Glücks­fin­der am Schloss Got­te­saue

Der Reiz ei­ner Ki­no-Nacht un­ter frei­em Him­mel

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Kon­rad Stamm­schrö­er

Wo fin­de ich das Glück? Um die­se Fra­ge dreht sich der Do-It-Yours­elf-Film „Ex­pe­di­ti­on Hap­pi­ness“. Wäh­rend die bei­den Prot­ago­nis­ten über die ge­sam­te Film­län­ge da­nach su­chen, ha­ben es über 2 000 Ci­ne­as­ten an die­sem Abend schon ge­fun­den: Es liegt am Schloss Got­te­saue, in ei­ner Open-Air-Ki­noNacht. Mit De­cken, Kühl­ta­schen, Nu­del­sa­lat in Tup­per­do­sen, Sekt­glä­sern und le­ge­rem Som­mer­dress be­waff­net strö­men sie zum aus­strah­lungs­star­ken Ort ih­res Glücks. Es herrscht freie Platz­wahl. Die be­gehr­tes­ten Fle­cken sind flugs be­legt. „Wir lie­ben die Erd­wel­len auf den bei­den Ra­sen­flä­chen am Rand. Ein idea­ler Platz zum Pick­ni­cken und ei­ne idea­le Rü­cken­leh­ne zum Film­schau­en im Lie­gen“, ver­ra­ten die Con­nais­seu­re Chris und De­ni­se. Sie kom­men je­des Jahr, lie­ben das Un­ge­zwun­ge­ne, die Be­we­gungs­frei­heit. Auf ei­nen der 2 100 auf­ge­stell­ten wei­ßen Plas­tik­stüh­le

Re­kord­jahr 2016: 43 000 Gäs­te, 45 Spiel­ta­ge

zu ho­cken, ha­ben sie kei­nen Bock. „Die sind für ei­ne an­de­re Frak­ti­on.“Sie mei­nen das äl­te­re Pu­bli­kum.

Wer und was ver­schafft Glück? Im ge­zeig­ten Film, des­sen Ma­cher Fe­lix St­arck auch leib­haf­tig am Schloss prä­sent ist, sorgt ei­ne mehr­mo­na­ti­ge Rei­se von Alas­ka nach Me­xi­ko für je­de Men­ge Glücks­mo­men­te. Bei der Open-Air-Ki­no-Nacht an die­sem Abend sind es zu­nächst ein­mal die Na­tur und das Wet­ter. Kurz vor Film­start steht der zu­neh­men­de Mond knapp links an der 24 mal zehn Me­ter gro­ßen Lein­wand. Die blaue Stun­de zieht her­auf, Zeit für die stim­mungs­volls­ten Sel­fies. Vor 90 Mi­nu­ten er­glüh­te die West­sei­te des Schlos­ses noch in feu­er­ro­tem Son­nen­un­ter­gangs­licht. Fle­der­mäu­se durch­flat­tern das von Kas­ta­ni­en­bäu­men ge­säum­te Hof­kar­ree. Es weht ein lau­es Lüft­chen, die sti­cki­ge Luft des Ta­ges ist ab­ge­zo­gen. Die Film­bil­der lau­fen, das Pick­nick­ge­mur­mel er­lischt, die Spei­sen­aus­ga­be schließt. Selbst die zwei Ba­bys an Bord und die auf­fäl­lig vie­len Hun­de im Pu­bli­kum (die ver­mut­lich we­gen des drit­ten Film­haupt­dar­stel­lers, dem Ber­ner Sen­nen­hund Ru­di, mit­da­ckel­ten) ge­ben kei­nen Laut mehr von sich. „Ich ver­an­stal­te die Ki­no-Näch­te seit 2005. Seit­dem muss­te noch kei­ne Film­nacht wet­ter­be­dingt ab­ge­bro­chen wer­den. We­gen an­ge­kün­dig­tem Or­kan oder Stark­re­gen ha­ben wir nur ei­ne Hand­voll Auf­füh­run­gen im Vor­feld aus­fal­len las­sen“, bi­lan­ziert Schau­bur­gBe­trei­ber Her­bert Born. Na­tür­lich ste­he und fal­le das Ver­gnü­gen mit dem Wet­ter. „Es gibt aber Hart­ge­sot­te­ne, die sich von kei­nem Re­gen ab­hal­ten las­sen. Ei- ner hat mal ein klei­nes Zelt auf­ge­baut und so vom Re­gen ge­schützt vor­ne her­aus­ge­schaut“, er­zählt Born. Für Zelt­lo­se lie­gen preis­güns­ti­ge Re­gen­capes pa­rat. Wet­ter­ab­hän­gig ist in­so­fern auch die Zu­schau­er­bi­lanz. „Im ver­gan­ge­nen Jahr konn­ten wir mit 43 000 Gäs­ten an 45 Spiel­ta­gen ein Re­kord­jahr ver­bu­chen“, so Born. Ein­ge­führt hat die Open-Airs sein ver­stor­be­ner Vor­gän­ger Ge­org Fri­cker, der die von ihm ge­lieb­te At­mo­sphä­re des Film­fes­ti­vals Locarno nach Karls­ru­he im­por­tier­te.

Ne­ben dem Wet­ter und der Na­tur ist na­tür­lich auch das Pro­gramm Glücks­oder Frust­brin­ger. Ze­re­mo­ni­en­meis­ter Born setzt da­bei seit Jah­ren auf ei­nen be­währ­ten Mix: „Der be­steht zu ei­nem Teil aus Klas­si­kern wie in die­sem Jahr ,Die gros­se Sau­se’ mit Lou­is de Fun­ès oder ,La Bo­um – Die Fe­te’ und zum an­de­ren Teil aus er­folg­rei­chen Fil­men der ver­gan­ge­nen sechs bis acht Mo­na­te. Hin­zu kom­men Spe­cials wie am kom­men­den Don­ners­tag ,Das Wun­der von Ötig­heim: Ein Dorf spielt Thea­ter’, Pre­views und Pre­mie­ren. Und nicht zu ver­ges­sen zum Aus­klang am 10. Sep­tem­ber ,The Ro­cky Hor­ror Pic­tu­re Show’.“Da­nach muss eh ab­ge­baut und ge­rei­nigt wer­den. Das Schmei­ßen von Reis und Mehl hat sich das Pu­bli­kum je­doch zu ver­knei­fen.

Am Glück bei Got­te­saue zim­mern wei­te­re Kräf­te: Film­vor­füh­rer Micha­el Wet­ter­au­er et­wa. Aus dem zwei­ten Schloss­ge­schoss her­aus – ei­nem der schöns­ten Vor­führ­räu­me weit und breit, wie er und Born fin­den – steu­ert er die mit zwei Ap­pa­ra­ten

Der Er­folg hat vie­le Vä­ter

ge­kühl­te, di­gi­ta­le Vor­führ­ma­schi­ne. Um ge­ris­se­ne Film­bän­der muss er sich schon län­ger kei­ne Sor­gen mehr ma­chen. In sei­nen Hän­den liegt auch der Sur­ro­und­sound, den acht Laut­spre­cher in acht Eta­gen­fens­tern und Laut­spre­cher hin­ter der per­fo­rier­ten Loch­bild­lein­wand schaf­fen. Wei­te­re 45 Mit­ar­bei­ter küm­mern sich um den stress­frei­en Ein­lass an den Ein­gän­gen, für er­fri­schen­de Ge­trän­ke und herz­haf­te Spei­sen – nicht je­der er­scheint als Selbst­ver­sor­ger.

Wie lan­ge währt das Glück? Am Fil­men­de ist das jun­ge Pär­chen des Rei­sens über­drüs­sig ge­wor­den und will lie­ber wie­der an­kom­men. In der Pfalz et­wa, der Hei­mat des Fil­me­ma­chers Fe­lix St­arck. Das Pu­bli­kum der Ki­no-Nacht an die­sem Abend ist nach 101 Mi­nu­ten am Fil­men­de an­ge­kom­men. Höf­li­cher Ap­plaus von den Plas­tik­stüh­len und vom Ra­sen. Ent­spannt zie­hen die Zu­schau­er von dan­nen. Das Glück kann wei­ter­ge­hen, in die­ser Nacht und an den noch fol­gen­den Open-Air-Ter­mi­nen. „In Frank­furt ha­ben mal wel­che ver­sucht, auf ei­nem Park­platz am Main-Tau­nusZen­trum Ki­no­näch­te zu eta­blie­ren. Nach ei­nem Jahr muss­ten sie man­gels Re­so­nanz auf­ge­ben“, be­rich­tet Born. Ein Glück, dass es Schloss Got­te­saue in den Se­mes­ter­fe­ri­en der Hoch­schu­le für Mu­sik als Ki­no­ort gibt. Und Ge­org Fri­cker da­mals mit der Stand­ort­wahl ein glück­li­ches Händ­chen be­wies.

i Ser­vice

Open-Air-Ki­no-Näch­te gibt es noch bis zum 10. Sep­tem­ber.

Das Pro­gramm fin­det sich un­ter www.ope­n­air-karls­ru­he.de.

Fo­tos: jo­do

EIN WAN­DE­RER zwi­schen di­ver­sen Wel­ten: Fil­me­ma­cher Fe­lix St­arck ist manch­mal auf Rei­sen zwi­schen Alas­ka und Me­xi­ko, manch­mal in sei­ner al­ten Hei­mat der Pfalz und manch­mal zum Pro­mo­ten sei­ner Fil­me bei den Open-Air-Ki­no-Näch­ten in Karls­ru­he.

AL­LES IM GRIFF: Micha­el Wet­ter­au­er steu­ert vom zwei­ten Stock des Schlos­ses die di­gi­ta­le Film­vor­führ­tech­nik.

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