„Ich kann kei­ne Kunst ma­chen, die je­der liebt“

Mar­kus Lü­pertz und das Karls­ru­her „Ge­ne­sis“-Pro­jekt: Der Künst­ler stellt Fak­ten ge­gen Miss­ver­ständ­nis­se

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Micha­el Hübl

Karls­ru­he. Er ist was­ser­scheu, schreckt aber nicht vor Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu­rück. Er hat kein Han­dy, aber ei­ne kla­re Hal­tung. Er ist welt­er­fah­ren, und doch ver­steht er die Welt nicht mehr. Je­den­falls, wenn es um die Re­ak­tio­nen auf sein Pro­jekt „Ge­ne­sis“geht. Mar­kus Lü­pertz sitzt in der Kü­che sei­nes Karls­ru­her Hau­ses, ei­nem ehe­ma­li­gen Werk­statt­ge­bäu­de, und re­det Kl­ar­text. Nach Wo­chen der Mut­ma­ßun­gen und Miss­ver­ständ­nis­se, der Auf­re­gun­gen und Ab­wei­sun­gen möch­te der Ma­ler und Mu­si­ker, Plas­ti­ker und Po­et im Dia­log mit den BNN die Fak­ten spre­chen las­sen.

Zur Er­in­ne­rung: Wenn im Jahr 2020 – mög­li­cher­wei­se – die Karls­ru­her Un­ter­pflas­terstra­ßen­bahn (U-Strab) er­öff­net wird, sol­len an den sie­ben Sta­tio­nen Wer­ke von Mar­kus Lü­pertz zu se­hen sein. An je­dem Bahn­steig ei­nes, das wä­ren dann ins­ge­samt 14 Ke­ra­mi­k­re­liefs. Die­ses Vor­ha­ben wur­de jüngst vom Karls­ru­her Gemeinderat ge­bil­ligt, führ­te al­ler­dings auch zu ve­he­men­ten Ein­sprü­chen, am mar­kan­tes­ten und dras­tischs­ten for­mu­liert von Pe­ter Wei­bel, dem Vor­stand des Zen­trums für Kunst und Me­di­en (ZKM) in Karls­ru­he, das ge­gen­wär­tig un­ter dem Titel „Kunst, die im We­ge steht“ei­ne gro­ße Lü­pertz-Aus­stel­lung zeigt.

Ein Ein­wand ge­gen das Un­ter­neh­men gilt dem Um­stand, dass hier ei­nem ein­zel­nen Künst­ler ein Fo­rum ge­bo­ten wird, oh­ne dass vor­her ir­gend­ein Aus­wahl­ver­fah­ren, et­wa ein Wett­be­werb, statt­ge­fun­den hät­te. Lü­pertz weist nun dar­auf hin, dass sei­ne Ar­bei­ten au­ßer­halb des­sen ste­hen, was ge­mein­hin un­ter dem Be­griff „Kunst am Bau“ver­stan­den wird. Fas­zi­niert von den un­ter­ir­di­schen Räu­men und be­geis­tert vom Ma­te­ri­al Ma­jo­li­ka ha­be er bei der Stadt an­ge­fragt, ob er zeit­lich be­fris­tet in den U-Strab-Hal­te­stel­len Ke­ra­mik-Ar­bei­ten prä­sen­tie­ren dür­fe.

Das ge­plan­te Vor­ge­hen schil­dert Lü­pertz so: Spon­so­ren schlie­ßen sich zu ei­nem Ver­ein zu­sam­men, fi­nan­zie­ren die Her­stel­lung der Re­liefs (zu de­nen der Künst­ler be­reits Skiz­zen ge­fer­tigt hat) und wer­den de­ren Ei­gen­tü­mer. „Nach sechs Jah­ren wer­den die Wer­ke der Stadt als Ge­schenk an­ge­bo­ten“, be­tont der 76-Jäh­ri­ge, der lan­ge an der Kunst­aka­de­mie Karls­ru­he lehr­te. „Wenn die Stadt dann nein sagt, wird das Gan­ze wie­der ab­mon­tiert, und zwar kos­ten­los“, er­klärt Lü­pertz. „Wo soll da ein Wett­be­werb statt­fin­den?“, fährt er fort und fügt schmun­zelnd hin­zu: „Au­ßer­dem möch­te ich mich bei mei­nem Freund Pe­ter Wei­bel be­dan­ken, dass er mir tem­po­rär sein Haus zur Ver­fü­gung ge­stellt hat – oh­ne Wett­be­werb.“Er spielt da­mit sei­ne auf zwei Licht­hö­fe aus­ge­leg­te Werk­schau im ZKM an, die noch bis 20. August zu se­hen ist.

Lü­pertz legt äu­ßers­ten Wert dar­auf, dass er sich nicht be­klagt. Im Ge­gen­teil. Ihn freut, dass sich das Karls­ru­her Stadt­par­la­ment für ihn ent­schie­den hat, was er schon des­halb be­mer­kens­wert fin­det, weil er laut ei­ge­ner Aus­sa­ge mit dem Karls­ru­her Ober­bür­ger­meis­ter Frank Men­trup (SPD) Still­schwei­gen ver­ein­bart hat­te, da­mit der Gemeinderat oh­ne lan­ges vor­he­ri­ges Hin-und-Her un­be­fan­gen ent­schei­den kön­ne.

Dass es jetzt doch zu teil­wei­se hef­ti­gen Dis­kus­sio­nen ge­kom­men ist, liegt wohl nicht zu­letzt an An­ton Goll, dem um­strit­te­nen ehe­ma­li­gen Ge­schäfts­füh­rer der Karls­ru­her Ma­jo­li­ka. Nach­dem sich Lü­pertz an ihn ge­wandt hat­te, „weil er vom Fach ist“, mach­te Goll sich zum Pro­mo­ter des „Ge­ne­sis“-Pro­jekts, wo­bei er sich ger­ne auch mal un­au­to­ri­siert mit ver­meint­li­chen Be­für­wor­tern schmück­te, die sich dann öf­fent­lich von der An­ge­le­gen­heit dis­tan­zier­ten. Goll ha­be sich da vor lau­ter Be­geis­te­rung „ver­ga­lop­piert“, meint Lü­pertz.

Die Fol­ge: Es kom­men Be­haup­tun­gen hoch, die er rich­tig­ge­stellt wis­sen möch­te. Stich­wort „Ge­ne­sis“. Da wirft man ihm vor, christ­li­che Kunst ge­hö­re nicht in ei­nen öf­fent­li­chen Raum. Für den Künst­ler ein dop­pelt un­ver­ständ­li­cher Vor­be­halt. „Seit wann dür­fen Pre­di­ger nicht mehr auf die Stra­ße ge­hen?“, fragt er. Sich an der Schöp­fungs­the­ma­tik zu stö­ren, heißt für ihn: „Das ist so, als kä­me ich nach Kai­ro und fühl­te mich durch die Mo­sche­en pro­vo­ziert. Wenn wir Glau­bens­viel­falt wol­len, dann müs­sen wir die be­ste­hen­den Zei­chen der ein­zel­nen Re­li­gio­nen re­spek­tie­ren.“Im üb­ri­gen ver­ste­he er „Ge­ne­sis“viel of­fe­ner und wei­ter, als es in der Bi­bel steht. Für ihn geht es ganz all­ge­mein um die Ent­ste­hung der Welt. Wie die Ar­bei­ten ein­mal aus­se­hen, das wis­se er heu­te noch gar nicht: „Das könn­te ja so­gar an­ti­christ­lich sein“, gibt er zu be­den­ken. Wenn al­les fer­tig sei, kön­ne man dar­über dis­ku­tie­ren, dür­fe man sei­ne Gestal­tun­gen auch ger­ne ab­leh­nen, das sei für ihn All­tag, denn: „Ich kann kei­ne Kunst ma­chen, die je­der liebt. Wie soll das ge­hen?“

Nach sechs Jah­ren: Ge­schenk oder Ab­bau

LEI­DEN­SCHAFT­LI­CHER VER­FECH­TER SEI­NER SA­CHE: Mar­kus Lü­pertz, hier im Zen­trum für Kunst und Me­di­en (ZKM), wehrt sich ge­gen Vor­wür­fe, die im Zu­sam­men­hang mit sei­nen Plä­nen für die Karls­ru­her U-Strab ste­hen. Aus­drück­lich er­klärt er: „Der Stadt ent­ste­hen kei­ner­lei Kos­ten, nicht ein­mal ein Pfen­nig.“Fo­to: Deck

BLICK IN EI­NE UNGEWISSE ZUKUNFT: Die Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on zeigt, wie ei­ne künf­ti­ge Hal­te­stel­le der Karls­ru­her U-Strab aus­se­hen könn­te – even­tu­ell mit Wer­ken des in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Künst­lers Mar­kus Lü­pertz. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.