Ein Dorf spielt Thea­ter

Be­woh­ner von Ötig­heim bril­lie­ren als Darstel­ler

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ste­fan Jeh­le

Ötig­heim. Kurt Tüg steht am Fu­ße der in die Na­tur ein­ge­bet­te­ten Büh­ne und lacht: 1963 sei er das ers­te Mal da­bei ge­we­sen. Er ha­be jetzt zwei­mal das Le­bens­al­ter sei­ner „Jungs“er­reicht: Sohn Ma­xi­mi­li­an stand 2003 erst­mals auf den Thea­ter­bret­tern, die sich „Größ­te Frei­licht­büh­ne Deutsch­lands“nen­nen. Sein Bru­der Jo­han­nes fing frü­her an: mit drei Jah­ren.

Wer in der et­wa 4 500 Ein­woh­ner zäh­len­den Dorf­ge­mein­schaft Ötig­heim da­zu ge­hört, spielt mit bei den Volks­schau­spie­len. Die For­mel „Ein gan­zes Dorf spielt Thea­ter“gilt in dem Ort als ge­flü­gel­tes Wort. Tags­über sind die Be­woh­ner An­ge­stell­te, Hand­wer­ker oder Be­am­te, abends spie­len sie Welt­thea­ter – und wer­den zu Schau­spie­lern, Büh­nen­tech­ni­kern oder Mu­si­kern. Jahr für Jahr pil­gern bis zu 100 000 Be­su­cher auf das Frei­licht­spiel­ge­län­de am süd­li­chen Orts­rand. Vor we­ni­gen Mo­na­ten war vom „Wun­der von Ötig­heim“die Re­de, als Ti­tel ei­ner 90-mi­nü­ti­gen Fern­seh­do­ku­men­ta­ti­on. Denn es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, dass sich mehr als 600 Ak­ti­ve re­gel­mä­ßig als Schau­spie­ler be­tä­ti­gen – ob Schü­le­rin, Kran­ken­schwes­ter oder In­ge­nieur aus dem Nach­bar­ort. Ma­xi­mi­li­an Tüg et­wa ar­bei­tet bei ei­ner Steu­er­be­ra­ter­kanz­lei in Baden-Baden. Sie al­le eint ei­nes: Sie spie­len in ih­rer Frei­zeit lie­bend ger­ne Thea­ter. Fünf de­rer sind es bei den Tügs: auch der jüngs­te Sohn der Fa­mi­lie, Lu­kas, steht auf der Büh­ne, die Mut­ter küm­mert sich hin­ter der Ku­lis­se um gas­tro­no­mi­sche Wün­sche, auch sie spiel­te frü­her mit. Ru­di Wild, 1959 erst­mals da­bei, er­zählt, zehn Pro­zent der Be­völ­ke­rung sei­en am Thea­ter en­ga­giert, ein Drit­tel der Ak­ti­ven kä­me „aus der Um­ge­bung“. Da­bei et­wa ein frei­er Jour­na­list aus Dur­mers­heim, der im Haupt­stück „Lu­ther“erst­mals ei­ne tra­gen­de Rol­le spie­len darf.

Be­son­ders oft ge­spielt wird Schil­lers „Wil­helm Tell“: 22-mal in 111 Jah­ren des Be­ste­hens. Ötig­heim heißt des­halb auch das „Tell-Dorf“. Es ist ein be­son­de­res Ge­mein­schafts­ge­fühl, das Ötig­heim aus­macht. „Wer Lust hat mit­zu­ma­chen, ist ger­ne ein­ge­la­den“, sagt Jo­han­nes Tüg. Es ge­be „durch­aus Ehr­geiz“, aber kei­nen Neid un­ter­ein­an­der. Bei der Rol­len­ver­tei­lung sei „ein Cas­ting-Vor­spiel eher der Aus­nah­me­fall“, er­gänzt Bru­der Ma­xi­mi­li­an. Wer sein Ta­lent be­wei­se „wird auch öf­ters ge­fragt“, sagt die­ser. Das scheint bei dem be­tag­ten Hob­by­schau­spie­ler Gottfried

111. Som­mer der Volks­schau­spie­le

Nold im­mer noch der Fall zu sein: 2015 spiel­te er wie­der ei­ne tra­gen­de Rol­le: den Ka­pell­meis­ter Bon­no, in dem Mu­si­cal „Ama­de­us“.

Nold wur­de 2016 für 85 Jah­re Mit­glied­schaft ge­ehrt. Sei­ne Toch­ter Sa­bi­ne Speck ist Spie­ler­vor­stand, En­kel Patrick als Orches­ter­wart ak­tiv.

Bei der Viel­zahl der Ak­teu­re, rund 600 vor und hin­ter der Büh­ne, und Hun­der­ten von Auf­füh­run­gen im Lauf der Jah­re, kann man leicht mal durch­ein­an­der­kom­men: vie­le der Fa­mi­li­en­na­men sei­en „ty­pi­sche und in Ötig­heim sehr häu­fig vor­kom­men­de Na­men“, schmun­zelt Ge­schäfts­stel­len­lei­ter Marc Moll. Das gel­te et­wa für Kühn, Köl­mel oder Kalk­bren­ner.

Tra­di­tio­nell be­gin­ne der Auf­takt zu den „Mas­sen­pro­ben“am Os­ter­mon­tag, Sprech­pro­ben star­ten schon im No­vem­ber des Vor­jah­res, sagt Ma­xi­mi­li­an Tüg. Bleibt da noch Frei­zeit für an­de­res? Der 27-jäh­ri­ge Jo­han­nes Tüg lacht: er sei auch noch beim Ötig­hei­mer Fas­nachts­ver­ein tä­tig.

Auf der Büh­ne der Volks­schau­spie­le gibt er die­ses Jahr den Ly­san­der in Sha­ke­speares „Ein Som­mer­nachts­traum“. Bru­der Lu­kas spielt Phil­ipp Me­lan­chthon – im ei­gens für Ötig­heim ge­schrie­be­nen Mo­nu­men­tal­stück „Lu­ther“, bei dem an ei­nem Abend rund 450 Per­so­nen auf­tre­ten. „Wir ha­ben et­was Ein­zig­ar­ti­ges ge­schaf­fen in Ötig­heim“, schwärmt Jo­han­nes Tüg.

DREI LE­BEN FÜR DIE VOLKS­SCHAU­SPIE­LE: Die Brü­der Ma­xi­mi­li­an (links) und Jo­han­nes Tüg (Mit­te) so­wie Ru­di Wild sind be­geis­ter­te Darstel­ler. Ihr Bru­der Lu­kas spielt in die­sem Jahr Phil­ipp Me­lan­chthon im Mo­nu­men­tal­stück „Lu­ther“. Fo­to: Jeh­le

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