Ge­schich­te rollt über die Stra­ßen

Über 70 His­to­ri­sche Fahr­zeu­ge bis Bau­jahr 1930 auf Tour in Ge­den­ken an Ber­tha Benz

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Un­ter­wegs gab es of­fen­bar ei­ne be­son­ders gu­te Ver­kös­ti­gung. Des­halb tu­ckert die Ko­lon­ne mit ei­ner klit­ze­klei­nen Ver­spä­tung von Bret­ten her kom­mend Rich­tung Pforz­heim. Aber da­von ab­ge­se­hen hät­te si­cher kei­ner der vie­len Zu­schau­er, die sich schon früh ei­nen gu­ten Platz ent­lang der Ab­sper­rung in der Fuß­gän­ger­zo­ne er­gat­tert ha­ben ein pünkt­li­ches Er­schei­nen er­war­tet. Schließ­lich han­delt es sich nicht um nigel­na­gel­neue Flit­zer, die am Sams­tag­nach­mit­tag um die Ecke kom­men, son­dern um be­son­de­re Ka­ros­sen, die ih­re ers­ten vier­räd­ri­gen Um­dre­hun­gen vor dem Jahr 1930 ge­macht ha­ben. Aus­nah­men sind aber auch da­bei, weil der ein oder an­de­re Fah­rer auf­grund ei­ner Pan­ne auf ein an­de­res Fahr­zeug wech­sel­te und na­tür­lich nicht weg ge­schickt wur­de.

Ein paar der 71 ge­mel­de­ten Old­ti­mer hin­ter­las­sen für die­se be­son­de­re Fahrt zu Eh­ren der ers­ten Au­to­fah­re­rin Ber­tha Benz für ein paar Ta­ge ei­ne Lü­cke im Dr.-Carl-Benz-Mu­se­um in La­den­burg und neh­men Fahrt auf von Mann­heim nach Pforz­heim und auf ei­ner an­de­ren Rou­te durch den Nord­schwarz­wald wie­der zu­rück. So hat es Ber­tha Benz am Mor­gen des 5. Au­gust 1888 auch ge­macht. Sie woll­te of­fen­bar der Er­fin­dung ih­res Man­nes Carl Benz ei­nen Schub ge­ben und fuhr oh­ne sein Wis­sen und mit den bei­den Söh­nen Eu­gen und Richard los.

Ein Stopp oder zu­min­dest ein Hu­pen ist nun auch über 100 Jah­re spä­ter für das in­ter­na­tio­na­le Feld mit Fah­rern auch aus Ös­ter­reich ob­li­ga­to­risch: die Pforz­hei­mer Stra­ße 18 in Bau­schlott. Dort stand das An­we­sen des Schuh­ma­cher­meis­ters Karl Britsch, der der tap­fe­ren Fah­re­rin Ber­tha Benz, bes­ser: ih­rem Fahr­zeug, neu­es Le­der auf die Brems­be­lä­ge schla­gen muss­te.

Das pas­siert am Sams­tag nicht, aber ein Old­ti­mer macht sei­nem Na­men kei­ne Eh­re: „Der 1895er Benz Ide­al hat Pro­ble­me“, er­zählt Win­fried A. Sei­del. „Nicht ide­al. Ich weiß nicht ge­nau was, aber un­ser Ser­vice, der aus Hoch­schul­stu­den­ten be­steht, ist schon dort.“Ir­gend­wie wird es auch der Ide­al ins Ziel schaf­fen, da ist Sei­del si­cher, der den ASC (All­ge­mei­ner Schnau­f­erl­club) ver­tritt – ne­ben dem Au­to­mu­se­um Dr. Carl Benz ist er Ver­an­stal­ter der al­le zwei Jah­re statt­fin­den­den Ge­dächt­nis-Fahrt, die in die­sem Jahr den Ti­tel „129 Jah­re Frau am Steu­er“trägt. Dass der „idea­le Benz“noch ins Ziel kommt glaubt auch der Pforz­hei­mer WSP-Wirt­schafts­för­de­rer Oli­ver Reitz. „Die Tech­nik ist ja nicht so kom­pli­ziert. Da steckt kei­ne kom­pli­zier­te Elek­tro­nik drin wie heu­te.“Er ist an die­sem Wo­che­n­en­de als „mi­nüt­lich wer­den­der Va­ter“un­ter den Zu­schau­ern. Das lässt sich ein Old­tim­er­fan und -fah­rer wie er nicht neh­men.

Auch der 79-jäh­ri­ge Horst Abt fie­bert am Sams­tag­nach­mit­tag dem Mo­ment ent­ge­gen, wenn die ers­te be­tag­te Küh­ler­hau­be ih­re Schnau­ze in die Fuß­gän­ger­zo­ne schiebt, wäh­rend sein Sohn Jür­gen die Ka­me­ra schuss­be­reit hält. Und da kommt es an­ge­rat­tert, wird be­klatscht und mit Win­ken in Emp­fang ge­nom­men so­wie fach­ge­recht von Mo­de­ra­tor Jo­han­nes Hüb­ner aus Mann­heim kom­men­tiert: ein „De­la­ge“, der das Licht der Au­to­mo­bil­welt 1915 er­blickt hat und mit 24 PS un­ter­wegs ist. „Ge­schwin­dig­keit spielt hier kei­ne Rol­le“, sagt Reitz. Blau schim­mert der De­la­ge, über­trof­fen nur noch vom brei­ten Lä­cheln sei­nes Fah­rers Gün­ter John und sei­ner Frau Ma­ri­an­ne. Dau­men hoch. Und Hu­pe an. Die al­ler­dings klingt eher wie ein hei­se­res Hus­ten. „Mir ist das noch lie­ber, die Old­ti­mer in der Land­schaft zu se­hen. Das ge­fällt mir“, sagt Oli­ver Reitz, der sich über das gro­ße Teil­neh­mer­feld freut. Nicht selbst­ver­ständ­lich, denn bei Schloss Dyck im Rhein­land fin­den par­al­lel die „Clas­sic Days“statt. Wäh­rend­des­sen gibt Fach­mann Jo­han­nes Hüb­ner noch Tipps, wie man ei­ne Kupp­lung flickt. „Kork eig­net sich da her­vor­ra­gend.“

Fo­tos: Eh­mann

VIEL ZU SE­HEN AUF DEM PFORZ­HEI­MER MARKT­PLATZ: Auch wer sich sonst nicht be­son­ders mit Old­ti­mern be­schäf­tigt, hat­te am Sams­tag die Ge­le­gen­heit zum Schau­en und Stau­nen, nach­dem die Wa­gen in der In­nen­stadt ein­ge­trof­fen wa­ren.

ES IST GE­SCHAFFT: Die Ein­fahrt der Old­ti­mer auf den Pforz­hei­mer Markt­platz wird vom Rand aus be­ju­belt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.