Sur­ren­de Äx­te und ge­spuck­te Feu­er­bäl­le

His­to­ri­sches Spec­ta­cu­lum im Schloss­gar­ten

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Neu­en­bürg. Das fängt ja schon gut an: Am Ein­gang des „His­to­ri­schen Spec­ta­cu­lum“im Schloss­gar­ten von Neu­en­bürg emp­fängt die Be­su­cher ein wehr­haft aus­se­hen­der Mann, der sei­nen Kopf, Na­cken und Schul­ter mit ei­nem Ket­ten­schutz ver­se­hen hat und ei­nen Wolf auf dem Ge­wand trägt. „Lu­pus von Möh­rin­gen“ist aber ein fried­li­cher Rit­ter, der den Be­su­chern nicht et­wa sein Schwert an die Keh­le hält, son­dern viel­mehr ei­nen Ein­tritts-Stem­pel auf den Arm drückt. Man kann schon we­ni­ge Me­ter vor dem Ziel da­von aus­ge­hen, dass der Möh­rin­ger Lu­pus nicht der ein­zi­ge ist, der den zahl­rei­chen Gäs­ten am Wo­che­n­en­de bei der Zei­t­rei­se ins Mit­tel­al­ter hilft.

Es ist ei­ne an­de­re Welt, die man be­tritt. Zu­nächst die Ge­rü­che: Es riecht nach Holz­feu­er, nach Koh­le, auch mal nach reich­lich Schweiß, nach Le­der und nach köst­li­chen Spei­sen wie Stock­brot, Fla­den, Fleisch. Aber auch das Au­ge be­kommt an­ge­sichts der 54 Zel­te und La­ger beim 14. von den „Spiel­leu­ten und Lands­knech­ten Neu­en­bürg“aus­ge­rich­te­ten Spec­ta­cu­lum ei­ni­ges zu tun. Ge­wan­de­te noch und nö­cher, Rit­ter ras­seln vor­bei, Spiel­leu­te und Gauk­ler jon­glie­ren, ma­chen ih­re der­ben Spä­ße, und (zum Schein) wird auch hef­tig um die Rang­ord­nung ge­hackt be­zie­hungs­wei­se mit Waf­fen ge­kämpft.

Zwar schwarz ge­klei­det, aber in fried­li­cher Mis­si­on un­ter­wegs ist „Der schwar­ze Spiel­mann“Bar­ry Tailor aus Leon­berg. Er trägt ein selt­sam ge­run­de­tes Teil un­ter dem Arm. „Das war mal ei­ne Gas­fla­sche“, sagt er. Tailor hat den Kopf und Fuß zu ei­nem ein­zi­gen Ke­gel ge­schweißt und Schlit­ze rein­ge­fräst, die wie Tas­ten aus­se­hen. Die län­ge­ren von ih­nen er­zeu­gen tie­fe Tö­ne, wie er mit Hil­fe ei­nes Schle­gels vor­führt. Vor ei­nem Jahr, er­zählt der 27-Jäh­ri­ge, ha­be er das Mit­tel­al­ter für sich ent­deckt. Es sei ihm dann auf­ge­fal­len, dass er auf den Mit­tel­al­ter-Märk­ten im­mer nur Geld aus­ge­ge­ben ha­be, da be­schloss er, sich ak­tiv ein­zu­brin­gen – mit sei­nem Mu­sik­in­stru­ment. In­zwi­schen bie­tet er auch an­de­re exo­ti­sche In­stru­men­te au­ßer dem „Tank­drum“an. Und dann ver­schwin­det er in der Men­ge, hier ein Hal­lo, dort ein „Wie geht’s?“. Kein Zwei­fel, im Mit­tel­al­ter geht es fa­mi­li­är zu, man kennt sich. Und man taucht gern ab in ei­ne Zeit, die al­les an­de­re als hek­tisch ist und kein Smart­pho­ne kennt (heim­lich wer­den dann doch mal wel­che ge­zückt). Und das ist auch für den „nor­ma­len“Be­su­cher spür­bar: die Ent­schleu­ni­gung, die fried­li­che At­mo­sphä­re, ein an­ge­neh­mes „Auf­ge­ho­ben­sein“beim ge­mein­sa­men Spei­sen und auch La­chen.

Und das kit­zelt vor al­lem Gauk­ler Micha, der Feu­er­schlu­cker, her­vor. „Sitz“ herrscht er im Spaß Kin­der an, die sich ihm nä­hern. Sein Pu­bli­kum be­kommt auch mal ein „blö­des Pack“ab, aber man weiß: Der macht nur Spaß. Und es lohnt sich, in sei­ner Nä­he zu blei­ben. Micha öff­net bald dar­auf ei­ne fahr­ba­re Tru­he, jon­gliert mit lo­ser Zun­ge und flin­ken Hän­den Bäl­le und scheint sich bald dar­auf die Zun­ge (und an­de­re emp­find­sa­me Kör­per­tei­le) zu ver­bren­nen, ver­schwin­det gar hin­ter ei­nem aus­ge­spuck­ten Feu­er­ball. Er­leich­te­rung macht sich breit: Micha lebt noch. Wäh­rend­des­sen flie­gen bei den Plat­ten­wal­dBar­ba­ren die Äx­te. Auf die Ziel­schei­be. Die mit­tel­al­ter­li­chen Ge­sel­len ver­kau­fen auch Ge­wür­ze, bra­ten Le­cke­rei­en an, las­sen Kin­der bas­teln, Er­wach­se­ne stau­nen, Mu­sik von Du­del­sä­cken und Trom­meln schwirrt durch die Luft, in den acht La­gern er­ho­len sich die Rit­ter von ih­ren Kämp­fen. Der Neu­en­bür­ger Ver­ein hat kein Pro­blem da­mit, das His­to­ri­sche Spec­ta­cu­lum mit Le­ben aus ganz Deutsch­land zu fül­len; die fa­mi­liä­re At­mo­sphä­re zwi­schen Schloss und Burg­rui­ne wird ge­schätzt, wie Mar­co Mar­tin sagt. Die Zei­t­rei­se er­klärt auch, war­um man es mit mo­der­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln nicht so hat: Auf der Home­page sucht man das Pro­gramm ver­geb­lich. Aber In­si­der wis­sen: Hier ist im­mer et­was ge­bo­ten – in­klu­si­ve Feu­er­show am spä­ten Abend.

Rei­se in ei­ne Zeit oh­ne Smart­pho­ne

KEI­NE ANGST VOR LO­DERN­DEN FLAM­MEN: Feu­er­spu­cker Micha hielt das Pu­bli­kum beim His­to­ri­schen Spec­ta­cu­lum im Neu­en­bür­ger Schloss­gar­ten mit sei­nen Küns­ten in Atem. Fo­tos: Roth

LUFTIKUS nennt sich Eber­hard Nit­sche, der mit sei­ner Kon­takt­ku­gel das His­to­ri­sche Spec­ta­cu­lum auf den Kopf stel­len kann.

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