Grin­send in die Ren­te

Ge­fei­er­ter Bolt nimmt Platz drei ge­las­sen hin und freut sich auf Zeit oh­ne Trai­ning / Gold für Gat­lin

Pforzheimer Kurier - - BLICK IN DIE WELT - Von Kris­tof Stühm und Chris­toph Leuch­ten­berg

Lon­don. Als wä­re al­les wie im­mer ge­we­sen, hielt Usain Bolt noch ein­mal Hof. Der Su­per­star zeig­te sei­nen be­rühm­ten Blitz, die Fans gröl­ten, „Usain Bolt, Usain Bolt“-Ru­fe hall­ten durch die Are­na, Bolt po­sier­te grin­send für Sel­fies mit sei­nen An­hän­gern, sprang in ih­re Ar­me, er knie­te auf der Zi­el­li­nie nie­der und küss­te sie. Bolt wur­de ge­fei­ert wie der Sie­ger. So, als wä­re al­les wie im­mer ge­we­sen – da­bei war das bis­her Un­vor­stell­ba­re pas­siert. „Ich ha­be al­les ge­ge­ben, was ich hat­te, aber es hat nicht ge­reicht“, sag­te Bolt.

Der Un­schlag­ba­re war tat­säch­lich ge­schla­gen, nach 9,95 Se­kun­den blieb dem Ja­mai­ka­ner nur WM-Bron­ze über 100 Me­ter in sei­nem letz­ten ganz gro­ßen Ren­nen. Aus­ge­rech­net sein al­ter Ri­va­le Jus­tin Gat­lin, zwei­mal über­führ­ter Do­ping­sün­der, der Buh­mann der Leicht­ath­le­tik, hol­te Gold in 9,92 Se­kun­den. „Er hat es ver­dient“, sag­te Bolt, der die Nie­der­la­ge ge­las­sen hin­nahm. Der 30-Jäh­ri­ge hat­te wohl schon da­mit ge­rech­net, dass der Abend kein Mär­chen für ihn be­reit­hal­ten wür­de. „Ich den­ke, ich ha­be ge­gen ei­nen groß­ar­ti­gen Wett­kämp­fer ver­lo­ren und ge­gen ei­nen Jun­gen, der nach oben drängt. Ich be­dau­re nichts“, sag­te Bolt. Sil­ber si­cher­te sich Chris­ti­an Cole­man (9,94/USA).

Die gro­ße Show ge­hör­te trotz­dem dem Schlaks aus dem Dörf­chen Sher­wood Con­tent auf Ja­mai­ka. Al­le im Sta­di­on wuss­ten, dass dies ein spe­zi­el­ler Mo­ment war. Elf WM-Ti­tel hat­te Bolt bis da­hin ge­won­nen, acht­mal wur­de er Olym­pia­sie­ger. Mit sei­nem vier­ten WMGold über 100 Me­ter woll­te sich Bolt ei­gent­lich in die Sprint-Ren­te ver­ab­schie­den – es hat nicht sol­len sein. Sein Start war mi­se­ra­bel, im Schluss­spurt fehl­te ihm die Power. „Nach dem Start wuss­te ich, dass ich in Trou­ble war“, sag­te Bolt, der nach der WM sei­ne Kar­rie­re be­en­den wird: „Ich ha­be für den Sport al­les ge­tan, was ich konn­te. Ich ha­be be­wie­sen, dass ich ei­ner der Größ­ten bin. Es ist Zeit zu ge­hen.“

Hin­ter­her schä­ker­te Bolt mit Gat­lin, bei­de spra­chen von ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt. „Er hat hart ge­ar­bei­tet, und er ist ei­ner der bes­ten Kon­kur­ren­ten, ge­gen die ich je ge­lau­fen bin“, sag­te Bolt, als hät­te es Gatlins po­si­ti­ve Tests in den Jah­ren 2001 und 2006 nie ge­ge­ben: „Für mich hat er es ver­dient, hier zu sein.“IAAF-Prä­si­dent Se­bas­ti­an Coe mein­te, der Abend ha­be sich „nicht an das per­fek­te Dreh­buch“ge­hal­ten. „Es ist nicht das schlech­tes­te Er­geb­nis al­ler Zeiten“, sag­te Coe, es ma­che ihn aber auch nicht eu­pho­risch, wenn „je­mand, der zwei Do­ping-Sper­ren ab­ge­ses­sen hat, mit ei­nem un­se­rer glit­zern­den Prei­se weg­geht – aber er ist be­rech­tigt, hier zu sein.“

Nun fällt bald der Vor­hang für Bolt, end­gül­tig. Am Sams­tag steht noch das Fi­na­le über 4 × 100 Me­ter auf dem Pro­gramm, auf sei­ne Lieb­lings­stre­cke 200 Me­ter ver­zich­tet Bolt. Nach all den Stra­pa­zen der Ver­gan­gen­heit reicht es für den Su­per­mann von einst nicht mehr für ganz vor­ne. Um­so mehr freut sich Bolt auf die Sprint-Ren­te. „Ich bin auf­ge­regt, end­lich nor­mal le­ben zu kön­nen, auf­zu­ste­hen, wann ich will, und zu wis­sen, dass ich kein Trai­ning ha­be“, sag­te Bolt. Na­tür­lich wer­de er den „Sport ver­mis­sen, aber ich be­kom­me die Chan­ce, zu le­ben und zu rei­sen, wann ich will. Ich weiß nicht, wo ich hin will oder wo­hin mich mei­ne Kar­rie­re füh­ren wird, aber es ist span­nend.“

KNIE­FALL VOR DER LE­GEN­DE: 100-Me­ter-Welt­meis­ter Jus­tin Gat­lin (links) be­kun­det Usain Bolt sei­nen gro­ßen Re­spekt.

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