Die Nacht der wan­deln­den But­tons

Sie­ben St­un­den vol­ler Ein­drü­cke: Schlag­lich­ter aus der 19. Ausgabe der Ka­mu­na

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHER MUSEUMSNACHT -

So viel wie mög­lich vom Ka­mu­na-Pro­gramm zu se­hen ist ei­ne zeit- und we­ge­pla­ne­ri­sche Her­aus­for­de­rung, die Tau­sen­de Be­su­cher pulk­wei­se mit ih­ren But­tons durch die Stadt strö­men lässt. Die Be­loh­nung sind vie­le bun­te Bil­der im Kopf, et­wa Ale­xej Jaw­lens­kys „Oberst­dor­fer Land­schaft“von 1912. In der Kunst­hal­len-Aus­stel­lung „Un­ter frei­em Him­mel“er­läu­tert Mar­git Fritz da­zu die Ab­wen­dung vom brau­nen Ga­le­riet­on und die Ex­pres­si­on von Emp­fin­dun­gen mit­tels Far­be. „Den Au­tor Ralph Dut­li er­in­nern die gel­ben und ro­ten Ber­ge an ita­lie­ni­sches Eis“, sagt sie und er­wähnt, dass man acht St­un­den mit den Au­dio­bei­trä­gen der Aus­stel­lung, zu de­nen auch zahl­rei­che Schrift­stel­ler bei­ge­tra­gen ha­ben, in der Land­schafts­ma­le­rei-Schau ver­brin­gen kann – mehr Zeit, als die sie­ben­stün­di­ge Ka­mu­na ins­ge­samt bie­tet. Ne­ben klas­si­schen „Out­door“-An­sich­ten des nie­der­län­di­schen Ba­rocks mit drei­ge­teil­ter Farb­ge­bung und gro­ßer Bild­tie­fe gibt es in der Kunst­hal­le zu­dem ei­ne Vor­schau auf die herbst­li­che Cé­zan­ne-Aus­stel­lung: den sehr grü­nen „Blick auf das Meer bei l’Estaque“.

Im Frei­en spielt auch Ca­trio­na Shaw vor dem Ba­di­schen Kunst­ver­ein. Als sie ih­ren mi­ni­ma­lis­ti­schen Elek­tro­sound checkt, der sehr nach Ber­lin klingt (wo die Schot­tin heu­te lebt), kommt ge­ra­de lo­ka­le Po­li­tik­pro­mi­nenz aus der Füh­rung zu Fil­men und Ob­jek­ten von El­ke Mar­hö­fer und Mik­hail Lyl­ov, die das pro­duk­ti­ve Zu­sam­men­wir­ken von Men­schen, Tie­ren und Pflan­zen the­ma­ti­sie­ren. Ma­ler Micha­el Drey­er ent­wi­ckelt im Saal ne­ben­an die Uto­pie vom Tier-Ma­schi­nen-Frie­den an­hand sü­ßer Kü­ken, die auf Zahn­rä­dern spie­len, statt von ih­nen ge­schred­dert zu wer­den.

An­de­rer Ort, an­de­re Mu­sik: Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten tän­zeln sich bei For­ró de KA die Ka­mu­na-Gän­ger spie­le­risch an ei­nen sich hier­zu­lan­de ge­ra­de eta­blie­ren­den Mu­sik­stil aus Nord­bra­si­li­en her­an. Ober­bür­ger­meis­ter Frank Mentrup mag die Mi­schung aus Sal­sa, Lam­ba­da und tra­di­tio­nel­len Klän­ge schon län­ger, wie Frie­de­ri­ke, die Frau des Front­manns, ne­ben der Büh­ne er­zählt. Auch die Zu­hö­rer sind be­geis­tert von ih­rer Mi­schung aus ei­ge­nen Songs, Pop-Co­vern und For­ró-Hym­nen und las­sen die Mu­si­ker samt Qu­er­flö­te, Ak­kor­de­on und bra­si­lia­ni­scher Bas­strom­mel Za­bum­ba erst drei St­un­den spä­ter mit der La­ti­noVer­si­on von „Get Lu­cky“von der Büh­ne.

Das Schef­fel-Archiv des Li­te­ra­tur­mu­se­ums ist wie vie­le an­de­re Ka­mu­na-Or­te über­voll, doch die deutsch-ira­ni­schen Ge­schwis­ter Zae­ri-Es­fa­ha­ni hört man auch noch hin­ter den Glas­tü­ren. Ih­re in Mehr­nousch Buch „33 Bo­gen und ein Tee­haus“be­schrie­be­ne Mi­gra­ti­on nach Deutsch­land schil­dern sie mit Fo­to­vor­trä­gen und An­ek­do­ten („Un­se­re Mut­ter nann­te beim Ein­bür­ge­rungs­test die da­ma­li­ge Ober­bür­ger­meis­te­rin von Hei­del­berg knall­hart Bea­te Uh­se statt Bea­te We­ber!“), dann wirft Mehr­dad, der auch das Buch il­lus­triert hat, Zeich­nun­gen aufs Pa­pier und ent­wi­ckelt dar­aus zu­sam­men mit den Zu­schau­ern wei­te­re Ge­mäl­de. Die Moral der Ge­schicht’: „Die ers­te deut­sche Ei­gen­schaft, die mir auf­ge­fal­len ist: Al­les muss im Vor­feld ge­plant sein. Ein Ira­ner plant da­ge­gen den ers­ten Schritt und rech­net da­mit, dass der Zu­fall ihm ei­nen Strich durch die Rech­nung macht.“

Im Lan­des­mu­se­um spricht Ki­ra Ko­kos­ka über „Hei­mat in der Frem­de“und zeigt die „Tür­ki­sche Stu­be“des Schwei­zer Ehe­paars Rie­ser, das als Er­in­ne­rungs­zim­mer an ih­rer Zeit in Istan­bul (1925 bis 1950) dien­te. Er­in­ne­run­gen an die Hei­mat wür­den häu­fig auch in ku­li­na­ri­scher Form wach­ge­hal­ten, so die Ex­per­tin. „Noch nicht mal Spätz­le sind ur­sprüng­lich von hier, der Wor­tur­sprung spez­za­re ist ita­lie­nisch und kam wohl mit den ers­ten Zi­tro­nen- und Oran­gen­händ­lern im 19. Jahr­hun­dert über die Al­pen hier­her.“Ist denn we­nigs­tens die Schwarz­wäl­der Kirsch­tor­te ori­gi­nal ba­disch? Daph­ne Noee im Mu­se­um beim Markt: „Wo ge­nau das Re­zept ent­stand, ist nicht si­cher. Heu­te hat die Le­bens­mit­tel­auf­sicht aber ge­re­gelt, dass Scho­kostreu­sel und ein wahr­nehm­ba­rer Kirsch­was­ser­ge­schmack da­bei sein müs­sen.“In der hu­mor­vol­len Schau „#wald­schwarz­schön“wird un­ter gro­ßem Ge­läch­ter so­gar die Wuchs­rich­tung der Tan­nen­zap­fen auf dem Rot­haus­bierE­ti­kett ab­ge­han­delt, be­vor Ka­ba­ret­tist Jörg Kräu­ter in zwei­spra­chi­gen Mun­dart („Va­ter aus dem hin­te­ren, Mut­ter aus dem vor­de­ren Murg­tal“) mit al­ler­hand flin­ken Wort­spie­len dem Nicht-Ba­de­ner ei­ni­ges an Hör­ver­ständ­nis ab­ver­langt.

Der­weil ge­ben sich bei der gro­ßen Cor­ne­lia-Fun­ke-Le­se­nacht die Kunst­hal­len-Mit­ar­bei­ter die Klin­ke und die di­cken Fan­ta­sy-Bän­de in die Hand. Kurz vor halb elf liest Mu­se­ums­di­rek­to­rin Pia Mül­ler-Tamm vor voll­be­setz­ten Rei­hen aus „Tin­ten­herz“, wäh­rend in der Fun­ke-Aus­stel­lung Ur­su­la Sch­mit­tWisch­mann das La­bor von Pro­fes­sor Wie­sen­grund und den Zau­ber­spie­gel aus „Reck­less“vor­stellt und da­bei sou­ve­rän und hu­mor­voll ei­ni­ge an­ge­hei­ter­te Stu­den­ten aus­kon­tert, die sich ei­nen Spaß dar­aus ma­chen wol­len, ih­re Kurz­füh­rung zu spren­gen. Skur­ril auch die Alp­horn­Blä­ser „Sen­nerJazz“im Stän­de­haus, die mit Milch­kan­ne und Schnee­be­sen als Per­cus­sions „Kä­se ma­chen“, wo­bei un­be­dingt auf das kor­rek­te Tem­po von 104 Beats pro Mi­nu­te zu ach­ten sei! Sie groo­ven auch zu Blues-Bro­thers-The­mes und „Te­qui­la“und tei­len ihr Wis­sen über die Ge­schich­te der lan­gen Höl­zer: „Wä­re der Jazz nicht in New Or­leans er­fun­den wor­den, dann si­cher­lich in den Al­pen!“In der Lan­des­bi­blio­thek siegt zum Ab­schluss des Abends Fried­rich Herr­mann aus Je­na im Poe­try-Slam mit wit­zi­gen Per­si­fla­gen über Ar­beits­aben­de in der Stu­den­tenknei­pe oder Ama­zon-Be­wer­tun­gen der „Knister­fo­lie des Grau­ens“– und kann da­mit so­gar ein­ge­schwo­re­ne Poe­try-Slam-Geg­ner über­zeu­gen. Die Ka­mu­na bleibt ei­ne Nacht der Ent­de­ckun­gen. Ni­na Setz­ler

Fo­tos (7): Ar­tis

GE­FRAG­TES FAMILIENPROGRAMM: Bei der dies­jäh­ri­gen Ka­mu­na wa­ren laut Be­ob­ach­tung der Ver­an­stal­ter sehr vie­le Fa­mi­li­en mit Kin­dern un­ter­wegs. Ent­spre­chend viel los war bei Füh­run­gen wie hier im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um.

WITZ UND WIS­SEN ver­band Clown Schorsch, der bei sei­nen Füh­run­gen zur Ot­to-Bart­ning-Schau in der Städ­ti­schen Ga­le­rie auch bei spon­ta­nen Ein­la­gen nie den Fa­den ver­lor.

VIE­LE MIT­MACH­AK­TIO­NEN für Kin­der gab es auch in die­sem Jahr, von ei­ner Mu­se­ums­ral­lye im ZKM bis zum Bas­teln von Tier­mas­ken am Ba­di­schen Kunst­ver­ein.

HEI­MAT IM XXL-FOR­MAT: Trach­ten­trä­ger auf Stel­zen vor dem Schloss.

JAZZ IM AL­PEN-SOUND: Das Quar­tett „Sen­nerJazz“bot im Stän­de­haus Mu­sik und hu­mor­vol­le Mo­de­ra­tio­nen.

BRA­SI­LIA­NI­SCHE RHYTH­MEN brach­ten For­ró de KA in den Bo­ta­ni­schen Gar­ten.

EIN GE­MÄL­DE ENT­STEHT: Im Hof der Lan­des­bi­blio­thek mal­te Macha Sel­bach.

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