An­na Netreb­ko in gro­ßer Form

Salz­bur­ger Fest­spie­le: Die Film­künst­le­rin Shi­rin Nes­hat in­sze­nier­te „Ai­da“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Ein biss­chen kam man sich vor wie in der Are­na von Ve­ro­na. Die Trom­pe­ten schmet­ter­ten beim Tri­umph­marsch, dass es ei­ne Freu­de war, die Men­schen­mas­sen wall­ten hin und her, und die Sän­ger ver­aus­gab­ten sich an der Ram­pe. Fehl­ten nur noch die Ele­fan­ten. Doch dies war nicht Ve­ro­na, son­dern das Gro­ße Fest­spiel­haus zu Salz­burg. Und auf der Büh­ne stand nicht ir­gend­wer, son­dern die der­zeit wohl bes­te (und teu­ers­te) So­pra­nis­tin der Welt: An­na Netreb­ko. Die Rus­sin gab vor il­lus­trem Pu­bli­kum ihr mit Span­nung er­war­te­tes De­büt als Ai­da in Gi­u­sep­pe Ver­dis gleich­na­mi­ger Oper. Es war DAS ge­sell­schaft­li­che Er­eig­nis der dies­jäh­ri­gen Salz­bur­ger Fest­spie­le, aber kein Mei­len­stein des Mu­sik­thea­ters. Der neue In­ten­dant der Fest­spie­le, Mar­kus Hin­ter­häu­ser, hat­te die ira­ni­sche Re­gis­seu­rin Shi­rin Nes­hat, pro­vo­ka­ti­ve Mul­ti­künst­le­rin und Frau­en­recht­le­rin, mit dem gro­ßen Ma­e­s­tro Ric­car­do Mu­ti am Pult der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker zu­sam­men­ge­spannt. Und mit der gött­li­chen Di­va. Ein Er­folg schien pro­gram­miert.

Doch der aus dem Iran emi­grier­ten, jetzt in New York le­ben­den Opern­no­vi­zin fiel we­nig ein zu Ver­dis Klas­si­ker. Da­bei hat­te sie zu­vor in In­ter­views und im Pro­gramm­buch al­les so schön er­klärt: die Rol­le der Frau­en im Is­lam, die Macht der Män­ner im Got­tes­staat, den der­zeit gras­sie­ren­den re­li­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus, die Flücht­lings­kri­se, ih­re ei­ge­ne Nä­he zur Fi­gur der Ai­da, die als äthio­pi­sche Skla­vin an den Hof der ägyp­ti­schen Pha­ra­os kommt, sich dort in den Feld­her­ren Ra­da­mes ver­liebt, der kurz da­nach in den Kampf zieht, ge­gen das Heer ih­res ei­ge­nen Va­ters. Lei­der sah man da­von we­nig bis nichts in ih­rer Ins­ze­nie­rung. Per­so­nen­re­gie, Chor­re­gie? Fehl­an­zei­ge. Auch ein schlüs­si­ges, mit­rei­ßen­des Kon­zept such­te man ver­ge­bens. Au­ßer dif­fu­ser Re­li­gi­ons­kri­tik und ein biss­chen Flücht­lings­kitsch hat­te Nes­hat nichts zu bie­ten.

Man sah ei­ne ziem­lich alt­ba­cke­ne „Ai­da“-Deu­tung, gra­vi­tä­tisch bis zum Still­stand. In die­sem Set­ting droh­te der pom­pö­se Tri­umph­marsch, des­sen Pa­thos ei­gent­lich ei­ne Bre­chung er­for­dert, ins un­frei­wil­lig Ko­mi­sche ab­zu­drif­ten. Frei­lich gab es auch ein paar ein­drucks­vol­le Bil­der. Die wa­ren we­ni­ger Nes­hat als Büh­nen­bild­ner Chris­ti­an Schmidt zu ver­dan­ken, der ei­nen wan­del­ba­ren, an ira­ni­sche Re­vo­lu­ti­ons­ar­chi­tek­tur er­in­nern­den Büh­nen­kas­ten kon­stru­iert hat. Die blen­dend wei­ße Kon­struk­ti­on in Sicht­be­ton-Op­tik dien­te mal als Pha­rao­nen­pa­last, mal als Tri­bü­ne, und ver­wan­delt sich zum Schluss, wenn der ver­meint­li­che Ver­rä­ter Ra­da­mes in ei­nem Ver­lies le­ben­dig be­gra­ben wird, in ei­nen her­me­tisch ab­ge­schlos­se­nen Bun­ker. Dar­in ster­ben er und Ai­da, die sich heim­lich in das Gr­ab ge­schli­chen hat, pro­gramm­ge­mäß den Lie­bes­tod, wäh­rend drau­ßen die ägyp­ti­sche Kö­nigs­toch­ter Am­ne­ris, ei­gent­lich Ri­va­lin der Ai­da um die Gunst des Ra­da­mes, ver­zwei­felt zu­rück­bleibt und das „gott­lo­se Ges­in­del“der Pries­ter ver­dammt, die Ra­da­mes auf dem Ge­wis­sen ha­ben.

Zu­min­dest An­na Netreb­ko ent­täusch­te die Er­war­tun­gen nicht. Vor al­lem im letz­ten Akt, dem dra­ma­ti­schen Zen­trum der Oper, lief sie zu gro­ßer Form auf. In al­len Re­gis­tern über­zeug­te die Di­va mit kräf­ti­gem Fun­da­ment und si­che­rer In­to­na­ti­on. Ih­re be­rühm­te Arie „Pa­tria mia“mach­te ei­ne län­ge­re Ju­bel­un­ter­bre­chung not­wen­dig. Selbst in den Mas­sen­sze­nen über­tönt sie das von Mu­ti zu edel-opu­len­tem XXL-Breit­band­sound an­ge­fach­te Orches­ter mü­he­los, oh­ne zu schrei­en. Der Te­nor Fran­ces­co Me­li als Ra­da­mes war ihr ein eben­bür­ti­ger Part­ner, wenn­gleich er in der Hö­he et­was be­legt klang. Auch die groß­ar­ti­ge Mez­zo­so­pra­nis­tin Eka­te­ri­na Se­men­chuk als Am­ne­ris ließ kei­ne vo­ka­len Wün­sche of­fen. Am En­de gab es ei­nen Bei­fall­sor­kan für Netreb­ko, Mu­ti und Co. Ge­org Etscheit

GEGENSPIELERINNEN: Eka­te­ri­na Se­men­chuk (Mit­te) als Am­ne­ris und An­na Netreb­ko als Ai­da in der gleich­na­mi­gen Oper von Gi­u­sep­pe Ver­di, die jetzt im Gro­ße Fest­spiel­haus zu Salz­burg Pre­mie­re hat­te. Fo­to: AFP

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