Das Ge­schäft mit dem Fern­weh

Deut­sche Tou­ring ist seit 1948 auf Eu­ro­pas Stra­ßen un­ter­wegs

Pforzheimer Kurier - - FORUM -

Auch in Karls­ru­he dräng­ten sich die Ur­lau­ber Preis­druck in der Bran­che hat Fol­gen

Be­reits die An­fangs­tak­te ge­nüg­ten und bei Ra­dio­hö­rern stell­te sich au­to­ma­tisch Fern­weh ein. „Ei­ne Rei­se in den Sü­den …“– so­bald Con­ny Fro­boess ab 1962 ihr Lied „Zwei klei­ne Ita­lie­ner“träl­ler­te, er­ober­te sie auch die Her­zen der Men­schen im Ba­de­ner Land.

Am Karls­ru­her Haupt­bahn­hof dräng­ten sich in den Som­mer­mo­na­ten des deut­schen Wirt­schafts­wun­ders die ers­ten Ur­lau­ber um die Bus­se der Deut­schen Tou­ring. Auch in Pforz­heim und Stuttgart mach­ten die Fern­bus­se des 1948 ge­grün­de­ten Bus­un­ter­neh­mens halt, um die son­nen­hung­ri­gen Men­schen zum Som­mer­ur­laub an die Strän­de in Ita­li­en, Spa­ni­en oder Grie­chen­land zu chauf­fie­ren. Wäh­rend die Deut­schen der neu er­wach­ten Rei­se­lust frön­ten, ku­rier­te die Deut­sche Tou­ring das Heim­weh der hier­zu­lan­de le­ben­den und ar­bei­ten­den so­ge­nann­ten Gas­t­ar­bei­ter. Zu Hau­se war­te­te spä­tes­tens zum Weih­nachts­fest die Fa­mi­lie.

We­ni­ge Jah­re nach dem An­wer­be­ab­kom­men mit Ita­li­en im Jahr 1955 be­rühr­te das Lied von Con­ny Fro­boess das Herz der Men­schen eben­so wie zwölf Jah­re spä­ter Udo Jür­gens „Grie­chi­scher Wein“. Die Schla­ger spie­gel­ten aber auch die Sehn­sucht der im­mer noch frem­den Nach­barn, die aus Sü­d­eu­ro­pa nach Ba­den ge­kom­men wa­ren. Dreh- und An­gel­punkt für die Fahrt in die Hei­mat im Sü­den war in Karls­ru­he wie über­all in Deutsch­land der Bahn­hofs­vor­platz.

Die Deut­sche Tou­ring pass­te sich den Be­dürf­nis­sen ih­rer Kun­den an. Weil von den Gas­t­ar­bei­tern nie­mand mit lee­ren Hän­den nach Hau­se rei­sen woll­te, do­ku­men­tier­ten mehr und mehr Gas­t­ar­bei­ter den hart er­ar­bei­te­ten Wohl­stand mit den Lu­xus­gü­tern sei­ner Zeit. Ar­bei­ter aus Spa­ni­en konn­ten Kühl­schrän­ke, Mu­sik­bo­xen und Fern­seh­ap­pa­ra­te als Weih­nachts­ge­schen­ke – vor­ge­bucht als Groß­ge­päck – in den Fern­bus­sen für nur sechs Deut­sche Mark mit nach Ma­drid und Barcelona neh­men.

Rück­blick: 1948 wur­de die Deut­sche Tou­ring GmbH (DTG) an ei­nem his­to­ri­schen Ort in Frankfurt ge­grün­det: am ers­ten Flug­ha­fen in Frankfurt, dem so­ge­nann­ten „Luft­schiff­ha­fen am frü­he­ren Hof­gut Reb­stock“. Einst Hei­mat der Flug­pio­nie­re und his­to­ri­scher Zep­pe­line, star­te­te die Deut­sche Tou­ring von dort den Auf­bau ih­rer Li­ni­en­ver­keh­re und in­ner­deut­schen Li­ni­en.

„Mit der Mar­ke ‚Eu­ro­pa­bus’ be­reis­ten Fahr­gäs­te schon bald auch ab Karls­ru­he ganz Eu­ro­pa bis hin nach Te­he­ran“, teilt das Un­ter­neh­men mit. Seit den frü­hen 1950er Jah­ren roll­ten die da­mals schon mo­der­nen und be­que­men Tou­ring-Bus­se zu den ers­ten Ur­lau­ber­zie­len der noch jun­gen Bun­des­bür­ger.

In den 1960er Jah­ren be­glei­te­ten so­gar Ste­war­des­sen die Fahr­gäs­te in den Bus­sen, um das Rei­sen in den Ur­laub so an­ge­nehm wie mög­lich zu ma­chen – das Flug­zeug ließ grü­ßen. Doch der Preis­druck im Fern­bus­rei­se-Markt brach­te das wohl tra­di­ti­ons­reichs­te deut­sche Fern­bus-Rei­se­un­ter­neh­men in wirt­schaft­li­che Schräg­la­ge.

Das Un­ter­neh­men mit Fir­men­zen­tra­le in Esch­born bei Frankfurt mel­de­te des­halb im April In­sol­venz an. „Die Deut­sche Tou­ring fährt auch nach der En­de Ju­ni er­folg­ten Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens auf al­len Li­ni­en wei­ter“, teil­te der vom Amts­ge­richt Frankfurt am Main be­stell­te In­sol­venz­ver­wal­ter Mi­guel Gros­ser von der Frank­fur­ter Kanz­lei Jaf­fé mit. „Der Ge­schäfts­be­trieb wird an al­len Stand­or­ten des Un­ter­neh­mens in vol­lem Um­fang fort­ge­führt.“Auch für die wei­te­re Zu­kunft der Deut­schen Tou­ring wer­de man die Wei­chen stel­len, die Ver­hand­lun­gen mit po­ten­zi­el­len In­ves­to­ren be­fän­den sich in der End­pha­se.

Im vor­läu­fi­gen In­sol­venz­ver­fah­ren sei es ge­lun­gen, den lau­fen­den Be­trieb zu sta­bi­li­sie­ren. Ins­be­son­de­re der Ti­cket­ver­kauf und der Be­trieb an den Bus­bahn­hö­fen lie­fen auf­grund des ho­hen En­ga­ge­ments der Mit­ar­bei­ter rei­bungs­los wei­ter. Da­mit wur­de die Grund­la­ge für die Sa­nie­rung ge­schaf­fen.

Mit Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens muss die Deut­sche Tou­ring Löh­ne und Ge­häl­ter wie­der selbst er­wirt­schaf­ten und kos­ten­de­ckend ar­bei­ten. Da­zu wur­de mit dem Be­triebs­rat und den Mit­ar­bei­tern ein So­zi­al­plan mit In­ter­es­sen­aus­gleich ver­ein­bart, weil im Zu­ge der Sa­nie­rung auch et­wa 20 Stel­len ab­ge­baut wer­den müs­sen.

Der­zeit be­schäf­tigt die Deut­sche Tou­ring 105 Mit­ar­bei­ter. Bis 2005 be­saß die Deut­sche Bahn die Mehr­heit an der Deut­schen Tou­ring, ver­kauf­te ih­re An­tei­le je­doch, da man die Ak­ti­vi­tä­ten der DTG nicht mehr zum Kern­ge­schäft der Deut­schen Bahn zähl­te. Heu­te sind die spa­ni­sche Ibe­ro Eu­ro­sur mit 82,82 Pro­zent der An­tei­le und die Eu­ro­päi­sche Rei­se­ver­si­che­rung Haupt­ge­sell­schaf­ter. Mat­thi­as Pie­ren

EIN­STEI­GEN BIT­TE! In den Zei­ten des deut­schen Wirt­schafts­wun­ders war die Deut­sche Tou­ring Pio­nier der Fern­rei­sen. Noch heu­te schickt das Un­ter­neh­men sei­ne „Eu­ro­li­nes“-Bus­se nach ganz Eu­ro­pa. Fo­to: map

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