Die Lie­bes­er­klä­rung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN - JE­AN-PHIL­IP­PE BLONDEL

14. Fort­set­zung

Nie­mand ist ge­stor­ben, und so­lan­ge nie­mand stirbt, geht das Le­ben wei­ter, ver­stehst du, der ein­zi­ge Schmerz, der ein­zig wah­re Schmerz, der ei­nen ver­brennt, der ei­nen be­täubt, ist der, wenn ein Mensch stirbt, wenn dir klar wird, dass du ihn nie mehr wie­der­se­hen, be­rüh­ren oder dich an ei­nem Nach­mit­tag in ei­nem Ca­fé in der Haupt­stadt mit ihm tref­fen und fest­stel­len kannst, was die Zeit mit ihm an­ge­rich­tet hat. So, jetzt bin ich fer­tig, Co­ren­tin. Weißt du, was ich mir für dich wirk­lich wün­schen wür­de? Dass du dei­nen Be­ob­ach­ter­pos­ten ver­lässt. Es ist zu ein­fach, zu be­quem. Du musst hier­her, auf die Sei­te des Ge­sche­hens, wech­seln. Du hast jetzt lan­ge ge­nug nur zu­ge­schaut.

13. Ju­li

Die Span­nung ist deut­lich spür­bar.

Co­ren­tin ist mit der Ka­me­ra zu­gan­ge. Er über­prüft die Ver­bin­dun­gen, macht wei­te­re Auf­nah­men. Yvan ist auf der an­de­ren Sei­te des Trau­ungs­saals. Er schielt im­mer wie­der nach drau­ßen. Hier drin sind et­wa hun­dert Per­so­nen, ner­vös, aber fest ent­schlos­sen. Vor der gro­ßen Si­do­nie Coiroux, der jüngs­ten Stell­ver­tre­te­rin des Bür­ger­meis­ters. Sie wird die Trau­ung vor­neh­men, der­weil das Ober­haupt der Ge­mein­de sich strikt ge­wei­gert und ge­brüllt hat­te, in sei­nem Rat­haus wür­de es kei­ne Trau­ung von Schwu­len oder Les­ben ge­ben, so­lan­ge er le­be.

Da­von lie­ßen sich Fan­ny und Li­se nicht ab­schre­cken. Sie blie­ben ge­fasst und teil­ten ihm mit, dass sie die­se in­ter­es­san­te In­for­ma­ti­on an die höchs­ten Stel­len des Staa­tes wei­ter­zu­ge­ben ge­dach­ten. Der Bür­ger­meis­ter stand kurz vor ei­nem Schlag­an­fall. Er war ernst­haft ver­sucht zu­zu­schla­gen, doch dann fiel ihm ver­mut­lich ein, dass man Frau­en ge­gen­über nicht hand­greif­lich wer­den darf. Sehr viel wahr­schein­li­cher aber war ihm ein­ge­fal­len, dass er die sech­zig schon über­schrit­ten hat­te, wäh­rend die bei­den Frau­en um die drei­ßig wa­ren und Fan­ny, so zier­lich sie auch war, vor ei­ni­gen Jah­ren die re­gio­na­len Ka­ra­te­m­eis­ter­schaf­ten ge­won­nen hat­te. Gleich­wohl hat­te er Un­ter­stüt­zung her­bei­ge­ru­fen und be­foh­len, die­ses wi­der­na­tür­li­che Paar aus sei­nem Di­enst­zim­mer zu ent­fer­nen.

Fan­ny und Li­se mach­ten ih­re Dro­hung wahr. Die­ser Zwi­schen­fall schaff­te es auf die Ti­tel­sei­te der lo­ka­len Ta­ges­zei­tung und weck­te das In­ter­es­se ei­nes Pa­ri­ser Re­por­ters, mit­ten in der De­bat­te über das Recht auf Ehe­schlie­ßung von Ho­mo­se­xu­el­len. Ein Fern­seh­team wur­de ent­sandt, um dem Fall nach­zu­ge­hen. Der Bür­ger­meis­ter wei­ger­te sich, die Leu­te vom Fern­se­hen zu emp­fan­gen. Nach und nach war die Sa­che im­mer sym­bol­träch­ti­ger ge­wor­den.

Co­ren­tin und Yvan füh­len sich et­was über­for­dert. Da­bei wa­ren Fan­ny und Li­se von An­fang an sehr of­fen zu ih­nen ge­we­sen. Ur­sprüng­lich hat­ten sie gar nicht vor­ge­habt, das Duo als Hoch­zeits­fil­mer zu en­ga­gie­ren, sie woll­ten nur Fo­tos ha­ben – ganz na­tür­li­che, oh­ne Po­sen, ab­ge­se­hen von der tra­di­tio­nel­len Auf­nah­me auf den Stu­fen des Rat­hau­ses. Für Yvan hat­ten sie sich ent­schie­den, weil Fan­ny, die bei ei­nem Im­mo­bi­li­en­mak­ler ar­bei­tet, sei­ne Fo­tos von den neu­en Nied­rig­ener­gie­häu­sern so gut ge­fal­len hat­ten. Was die Hoch­zeit be­traf, so hat­te sich Yvan je­den Kom­men­tars ent­hal­ten – ob ho­moo­der he­te­ro­se­xu­ell, ei­ne Hoch­zeit war und blieb ei­ne Hoch­zeit, sprich: Ar­beit und so­mit Ein­kom­men. Die ge­sell­schaft­li­che De­bat­te in­ter­es­siert ihn herz­lich we­nig. Sei­ner Mei­nung nach muss das Pri­vat­le­ben das sein, was der Na­me schon sagt – pri­vat. Kei­ne Ge­mein­de, Re­gi­on und kein Staat hät­ten das Recht, Ge­set­ze über das In­tim­le­ben der Bür­ger zu er­las­sen. Co­ren­tin fin­det die Si­tua­ti­on an sich ganz amü­sant. Im­mer­hin wür­de die Trau­ung an­ders sein als sonst, und ihm war je­de Ab­wechs­lung recht. Au­ßer­dem könn­te er hin­ter­her bei ei­nem Abend­es­sen im Kreis sei­ner Freun­de von die­ser Trau­ung er­zäh­len, was den Vor­teil hät­te, dass sich die Un­ter­hal­tung end­lich mal um et­was an­de­res dre­hen wür­de als um sein Sing­le­da­sein und sei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ven.

Als sich die Sa­che zu ei­ner Af­fä­re von na­tio­na­ler Be­deu­tung aus­wuchs, hat­ten Yvan und Co­ren­tin schon be­fürch­tet, durch re­nom­mier­te­re Fo­to­gra­fen er­setzt zu wer­den, die ei­gens aus Pa­ris an­rei­sen wür­den, um für die Rech­te von Min­der­hei­ten ein­zu­tre­ten und ih­rem Be­rufs­stand da­durch ei­nen ethi­schen An­strich zu ver­lei­hen. Und tat­säch­lich hat­ten sich ei­ni­ge ge­mel­det und ih­re Di­ens­te zu Schleu­der­prei­sen an­ge­bo­ten. Doch Fan­ny und Li­se hat­ten ab­ge­lehnt. Sie gin­gen so­gar noch ei­nen Schritt wei­ter und ba­ten Co­ren­tin und Yvan, den gan­zen Tag da­bei zu sein und al­les zu fil­men. Da­mit woll­ten sie in­dis­kre­ten Re­por­tern den Wind aus den Se­geln neh­men und vor al­lem Be­weis­ma­te­ri­al sam­meln – und soll­te es je zu ei­nem Eklat kom­men, könn­ten sich die Auf­nah­men der bei­den Hoch­zeits­fil­mer als sehr nütz­lich er­wei­sen, zum Bei­spiel im Fal­le ei­nes Pro­zes­ses. Bei der Er­wäh­nung von ju­ris­ti­schen Fol­gen hat­ten sich Co­ren­tins Ein­ge­wei­de ver­kno­tet, doch das leich­te Zit­tern sei­ner Hän­de ver­riet, dass er die­sen Ge­dan­ken recht auf­re­gend fand.

Sie hat­ten schon sehr viel ge­lacht an die­sem Mor­gen. Die jun­gen Frau­en hat­ten be­schlos­sen, sich ge­mein­sam vor­zu­be­rei­ten und bei­de ein Braut­kleid zu tra­gen. Zu viert wa­ren sie zu ei­nem Fri­seur­sa­lon ge­gan­gen, den sie ei­gens für die­sen An­lass ge­mie­tet hat­ten. Die Stim­mung war recht lo­cker ge­we­sen. Bei­de Bräu­te woll­ten un­be­dingt vor der Ka­me­ra ei­ne klei­ne Re­de hal­ten, in dem Raum, der nor­ma­ler­wei­se dem Per­so­nal vor­be­hal­ten war. Ge­trennt von­ein­an­der hat­te je­de ih­re ers­te Be­geg­nung ge­schil­dert und von Lie­be auf den ers­ten Blick ge­spro­chen, die bei­de wie ein Blitz aus hei­te­rem Him­mel ge­trof­fen hat­te. Li­se woll­te aus be­ruf­li­chen Grün­den hier­her­zie­hen, und Fan­ny soll­te ihr ei­ni­ge Woh­nun­gen vor­füh­ren. Sie war von Li­ses Charme auf An­hieb so ver­zau­bert ge­we­sen, dass sie sich kaum noch auf ih­re Auf­ga­be kon­zen­trie­ren konn­te. Fort­set­zung folgt

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