Som­mer­trend: Ex­tre­mLang­wei­ling

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT - von Si­byl­le Kra­nich

Das Jahr hat ge­nau sechs Wo­chen, in de­nen man sich als Mut­ter ei­nes weib­li­chen Prä-Te­ens wünscht, man hät­te das Fräu­lein Toch­ter mit dem Be­sit­zer ei­nes Frei­zeit­parks und/oder dem Ge­schäfts­füh­rer ei­ner Clown­schu­le ge­zeugt. Wenn der meist­ge­hör­te Satz des Som­mers nicht wie für die meis­ten er­wach­se­nen Men­schen ein mun­ter-da­her­ge­träl­ler­tes spa­ni­sches Gu­te-Lau­ne-Lied­chen, son­dern ein nör­ge­lig her­vor­ge­tra­ge­nes „Ma­maaaa – mir ist so­ooo laaa­ang­wei­liii­ig“ist, könn­te man sich auf die Spe­zi­al­aus­bil­dung des Ko-Er­zie­hers be­ru­fen, um das Kom­plett­be­spa­ßungs­pa­ket zu bu­chen.

Als Mut­ter ist man zu Schul­zei­ten ja dar­auf trai­niert, die sich stän­dig zu ak­tua­li­sie­ren­den Ta­geska­len­der sämt­li­cher Fa­mi­li­en­mit­glie­der im Kopf zu ha­ben, die Ter­mi­ne der Ein­zel­nen in ei­ne sinn­vol­le Rei­hen­fol­ge zu brin­gen und dann na­tür­lich auch zu ver­wal­ten. Aber dann sind plötz­lich Schul­fe­ri­en und wie durch ein per­fi­des Vi­rus in­fi­ziert, crasht ein per­fekt ein­ge­spiel­tes Com­pu­ter­pro­gramm ins ab­so­lu­te Cha­os. Ge­wohn­te Eck­da­ten wie Kla­vier­un­ter­richt (mon­tags), Schul­gar­ten-AG (mitt­wochs), Ma­the-Nach­hil­fe (Do) und Turn-Trai­ning (eben­falls Do) ver­schwin­den aus dem Sys­tem und zu­rück­bleibt ei­ne Lee­re, die statt mit er­ha­be­ner Stil­le von die­sem ei­nen furch­ba­ren Satz ge­füllt wird: „Ma­maa – mir ist so­ooo laa­ang­wei­lii­ig!“

Viel­leicht sind es die bis in die Unend­lich­keit lang ge­zo­ge­nen Vo­ka­le, die so sehr am müt­ter­li­chen Ner­ven­kos­tüm zeh­ren. Viel­leicht ist es aber auch der Um­stand, dass man sich als Er­zie­hungs­ver­ant­wort­li­che plötz­lich in ei­ne Rol­le zu­rück­be­ru­fen sieht, aus der man vor Kur­zem erst grob und un­miss­ver­ständ­lich ge­sto­ßen wur­de. Zu Schul­zei­ten näm­lich, wenn der All­tag ge­re­gelt und al­le Freun­din­nen in der Nä­he sind, ist el­ter­li­che Be­auf­sich­ti­gung und Un­ter­stüt­zung kom­plett un­er­wünscht. Ge­ra­de erst hat­te man sich dar­an ge­wöhnt das Zim­mer der jun­gen Da­me nicht mehr oh­ne An­klop­fen zu be­tre­ten und auch dar­an, dass Vor­schlä­ge für ge­mein­sa­me Un­ter­neh­mun­gen mit Au­gen­rol­len, Schul­ter­zu­cken und ei­nem kom­plett über­spiel­tem „Echt, jetzt???“quit­tiert wer­den. Kaum dass Fe­ri­en sind und sämt­li­che Freun­des­häu­ser in der Nach­bar­schaft ver­waist, al­le You-Tu­be-Tu­to­ri­als ge­guckt und das Ta­schen­geld schon kom­plett im Schlund schwe­di­scher Kla­mot­ten­kon­zer­ne ver­schwun­den ist, er­tönt wie­der der Ruf nach el­ter­li­cher Be­spa­ßung.

Aber – zu spät! Es wird Zeit, den Nach­wuchs mit ei­ner har­ten Rea­li­tät ver­traut zu ma­chen. Ei­nem Ge­fühl, das die di­gi­ta­le Ge­ne­ra­ti­on gar nicht mehr kennt. Ein biss­chen auf­ge­hüb­scht und un­ter dem Na­men „Ex­trem-Lang­wei­ling“ver­mark­tet, soll­te sich das als neu­er Som­mer­fe­ri­en­klas­si­ker eta­blie­ren.

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