Stun­de null in Ca­ra­cas

Ma­du­ro krem­pelt Ve­ne­zue­la um

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ge­org Is­mar

Ca­ra­cas. Da ste­hen sie Seit’ an Seit’, re­cken die rech­te Faust, hal­ten Bil­der von Hu­go Chá­vez hoch. Ganz vorn Del­cy Ro­drí­guez, die knall­har­te Ex-Au­ßen­mi­nis­te­rin von Prä­si­dent Ni­colás Ma­du­ro, im ro­ten Ho­sen­an­zug. Sei­ne Ver­trau­te, die nun ei­ne Mis­si­on hat: Die Re­vo­lu­ti­on ret­ten. Wo frü­her Pan­zer in Süd­ame­ri­ka für Um­stür­ze sorg­ten, putscht in Ve­ne­zue­la die Re­gie­rung ge­ra­de ge­gen die ei­ge­ne Ver­fas­sung – mit ei­nem schein­de­mo­kra­ti­schen Akt, für vie­le ein Putsch auf Ra­ten. Seit ein paar Ta­gen über­schla­gen sich die Er­eig­nis­se, ges­tern kommt es zu ei­nem Mi­li­tär­auf­stand in ei­ner Ka­ser­ne in Va­len­cia, 170 Ki­lo­me­ter west­lich von Ca­ra­cas, der of­fen­sicht­lich schnell nie­der­ge­schla­gen wer­den konn­te. Aber es bro­delt im Land mit den größ­ten Öl­re­ser­ven.

Ro­drí­guez ist nun die Vor­sit­zen­de ei­ner 545 Mit­glie­der um­fas­sen­den „Volks­ver­samm­lung“, in der aber nur ein Teil des Vol­kes sitzt, die An­hän­ger der So­zia­lis­ten. Sie ta­gen streng ge­si­chert von Sol­da­ten im Par­la­ments­ge­bäu­de. Das von der Op­po­si­ti­on do­mi­nier­te Par­la­ment ist ent­mach­tet. Ma­du­ros Volks­ver­samm­lung ist die neue Staats­ge­walt. Die legt gleich los. Es fährt Mi­li­tär am Sitz der schärfs­ten Wi­der­sa­che­rin in den ei­ge­nen Rei­hen vor, die vie­le ger­ne im Ge­fäng­nis schmo­ren se­hen wür­den. Ge­ne­ral­staats­an­wäl­tin Lui­sa Or­te­ga, lan­ge an der Sei­te der Cha­vis­tas, gei­ßelt das Gre­mi­um – es füh­re in die Dik­ta­tur. In der ers­ten Ar­beits­sit­zung wird Or­te­ga Díaz ab­ge­setzt. Ih­re Kon­ten wer­den ein­ge­fro­ren und sie darf das Land nicht ver­las­sen. Ma­du­ro wird zum Pa­ria des Wes­tens, aber Län­der wie Chi­na und Russland hal­ten zum Zorn der USA ih­re Hand über ihn. Chi­na in­ves­tiert Mil­li­ar­den und be­kommt da­für Öl. „Ven­ce­re­mos“(„Wir wer­den sie­gen“), lässt Ma­du­ro wis­sen. Of­fi­zi­ell soll die Ver­samm­lung die Ver­fas­sung re­for­mie­ren, aber erst ein­mal geht es um an­de­res. Die Im­mu­ni­tät bis­he­ri­ger Ab­ge­ord­ne­ter, die Pro­tes­te auf der Stra­ße or­ga­ni­siert ha­ben, könn­te rasch auf­ge­ho­ben wer­den. Ma­du­ro sprach be­reits von re­ser­vier­ten Ge­fäng­nis­zel­len. Zur In­thro­ni­sie­rung wer­den gro­ße Por­träts mit­ge­bracht. Von Simón Bolívar, dem Be­frei­er von der spa­ni­schen Ko­lo­ni­al­macht, und Hu­go Chá­vez, dem Be­grün­der des So­zia­lis­mus-Pro­jekts. Die Op­po­si­ti­on hat­te die Bil­der 2016 ent­fernt. Nun hän­gen sie wie­der. „Sie wer­den nie mehr ver­schwin­den“, sagt Ro­drí­guez. „Sie sind zu­rück, sie sind zu­rück“, ju­belt die Men­ge. Ein Re­zept zur Lö­sung der dra­ma­ti­schen Kri­se hört man von Ma­du­ro da­ge­gen nicht. Wer an der Müll­kip­pe Bo­nan­za bei Ca­ra­cas vor­bei­fährt, sieht Men­schen, die mit Gei­ern um Es­sens­res­te im Müll strei­ten. Im Land mit den größ­ten Öl­re­ser­ven wer­den über das In­ter­net Hil­fe­ru­fe nach Me­di­ka­men­ten ab­ge­setzt, die Kin­der­sterb­lich­keit steigt ra­sant. „Sie in­ter­es­siert mehr die Ges­te, die Bil­der von Chá­vez wie­der in der Na­tio­nal­ver­samm­lung auf­zu­hän­gen, als die schreck­li­che Kri­se des Lan­des zu lö­sen“, meint der be­kann­te Schrift­stel­ler Leo­nar­do Pa­drón.

Ca­ra­cas, nach die­ser Stun­de null, sieht so aus: Die So­zia­lis­ten oben­auf, ei­ne re­si­gnier­te, über die Tak­tik strei­ten­de Op­po­si­ti­on, die erst­mal nicht mehr de­mons­triert. Ihr trau­en vie­le genau­so we­nig, da de­ren Par­tei­en vor Chá­vez für Kor­rup­ti­on und Eli­ten­po­li­tik stan­den. Die In­fla­ti­on, die höchs­te der Welt, ex­plo­diert

„Sie sind zu­rück, sie sind zu­rück“

der­art, dass der mo­nat­li­che Min­dest­lohn im Ju­li von 65 021 Bo­li­va­res auf 97 531 Bo­li­va­res an­ge­ho­ben wer­den muss­te. Das sind aber auch nur noch 6,50 Dol­lar. Nach dem Start der Ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung ist der Dol­lar­kurs auf dem Schwarz­markt ex­plo­diert. Ein Ne­ben­ef­fekt: Für ei­nen Dol­lar kann man die­ser Ta­ge 3 000 Li­ter Ben­zin tan­ken, das ist kein Scherz. Viel ist nun vom zwei­ten Ku­ba die Re­de, aber ei­gent­lich ist es ein Land in An­ar­chie mit Ma­fia-ähn­li­chen Struk­tu­ren.

Völ­li­ge Un­si­cher­heit, auf Fried­hö­fen wer­den so­gar Gr­ab­stei­ne ge­stoh­len, um sie zu Geld zu ma­chen. Und für ein Han­dy wer­den Men­schen ge­tö­tet. Um treue An­hän­ger in den Ar­men­vier­teln, die dank lan­ge spru­deln­der Ölein­nah­men erst­mals ei­ne An­er­ken­nung und Auf­wer­tung er­fuh­ren, bei der Stan­ge zu hal­ten, gibt es ei­ne Art „Ich-hal­te-zu­Ma­du­ro-Aus­weis“: Wer sei­ne Un­ter­stüt­zung zu­si­chert, be­kommt hier­über stark ver­güns­tig­te Le­bens­mit­tel­pa­ke­te, wäh­rend die Geg­ner stun­den­lang vor oft lee­ren Su­per­märk­ten Schlan­ge ste­hen.

Fo­to: dpa

BREN­NEN­DE REI­FEN, VERMUMMTE DE­MONS­TRAN­TEN: Seit Wo­chen for­dern Tau­sen­de Men­schen in Ve­ne­zue­la den Rück­tritt von Prä­si­dent Ni­colás Ma­du­ro. Jetzt scheint der Macht­kampf in Ca­ra­cas vor­erst ent­schie­den.

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