Ris­kan­te Grup­pen­dy­na­mik bei Gaf­fern

Psy­cho­lo­ge: Scho­ckie­ren­der Fall aus Ba­den-Ba­den zeigt Ver­ro­hung der Ge­sell­schaft

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Chris­ti­ne Luz

Ba­den-Ba­den. Sie zück­ten ihr Smart­pho­ne und er­mu­tig­ten ei­nen Mann zum Sprung vom Ho­tel­vor­dach: Das Ver­hal­ten zahl­rei­cher Schau­lus­ti­ger in Ba­den-Ba­den hat Be­völ­ke­rung und Po­li­zei in der ver­gan­ge­nen Wo­che ent­setzt. Für den Psy­cho­lo­gen Al­f­red Ge­bert aus Müns­ter ist die Auf­for­de­rung zum Sprung Zei­chen ei­ner zu­neh­men­den Ver­ro­hung der Ge­sell­schaft. „Das Phä­no­men des Gaf­fens nimmt zu“, sagt der 73-Jäh­ri­ge. Ver­stärkt wer­de es durch die neu­en Me­di­en. „Je­der hat im­mer­zu ein Smart­pho­ne da­bei, am En­de geht es nur dar­um, wer den Film als ers­ter auf YouTube hoch­lädt.“

In Ba­den-Ba­den ge­lang es der Po­li­zei, den Mann vom Sprung ab­zu­hal­ten. Al­ler­dings: „Die Kol­le­gen wa­ren scho­ckiert vom Ver­hal­ten der Un­be­tei­lig­ten vor Ort“, sagt Yan­nik Hil­ger, Spre­cher beim Polizeipräsidium Of­fen­burg. Rund 50 Per­so­nen hat­ten sich um das Ho­tel geHer­gangs. schart. Ei­ne Hand­ha­be ha­be die Po­li­zei kaum ge­gen sol­che Schau­lus­ti­ge und selbst der Zu­ruf zum Sprung sei nicht straf­bar. „Die Kol­le­gen hät­ten Platz­ver­wei­se er­tei­len kön­nen“, sagt Hil­ger. „In die­ser Si­tua­ti­on hat­te die Ret­tung des Man­nes vom Dach aber Prio­ri­tät.“

Kurz nach dem Vor­fall mach­te die Po­li­zei ih­rem Är­ger auf Face­book Luft: „Schämt euch“, steht auf ei­nem Fo­to, auf dem ein ge­zück­tes Smart­pho­ne zu se­hen ist, dar­über ei­ne Be­schrei­bung des „Wir woll­ten klar­stel­len, dass wir die­ses Ver­hal­ten nicht ak­zep­tie­ren“, sagt Hil­ger. Der Bei­trag wur­de über 200 mal ge­teilt und hat mehr als 80 Kom­men­ta­re er­hal­ten. Das Ver­hal­ten wird dar­in als „be­schä­mend“be­zeich­net oder als „furcht­bar“und „be­un­ru­hi­gend“.

„Wenn Sie nach­fra­gen, wird je­der Gaf­fen ver­ur­tei­len“, sagt Psy­cho­lo­ge Ge­bert. „Und dann kommt man selbst in so ei­ne Si­tua­ti­on und ist plötz­lich mit­ten­drin.“Da­bei ent­ste­he ei­ne Grup­pen­dy­na­mik. Al­lein sei die Be­reit­schaft zu hel­fen viel grö­ßer. „In ei­ner Grup­pe gu­cken al­le nur und sa­gen sich, ir­gend­je­mand wird schon was tun, dann fängt wie in Ba­den-Ba­den noch ei­ner an zu ru­fen und an­de­re stim­men ein.“

Den Face­book-Post der Po­li­zei hält Ge­bert grund­sätz­lich für ein gu­tes Mit­tel, um Men­schen für das The­ma zu sen­si­bi­li­sie­ren. „Wenn die Ge­sell­schaft so ein Ver­hal­ten nach­drück­lich ver­ur­teilt und Gaf­fer-Vi­de­os im In­ter­net kon­se­quent ge­löscht wer­den, wird der so­zia­le Druck auf die Fil­mer ir­gend­wann zu groß.“

AN DEN IN­TER­NET-PRANGER stellt die Po­li­zei je­ne Schau­lus­ti­ge, die ei­nen Mann zum Sui­zid­ver­such auf­for­der­ten. Fo­to: dpa

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