Ein En­de in Trüm­mern

„Glut“bei Ni­be­lun­gen-Fest­spie­len in Worms

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - Mar­kus Mer­tens

Das blü­hen­de Le­ben zwi­schen Macht, Sex und Geld – am En­de fin­det es sich in Worms in Trüm­mern wie­der. Fai­sal (Cem Lu­kas Ye­gi­ner), der Sohn von Scheich Omar/Et­zel (Meh­met Kur­tu­lus) und Grä­fin Fal­ke/Kriem­hild (Denneesch Zou­dé) wirft sich in er­ha­be­ner Sieg­frieds-Treue in den Speer, schenkt dem gro­ßen Dra­ma im Fer­nen Os­ten end­lich sei­nen To­ten, und wird da­bei nur noch durch ei­nen flam­men­wer­fer­spei­en­den Panz­er­zug über­trumpft.

Wenn man auf die Ent­wick­lung der Ni­be­lun­gen­fest­spie­le Worms der ver­gan­ge­nen drei Jah­re blickt, ist das neue Stück „Glut“nach „Ge­met­zel“(2015) und „Gold“(2016) das kon­se­quen­te En­de ei­ner Tri­lo­gie des in­ne­ren Aus­ver­kaufs. Au­tor Al­bert Os­ter­mai­er hat sich das Jahr 1915 und je­ne heik­le Mis­si­on au­ser­wählt, mit der Kai­ser Fried­rich II. ei­nen Pakt mit den Mus­li­men des Fer­nen Os­tens schlie­ßen woll­te, um sich der Streit­mäch­te Russ­lands, Groß­bri­tan­ni­ens und Frank­reichs zu ent­le­di­gen. Mit „Sieg­fried“wird ein Thea­ter­stück als Ablen­kungs­ma­nö­ver für die Fest­ge­sell­schaft vor­be­rei­tet, dann reist der im­po­san­te Ori­ent-Ex­press (Büh­ne: Iri­na Schi­cketanz) in Rich­tung Bas­ra. Und eins muss man Re­gis­seur Nu­ran Da­vid Ca­lis las­sen: So ge­konnt wie sich ara­bi­sche Live­Mu­sik vom Feins­ten mit ei­nem Per­so­nen­ar­se­nal im ho­hen zwei­stel­li­gen Be­reich auf ei­ne Spiel­flä­che von gut 30 Me­tern cho­reo­gra­fiert fin­den, wirkt „Glut“erst ein­mal im­po­nie­rend, fein jus­tiert und ge­konnt in Sze­ne ge­setzt. Pro­ble­ma­tisch wird die Ge­schich­te aber dort, wo selbst Ca­lis die Ver­flech­tung aus Heb­bel, His­to­rie und Wa­gner nicht mehr so kon­zi­se er­zäh­len kann, dass das Gros der Be­trach­ter noch mit­kä­me. Denn – auch das ha­ben sich die Worm­ser Fest­spie­le mitt­ler­wei­le fast schon sub­ku­tan ver­ab­reicht – na­tür­lich kann es nicht da­bei blei­ben, dass sich En­g­land, Frank­reich, Russland und der deut­sche Haupt­mann Klein (Heio von Stet­ten) in der ers­ten Klas­se der­art kin­disch be­lei­di­gen, dass selbst Po­li­zei­chef En­ver Sa­hin (Os­car Or­te­ga Sán­chez) nichts mehr ein­fällt: Je­der braucht auch noch ei­ne zwei­te Rol­le. Till Won­ka wird vom Thea­ter­di­rek­tor zum Sieg­fried, Sa­scha Gö­pel be­kommt ne­ben sei­ner Leut­nants-Rol­le noch den Wo­tan ge­schenkt und Alex­an­dra Kamp (Ger­tru­de/Brün­hild) be­weist ih­re Fä­hig­kei­ten als fem­me fa­ta­le zwi­schen fins­te­rer De­pres­si­on und se­xu­el­ler Span­nung mit er­le­se­nem Tief­gang.

Auch dass es hier nicht um die Spren­gung bri­ti­scher Öl­fel­der, son­dern um die Ra­che ei­nes Ori­ents geht, in den sich Kriem­hild ge­zielt ein­ge­hei­ra­tet hat, steht zwar im Text, doch das Au­ge sieht: Ter­ror, Schutt und Asche. Was mit Al­bert Os­ter­mai­er in Worms mit dem Ei­fer or­ga­ni­scher Na­tür­lich­keit be­gann ist – ganz im Sin­ne der Glut – zu schwar­zer Koh­le ver­kom­men. Der Bei­fall: für Worm­ser Ver­hält­nis­se fast schon be­tre­ten.

i Ter­mi­ne

Bis 20. Au­gust täg­lich 20.30 Uhr am Kai­ser­dom Worms. Nicht am 14. Au­gust. www.ni­be­lun­gen­fest­spie­le.de

Fo­to: Mer­tens

ERNÜCHTERNDES EN­DE ei­ner ver­wir­ren­den Story: Fai­sal (Cem Lu­kas Ye­gi­ner) wirft sich in den Speer des deut­schen Haupt­manns Klein (Heio von Stet­ten).

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