„Ein tol­ler Hecht!“

Pu­tin liebt den gro­ßen Auf­tritt: Kreml­chef in­sze­niert sich oben oh­ne beim An­geln in Si­bi­ri­en

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Tho­mas Kör­bel

Mos­kau. Da ist er wie­der, der nack­te Ober­kör­per des rus­si­schen Prä­si­den­ten. Mit aus­ge­brei­te­ten Ar­men steht Wla­di­mir Pu­tin auf ei­nem Floß in der Som­mer­son­ne im tiefs­ten Si­bi­ri­en, ei­nen di­cken Fisch in der lin­ken Hand. „Seht her, was für ein tol­ler Hecht!“, scheint die Po­se beim An­geln in der Re­pu­blik Tu­wa zu sa­gen. Wie kaum ein an­de­res Staats­ober­haupt liebt der 64-jäh­ri­ge Pu­tin die me­di­en­wirk­sa­me Ins­ze­nie­rung sei­nes Kör­pers und sei­ner Männ­lich­keit. Un­ver­ges­sen sind sei­ne Fo­tos als Rei­ter mit frei­em Ober­kör­per, sein Auf­tritt als Bi­ker in Le­der­kluft oder als Tau­cher, der an­ti­ke Ton­ge­fä­ße aus den Tie­fen des Ge­wäs­sers fischt. Auch als knall­har­ter Eis­ho­ckey-Spie­ler und als Ju­do­ka setzt sich der et­wa 1,72 Me­ter gro­ße Kreml­chef und Trä­ger ei­nes Schwar­zen Ju­do-Gür­tels gern in Sze­ne.

Die­ses Jahr al­so zwei Ta­ge Kurz­ur­laub im Sü­den Si­bi­ri­ens. In ver­gnüg­li­cher Run­de mit Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ser­gej Schoi­gu und zwei Gou­ver­neu­ren lässt sich Pu­tin buch­stäb­lich die Son­ne auf den Pelz schei­nen. Ein we­nig schüch­tern sitzt der eben­falls oben­rum ent­blöß­te Mi­nis­ter ne­ben ihm, wäh­rend Pu­tin sei­nen mus­ku­lö­sen Tor­so bräunt und mit aus­ge­streck­ten Ar­men die Son­ne grüßt. „Das war ein sehr kur­zer aber reich­hal­ti­ger Ur­laub“, er­zählt Kreml­spre­cher Dmi­tri Pes­kow Agen­tu­ren über den Aus­flug von An­fang Au­gust. Pu­tin sei un­ter an­de­rem im See ge­schwom­men, Mo­tor­boot und Quad ge­fah­ren, ei­ne Art vier­räd­ri­ges Ge­län­de­mo­tor­rad. Zwei St­un­den ha­be Pu­tin im Tau­cher­an­zug mit ei­ner Har­pu­ne ei­nen Hecht ge­jagt. „Zwei Mal ha­be ich auf ihn ge­schos­sen, beim ers­ten Mal hat es nicht ge­reicht“, sagt Pu­tin der „Kom­so­mols­ka­ja Praw­da“zu­fol­ge. Nach ei­nem An­ge­l­aus­flug 2013 mit Schoi­gu und Re­gie­rungs­chef Dmi­tri Med­we­dew hat­te der Kreml Bil­der von ei­nem stol­zen Pu­tin ge­zeigt, der ei­nen 21 Ki­lo­gramm schwe­ren Hecht aus dem Was­ser ge­zo­gen hat. Ob er den Re­kord dies­mal ein­ge­stellt hat, war sich Pes­kow nicht si­cher. Pu­tin in­sze­niert sich im­mer wie­der als Na­tur­freund und zeigt sich zur Er­ho­lung beim An­geln, gern auch mit pro­mi­nen­ten Gäs­ten. 2007 fisch­te er in Tu­wa zu­sam­men mit Fürst Al­bert II. von Mo­na­co, 2001 ver­trieb er sich mit dem da­ma­li­gen fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Jac­ques Chi­rac in St. Pe­ters­burg die Zeit. Selbst mit den frü­he­ren USPrä­si­den­ten Ge­or­ge W. Bush und des­sen Va­ter schwang er 2007 bei ei­nem USABe­such die An­gel­rou­te. Dass Pu­tin und USPrä­si­dent Do­nald Trump oder Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel zu­sam­men in Si­bi­ri­en auf Fisch­fang ge­hen könn­ten, scheint seit dem Be­ginn der Ukrai­ne-Kri­se 2014 un­wahr­schein­li­cher denn je. Die Be­zie­hung zu Wa­shing­ton ist we­gen Vor­wür­fen ei­ner rus­si­schen Wahl­ein­mi­schung und Sank­tio­nen zer­rüt­tet wie nie seit dem Kal­ten Krieg.

Wäh­rend sich Trump im Ur­laub beim Gol­fen ab­lich­ten lässt und es von Mer­kel eher bra­ve Bil­der beim Wan­dern gibt, ge­riert sich Pu­tin mit Oben-oh­ne-Auf­trit­ten wie ein Rock­star un­ter den Staats­män­nern. Ge­ra­de vor der na­hen­den Prä­si­den­ten­wahl dürf­ten sol­che Bil­der auch der Image-Pfle­ge die­nen. Zwar hat Pu­tin noch im­mer nicht ge­sagt, ob er im März 2018 für ei­ne wei­te­re sechs­jäh­ri­ge Amts­zeit kan­di­diert. Doch al­les an­de­re wä­re für Mos­kau­er Ex­per­ten ei­ne Über­ra­schung. In­nen­po­li­tisch sitzt Pu­tin fest im Sat­tel, weit über 80 Pro­zent lie­gen sei­ne Um­fra­ge­wer­te. Die Wirt­schafts­kri­se nä­hert sich der Re­gie­rung zu­fol­ge dem En­de, Russ­lands im Wes­ten kri­ti­sier­ter Mi­li­tär­ein­satz in Sy­ri­en wird in der Hei­mat kaum hin­ter­fragt. Tas­sen und T-Shirts mit Pu­tins Kon­ter­fei auf Mos­kau­er Märk­ten be­för­dern den Hy­pe um den star­ken Mann im Kreml, der im Ok­to­ber 65 wird. Da­bei spielt durch­aus mit rein, dass Kri­tik an Pu­tin im staat­lich kon­trol­lier­ten Fern­se­hen nicht vor­kommt und auch der Op­po­si­ti­on kaum Sen­de­zeit ge­wid­met wird. Um­so mehr dürf­ten die An­gel­bil­der von Pu­tin ein­schla­gen.

Fo­to: Ni­kols­ky/Pool Sput­nik Krem­lin/AP/dpa

GENIESST DIE SON­NE: Pu­tins Fo­tos von ei­nem Kurz­trip in Si­bi­ri­en könn­ten gut ein hal­bes Jahr vor der Wahl den Per­so­nen­kult be­flü­geln.

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