ex­em­pel“-Gast­stu­be in ei­nem ehe­ma­li­gen Schul­haus. Ein Raum ist als his­to­ri­sches Klas­sen­zim­mer her­ge­rich­tet, so als ob gleich Wil­helm Buschs Leh­rer Läm­pel zum Un­ter­richt schrei­ten wür­de: Pult, Zwei­er­bän­ke hin­ter­ein­an­der auf­ge­stellt, ein ABC an der Wand, al­te Ran­zen, Har­mo­ni­um, Ka­no­nen­ofen. Die Spei­sen hei­ßen „Schuh­werk mit gol­de­ner Schnal­le“, „Kä­se­fuß mit Schuh­soh­le“oder „Pfer­de­äp­fel mit Fut­ter­mol­le“. Aber al­les ge­nieß­bar, ver­spro­chen.

Ein­kau­fen kann man in Tan­ger­mün­de in ei­nem „Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den“. Na­di­ne Wa­ge­ner und Diet­mar Sipt­roth ha­ben ein her­un­ter­ge­kom­me­nes Fach­werk­haus aus dem Jahr 1711 in jah­re­lan­ger Ar­beit re­stau­riert. In der ei­nen Hälf­te ha­ben sie ei­ne Ga­le­rie und in der an­de­ren ein Ge­schäft ein­ge­rich­tet, das aus­sieht, als sei­en dort al­le Kind­heits­träu­me vom Kauf­manns­la­den in Er­fül­lung ge­gan­gen.

Wahr­zei­chen von Tan­ger­mün­de ist aber St. Ste­phan mit sei­ner früh­ba­ro­cken Sche­rer-Or­gel. Der 94 Me­ter ho­he Turm der go­ti­schen Hal­len­kir­che ist aus al­len Him­mels­rich­tun­gen schon von wei­tem zu se­hen. „In die Kir­che kom­men je­den Tag Hun­der­te von Be­su­chern“, sagt Re­na­te Zim­pel. Die 80-jäh­ri­ge Rent­ne­rin ist ei­ne der Frei­wil­li­gen, die re­gel­mä­ßig in St. Ste­phan Di­enst tun. Die Alt­mark ist Rad­fah­rer­land, auch rund um Tan­ger­mün­de. Das Tou­ris­mus­bü­ro emp­fiehlt ein hal­bes Dut­zend län­ge­re Rou­ten. Aber da die Stadt nun mal am El­be­rad­weg liegt, geht es zum Ein­rol­len erst ein­mal fluss­ab­wärts ein knap­pes Stünd­chen bis nach Stor­kau. Da­bei lohnt ei­ne Zwi­schen­sta­ti­on in Häm­mer­ten, wo die um das Jahr 1200 aus Feld­stei­nen er­rich­te­te Dorf­kir­che St. Jo­han­nes ei­nen Halt wert ist.

Auf dem Rück­weg kön­nen auch un­ge­üb­te Rad­ler den „Gro­ßen Kur­fürst“ab­hän­gen. Der über 50 Jah­re al­te Aus­flugs­damp­fer, der eben­falls nach Tan­ger­mün­de zu­rück möch­te, kommt strom­auf­wärts nur lang­sam vor­an. Am nächs­ten Tag war­tet die gut 40 Ki­lo­me­ter wei­te „Fähr-Tour“. Zu Be­ginn bie­tet die neue Elb­brü­cke nörd­lich von Tan­ger­mün­de ei­nen ers­ten Blick auf das fla­che Land. Nächs­te Sta­ti­on Je­ri­chow. Das auf das Jahr 1144 zu­rück­ge­hen­de Prä­mons­tra­ten­ser-Klos­ter mit sei­nem gut er­hal­te­nen Kreuz­gang und den Dop­pel­tür­men wird zu den wich­tigs­ten sa­kra­len Bau­denk­mä­lern Nord­eu­ro­pas ge­zählt. Spä­ter kommt man nach Klietz­nick, wo an ei­nem Süd­hang Wein an­ge­baut wird. Im Jahr 2013 wur­de ein höl­zer­ner Aus­sichts­turm er­rich­tet. Wer die 75 Stu­fen er­klimmt, wird mit ei­nem wei­ten Blick über die El­b­land­schaft be­lohnt. Der wei­te­re Weg über den Deich zur klei­nen Elb­fäh­re bei Fer­ch­land ist wohl das schöns­te Stück die­ser Rund­tour. Die letz­ten Ki­lo­me­ter zu­rück nach Tan­ger­mün­de füh­ren an Alt­wäs­sern der El­be vor­bei, durch ei­ne lan­ge Al­lee aus Pap­peln und Ei­chen. Wer auch mal ei­nen Tag in Mu­ße ver­strei­chen las­sen möch­te, kann ein paar Geh- oder Fahr­rad­mi­nu­ten fluss­auf­wärts von Tan­ger­mün­de di­rekt an der El­be be­schau­li­che Plätz­chen fin­den. Ei­ne De­cke im Gras, das schnell strö­men­de Was­ser vor Au­gen, am Him­mel krei­sen Fi­sch­ad­ler. Beid­seits des Flus­ses ruft ein Ku­ckuck. Ab und an glei­tet ein Boot vor­bei. In der Fer­ne die Tür­me der Klos­ter­kir­che Je­ri­chow. Ein paar Mu­ti­ge wa­gen sich an ge­schütz­ter Stel­le bis zur Hüf­te ins Was­ser. Lau­te Juch­zer. Die El­be scheint kalt zu sein. Mat­thi­as Brun­nert i Rei­se­ser­vice An­rei­se: Zü­ge fah­ren im St­un­den­takt von Sten­dal nach Tan­ger­mün­de.

Über­nach­tung: Fe­ri­en­woh­nun­gen gibt es ab 40 Eu­ro pro Nacht, Ho­tels mit Dop­pel­zim­mer­prei­sen zwi­schen 68 und 196 Eu­ro pro Nacht.

Stadt­füh­run­gen: Ganz­jäh­rig auch nach ei­ge­nen Wün­schen.

Aus­künf­te: Tou­ris­mus­bü­ro Tan­ger­mün­de, Markt 2, 39 590 Tan­ger­mün­de Te­le­fon: (03 93 22) 2 23 93.

www.tou­ris­mus-tan­ger­mu­en­de.de

Denk­mal als klei­ne Wie­der­gut­ma­chung

MÄCHTIGES STADTTOR: Es er­in­nert dar­an, dass Tan­ger­mün­de ei­ne lan­ge Ge­schich­te hat, die tief ins Mit­tel­al­ter zu­rück­reicht. Fo­to: Michael Ba­der / MG Sach­sen-An­halt / dpa

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